“One World” - Das Festivaltagebuch Teil 4

One WorldWenn man normalerweise einen Brief schreibt, dann hofft man, dass der Brief auch jene Person erreicht, an die er gerichtet ist. Bei dem Dokumentarfilm „Letter to Anna“ ist das leider ein bisschen anders. Denn Anna ist tot. Anna wurde im Oktober 2006 ermordet, weil sie Dinge geschrieben hat, die bestimmte mächtige Leute nicht lesen wollten. Anna heißt mit Nachnamen Politkovskaja und ist die berühmte russische Journalistin, die offen und schonungslos die Putin-Regierung und den Krieg in Tschetschenien kritisierte. Beim „One World“-Dokumentarfilmfestival wird an den Fall Politkovskaja erinnert.

Sie hat wohl einen Artikel zu viel geschrieben, mal wieder einen Artikel, der die Regierung Putins kritisch hinterfragt und Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien aufdeckt. Anna Politkovskaja gehörte zu den wenigen verbliebenen Stimmen in Russland, die noch den Mut hatten, laut auszusprechen, was sie denken. Die kämpferische Journalistin musste für diesen Mut mit ihrem Leben bezahlen. Schon zu Beginn des Films sagt sie, es komme ihr wie ein Wunder vor, dass sie noch am Leben ist. Denn so viel steht fest: Ein freier, unabhängiger und unzensierter Journalismus ist in Russland nicht erwünscht und kaum geduldet. Einen fahlen Beigeschmack bereitet außerdem die Tatsache, dass bis heute die Ermordung nicht aufgeklärt und eine internationale Untersuchungskommission von Präsident Putin abgewiesen wurde.

Letter to AnnaAber in „Letter to Anna“ geht es neben der Aufarbeitung der Fakten vor allem um die persönliche Seite der Journalistin. Woher nahmst du deinen Mut, deine Courage? fragt Regisseur Eric Bergkraut in seinem filmischen Versuch eines Briefes. Es werden mehr Fragen gestellt, als Antworten geliefert werden können. Vielleicht ist es Antwort genug, Anna Politkovskaja in diesem sich sanft nähernden Porträt etwas besser verstehen zu lernen. Mit klugem und etwas traurigem Blick lächelt sie ein letztes Mal in die Kamera. Im Innern hat sie wohl schon damals gewusst, dass ihr Leben in Gefahr ist. Bergkraut bringt es in der anschließenden Diskussion auf den Punkt: „Ich war von der Nachricht ihres Todes geschockt, aber nicht erstaunt.“

Wie gesagt, normalerweise erreicht ein Brief nur denjenigen, an den er adressiert ist. In Fällen wie diesen ist es aber wichtig, dass Bergkrauts „Letter to Anna“ zwar nicht mehr Politkovskaja selbst, dafür aber eine breite Öffentlichkeit erreichen kann. Bloß im russischen Fernsehen oder Kino wird dieser Film wohl wie so vieles totgeschwiegen werden…

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