Kunst und Kultur in Theresienstadt
Wie ich in dem vorhergehenden Beitrag schon beschrieben habe, gab es im Ghetto Theresienstadt ein ausgeprägtes kulturelles Leben, in dem zahlreiche Kunstwerke entstanden. So zum Beispiel folgendes Gedicht von Leo Strauß, das die Lebenssituation im Ghetto beschreibt:
Die Stadt Als-ob…
Ich kenn ein kleines Städtchen
Ein Städtchen ganz tiptop,
Ich nenn es nicht beim Namen,
Ich nenns die Stadt Als-ob.
Nicht alle Leute dürfen
In diese Stadt hinein,
Es müssen Auserwählte
Der Als-ob-Rasse sein.
Die leben dort ihr Leben,
Als obs ein Leben wär,
Und freun sich mit Gerüchten,
Als obs die Wahrheit wär.
Die Menschen auf den Straßen,
Die laufen im Galopp -
Wenn man auch nichts zu tun hat,
Tut man doch so als ob.
Es gibt auch ein Kaffeehaus
Gleich dem Café de l’Europe,
Und bei Musikbegleitung,
Fühlt man sich dort als ob.
Und mancher ist mit manchem
Auch manchmal ziemlich grob -
Daheim war er kein Großer,
Hier macht er so als ob.
Des Morgens und des Abends
Trinkt man Als-ob-Kaffee,
Am Samstag, ja am Samstag,
Da gibts Als-ob-Haché.
Man stellt sich an um Suppe,
Als ob da etwas drin,
Und man genießt die Dorsche
Als Als-ob-Vitamin.
Man legt sich auf den Boden,
Als ob das wär ein Bett,
Und denkt an seine Lieben,
Als ob man Nachricht hätt.
Man trägt das schwere Schicksal,
Als ob es nicht so schwer,
Und spricht von schönrer Zukunft,
Als obs schon morgen wär.
Von Leo Strauß
Das Gedicht zählt mit Sicherheit nicht zu den Gedichten, die von den Nazis in Auftrag gegeben und veröffentlicht wurden. So beschreibt es auf beeindruckend ironische Weise genau das, was Theresienstadt sein sollte bzw. was propagiert wurde und was es wirklich war: Nach außen (zum Ausland) hin eine friedliche, jüdische Siedlung, in der die Juden als auserwählte Bürger Theresienstadts leben, als ob es ihnen gut ginge, sie reichlich essen, einen Schlafplatz und sogar ein Kaffeehaus hätten. In Wirklichkeit ein Ort der Demütigung, Folter, Unterdrückung und Qual.
Produziert wurden in Theresienstadt in unterschiedlichen Sprachen Literatur, Malerei, Musikstücke und Opern, Theaterstücke, Kabarett und Kunsthandwerk. Es gab einen vollen Kalender mit kulturellen Aktivitäten, zu denen auch Vortragsreihen gehörten. Generell lassen sich die Kunstwerke in zwei Gruppen einteilen: Diejenigen, die von Nazis zu Propagandazwecken in Auftrag gegeben wurden und der Unterhaltung und Ablenkung der Juden dienen sollten und diejenigen, in denen jüdische Künstler heimlich Kritik, Missstände und Qualen ausdrückten. Kunstwerke in denen man versuchte, der Selbstverwirklichung die an einem Ort, an dem Privatheit nicht existierte, wichtiger denn je war, ein Stück näher zu kommen. Kunstwerke und -welten, in die man flüchten und mit denen man sich von all dem Grauen ablenken konnte. Es ist faszinierend zu sehen, was die Bewohner des Ghettos unter gegebenen Umständen zu produzieren in der Lage waren. Es wirkt mehr als sarkastisch, wenn man vor dem Plakat einer Kabarett-Aufführung steht, in der der typische Deutsche parodiert wird. Besonders bedrückend wirken die zahlreichen Bilder, die die Kinder im Ghetto gemalt haben.
Ausgestellt sind all die Kunstwerke in der ehemaligen Magdeburger Kaserne, deren Besichtigung sich meines Erachtens mehr lohnt, als jede Nationalgalerie und deren Ausstellungsstücke auch qualitativ mithalten können.
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