Todestag von Karel Kryl - Mercurius lässt grüßen
Nein, erinnert hat heute offenbar keine tschechische Zeitung daran. Warum auch, es ist schließlich kein rundes Jubiläum: Am 3. März 1994 starb in München der Liedermacher und Dichter Karel Kryl. Auch in meinem Kalender ist das Datum nicht rot angestrichen und so kann ein “Nachruf” oder “Karel-Kryl-Gedenkartikel” aus Zeitgründen getrost bis zum nächsten - dann 15. Jubiläumsjahr - warten.
In Tschechien ist das Problem mit Karel Kryl aber auch gar nicht, dass seiner zu selten gedacht würde oder gar seine Lieder in Vergessenheit gerieten. Das Gegenteil ist der Fall: Seine Lieder kennen Jung und Alt, man singt sie am Lagerfeuer, hört sie im Radio oder versucht sich an ihnen bei “Superstar”-Gesangswettbewerben.
Karel Kryl ist ein tschechischer Nationalheld, einer der wenigen unangefochtenen: Schon zu Lebzeiten als Protestsänger eine Legende, entrückte ihn sein früher Tod vollends zum Nationalheiligen. Als der widerspenstige Sänger für immer verstummte, war er keine fünfzig.
Die “Samtene Revolution” war da grade mal vier Jahre her und der lebendige Karel Kryl aus Fleisch und Blut offenbar für seine Umwelt nicht nur ein sehr unbequemer, sondern teilweise auch unangenehmer, weil sehr desillusionierter und wohl auch verbitterter Zeitgenosse.
Heute scheint es manchmal, als hätte er “Melodien für Millionen” geschrieben, Kryl eint sie alle und wird von allen vereinnahmt.
Der Sänger Daniel Landa zum Beispiel: einst war er Frontmann der Skinhead-Band Orlík. Heute trägt er zwar immer noch Glatze, achtet aber sorgfältig darauf, die Kurve zwischen Skinhead-Chic und Street Credibility hinzubekommen. So was kommt an. Richtig salonfähig wird man so zwar nicht, kann aber um so besser Kasse machen. In der Mitte der Gesellschaft verdient es sich immer am besten.
Tschechiens Premier Mirek Topolánek, dem niemand ernsthaft nachsagt, ein Intellektueller oder Rechtsextremer zu sein, hält sich selbst für einen “chlap s gulamy”. Der Regierungschef beruft sich gern auf ähnlich gestrickte Leute, die das Herz am rechten Fleck und dann vor allem noch was zwischen den Beinen haben. So führte er Ende Januar im tschechischen Parlament eine Liederzeile eben jenes Daniel Landa gegen den Schatten-Gesundheitsminister David Rath ins Feld, um seinem politischen Kontrahenten richtig Kontra zu geben (”Já použiji ještě dnes jednu citaci z písničky Dana Landy: ‘Vždyť i to největší hovado má svůj strop,’ vy ho nemáte.”). Schlagzeilen machte vor allem die Einführung des Unwortes “hovado” ins Abgeordnetenhaus.
Heute berichtet die Zeitung Lidové noviny, der vom Premier im Prager Abgeordnetenhaus zitierte Daniel Landa kündige seine bevorstehende “Československo 2008 Tour” mit Plakaten an, deren Hintergrund die einstige Protektoratsflagge bilde. Auf der Posterzeichnung ist auf dem Kragen des Sängers zudem die Aufschrift “Mercurius” zu erkennen. Damit nährt der Sänger Expertenspekulationen, möglicherweise sei hier ein verschlüsselter Hitlergruß enthalten. Als sonnennächster Planet hat der Merkur nämlich nicht nur den geringsten Abstand zur Sonne, sondern mit etwa 88 Tagen auch die kürzeste Umlaufzeit. Der achte Buchstabe im Alphabet ist bekanntlich ein H und so weiter…
Mir persönlich jedenfalls dreht sich der Magen um, wenn ich einen Daniel Landa seine kitschige Blut-und-Boden-Version des Karel-Kryl-Liedes “Morituri te salutant” singen höre.
Ich mochte ohnhin von jeher die teilweise im Exil entstandene Platte Rakovina lieber, als die sehr melancholisch und ungleich populärere Bratříčku, zavírej vrátka, aus deren Liedern vornhemlich die unzähligen Kryl-Coverversionen rekrutiert werden.
Die Rakovina hatte mich schon beim allerersten Hören sehr beeindruckt, denn obwohl ich nach meinen ersten Tschechischlektionen Anfang der 90er Jahre damals praktisch kein Wort der Kryl’schen Texte verstand, so ließ der schneidende und unter die Haut gehende Gesang dieser Platte doch immerhin auch ohne Sprachkenntisse die Abgründe an Wut und Sarkasmus des jungen Liedermachers erahnen, die diesen Aufnahmen ihre bis heute eindrucksvolle Kraft verleihen. Da bleibt kein Raum für gefällige Melancholik.
Die Coverzeichnung stammt übrigens von dem Zeichner Ivan Steiger. Sie zeigt drei Reihen fiktiver Verdienstorden, aufgereiht wie in einem Selbstbedienungsladen für beliebige Anlässe und Tugenden: der letzte ist vorausschauend sicherheitshalber mit “rezerva” bezeichnet.
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Landa und Topolánek sind für die tragikomische Situation in der tschechischen Politik - und Musikszene symptomatisch:
Landa: Ein Nazi und Sektenführer, der überhaupt nicht singen kann. Aber unter den furchterregenden Individuen, mit denen uns die tschechischen Kommerzmedien füttern ( Michal David, Helena Vondráčková, Chinaski, Kabát ), gehört er trotzdem zu den akzeptableren.
Topolánek: Ein jovialer Dorfonkel mit IQ cca. 80 , der sich aus dem Wahlprogramm seiner Partei überhaupt nichts macht. Und trotzdem ist keiner der Vorstände der anderen parlamentarischen Parteien deutlich besser. Wir haben da noch die Stb - Angeber Paroubek und Filip, den Dieb Čunek und den politischen Turisten und Intrikan Bursík zur Auswahl :))