Ost-westliche Klangavantgarde bei Pražské premiéry in Prag
Am Sonntag fand die vierte Ausgabe des Festivals Pražské premiéry (Prager Premieren) mit der Aufführung des monomentalen Chorwerkes “Gotteskinder” des 30-jährigen tschechischen Komponisten Jiří Kadeřábek einen dramatischen Abschluss.
Die Philharmonie Zlín und der Chor der slowakischen Philharmonie boten unter der souveränen Leitung von Jakob Hruša noch einmal alles auf, was die zeitgenössische Musik heute zu bieten hat: Computerklänge, Ratschen vom Zerreißen von Zeitungen, aber auch hochmelodische Streicher- und Gesangspassagen aus folkloristischen Musikzitaten.
Damit war es vollbracht: Über eine Woche lang wurden in Prags schönstem Konzertgebäude, dem Rudolfinum, neueste und allerneueste Kompositionen der ernsten Musik zum guten Teil uraufgeführt, Musik also, die unter dem Label Neue Musik mittlerweile schon einen etablierten Platz im Kanon der ernsten Musik gefunden hat.
Neue Musik, der Begriff bezeichnet einen Spagat zwischen Innovation von Klangmustern und einem herkömmlichen, klassischen Klangkörper. Eine Turnübung, die zuallererst von den Komponisten geleistet wird, die nach neuen Ausdrucksformen ringen und sich dabei immer mit der Frage konfrontiert sehen, ob es dazu auch neuer Orchestrierung bedarf. Wer jedoch dieses Ringen in einem fortlaufenden Trend sortieren will, den hinterläßt diese Ausgabe der Prager Premieren eher ratlos.
Will man trotzdem eine Tendenz herausgehört haben, dann mag es scheinen, dass die Tonkünstler aus Westeuropa sich eher den - fast möchte man sagen: schon klassischen - Aneinandereihungen von Effekten verpflichtet zu fühlen, während tschechischen Altmeister wie Bohuslav Řehoř aber auch die jungen Komponisten Kryštof Mařatka und Lukáš Hurník mit durchaus ganz herkömmlich gemachten, aber in ihrer Melodik schon wieder eigenwilligen Werken glänzten. Einen eindeutigen Trend allerdings gibt es festzuhalten: Der symphonische Klangkörper wird von den Komponisten wieder ernst genommen, Luftpumpen, Sägen oder Gartenschläuche schaffen es nur noch selten auf die Konzertbühne.
Die Höchstleistung bei der Aufführung der neuen Werke vollbringen die Dirigenten, die ihre Orchester ausnahmslos souverän geleitet haben. In den Partituren sind oft die Einsätze der einzelnen Musikergruppen nicht klar durch eine feste Struktur definiert, ein Umstand, der auch hohe Anforderungen an Musiker stellt, besonders - wie ein Mitglied der Streicher der Tschechischen Philharmonie bestätigte, an deren Konzentration, oder wie ein anderer Musiker des selben Orchesters nach der Aufführung eines besonders klangeffektiven Stücks eines italienischen Komponisten sagte: ”Das sind doch keine Kompositionen, sondern Konstruktionen”.
Und schließlich war da noch das Publikum. Das erschien relativ zahlreich, und wer nicht Musikgelehrter, Komponist oder Noten-Verleger war, fragte sich unwillkürlich, was wohl in den Köpfen von Musikern vorgeht, wenn etwa ein Geiger seine Finger beständig über das Griffbrett auf und ab schiebt, der Pianist eruptiv in die Taten fährt, um danach wieder minutenlang reglos am Flügel zu sitzen. Nirgends jedenfalls kann man sich an dem Anblick verschmitzt in sich hinein lächelnder Musiker erfreuen, wie bei Festivals der Neuen Musik. Und das hoffentlich auch wieder im einem Jahr, bei der nächsten Auflage der Prager Premieren.
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