Lernen und Studieren in unterschiedlichen Kulturen - Interkulturelle Kommunikation Teil 4

Auf die etwas kritische Frage eines deutschen Kommilitonen hin, antwortete mein amerikanischer Dozent in der letzten Stunde des Seminars „Popular Culture“: „You are German? Oh, Germans are always so precise!“. Seine Aussage schien positiv gemeint zu sein und gab mir im Anschluss an das Seminar dennoch zu denken: Sind Deutsche wirklich so präzise? Ist dies eine positive Eigenschaft? Wann ist es negativ, präzise zu sein? Studieren und Lehren Deutsche anders, als andere Kulturen?

Am Freitag darauf sollte genau dies das Thema des Seminars „Interkulturelle Kommunikation“ sein.

In der Stunde anwesend waren Tschechinnen, eine Russin, Amerikanerinnen, eine Ungarin, eine Österreicherin, eine Italienerin und ich (ja, es gibt nur Mädchen in dem Kurs). Ich muss betonen, dass ich nur das berichte, was die Damen anderer Nationen erzählt haben und dass es sich also nicht um vollkommen objektive Tatsachen handelt.

So werden die Unterschiede bereits in der Grundschule sichtbar: Wird man in Deutschland dazu erzogen, selbstständig zu lernen und zu arbeiten, erarbeitet der Lehrer ein Thema mit den Schülern zusammen und wird man als Kind schon dazu ermuntert, zu diskutieren und seine Meinung kund zu tun, so ist es in Russland und Tschechien ganz anders: Der Lehrer vermittelt das Wissen im Frontalunterricht, die Kinder werden zu strengem Gehorsam erzogen und eine Diskussion des Erlernten oder das Ausdrücken der eigenen Meinung dazu, ist nicht gefragt oder gar nicht erwünscht.

Auch auf der Weiterführenden Schule, wird nicht wie bei uns diskutiert, in Gruppen gearbeitet, Stoff in Referaten erarbeitet und vorgetragen (was mir manchmal schon auf die Nerven geht und ich mir wünsche, einfach mal nichts sagen zum müssen und mich vom Lehrenden „berieseln“ lassen zu können). Eine Tschechin drückte das Ziel des Unterrichts mit den Worten aus: „Man lehrt uns, bestimmte Dinge zu wissen, aber nicht, das Wissen zu präsentieren.“ Eine Russin erzählte, dass der Sprachunterricht die einzige Gelegenheit gewesen wäre, über Dinge zu diskutieren, da man einmal in einer fremden Sprache spricht und außerdem seine Meinung ja zu fremdländischem Material und nicht der eigenen Kultur ausdrückt. Unsere Dozentin meinte, dass sie einmal in Polen unterrichtet und die Kinder zu einem Thema gefragt habe „Was denkt ihr?“ Die Reaktion seien verständnislos und verwirrt drein blickende Kinder gewesen, von denen sich keiner traute zu sagen, was er denkt. Alle drei mussten jedoch zugeben, dass es in den letzten Jahren besser geworden ist…

In der Universität ist vor allem das Verhältnis zwischen Lehrern und Professoren interessant bzw. anders. Während man in den USA auch die Professoren meist duzt und ein sehr lockeres Verhältnis zu einander hat, käme ich in Deutschland nie auf die Idee, meine Dozenten zu duzen und empfinde das Verhalten der amerikanischen Studenten eher respektlos, was nicht heißen soll, dass es dies ist! Ich empfinde dies nur, weil ich es nicht kenne und so stark in meiner eigenen Kultur verhaftet bin. (Sowas lernt man in Interkultureller Kommunikation ;-). Das Verhalten russischer Studenten gegenüber dem Lehrpersonal hingegen, würde ich als zu respektvoll empfinden: Kritik an dem, was Professoren lehren, ist auf keinen Fall möglich und sie haben überall Vorrang! So müssen Professoren in der Mensa oder anderen universitären Einrichtungen nie anstehen, sonder dürfen an der Schlange einfach vorbei gehen.

Auch die Art und Weise des wissenschaftlichen Arbeitens ist mit Sicherheit anders: Müssen wir zahlreiche Quellen hinzuziehen, wenn wir einen Aspekt gründlich betrachten, alles kritisch beleuchten, nicht abschreiben und auf keinen Fall Wikipedia benutzen. So erklärte die Dozentin in einem Seminar, dass im Rahmen eines amerikanischen Studienprogramms nach der Ankündigung, dass es für die europäischen Studenten jetzt langweilig werde (ein bisschen mit Vorurteilen behaftet, war sie schon): Man kann ein Thema nicht umfassend beleuchten und muss sich deshalb einen Aspekt raussuchen. Ihr sollt bitte nicht nur schreiben, was ihr denkt, sondern auch andere Quellen hinzuziehen (Wobei das nicht immer der Fall ist. So meinte mein Popular Culture-Dozent gestern: “Im Gegensatz zu deutschen Professoren, möchte ich eigentlich, dass ihr mit dem Text arbeitet, den ich euch gegeben habe.”). Wikipedia dürft ihr nutzen, aber bitte nicht ausschließlich und man muss die Quellen auch angeben. Fernerhin verwies sie noch darauf, dass wir während der Stunde nicht einfach gehen, nicht essen und auch keinen Alkohol trinken sollen. Ach wirklich?

Um noch einen letzten interessanten Aspekt zu nennen: In eher östlichen Kulturen wie China, Polen, Russland oder Tschechien fällt es den Leuten schwer, zwischen dem Arbeitsergebnis einer Person und der Person an sich zu differenzieren. Kann man einem Freund bzw. ein Arbeitgeber seinem Angestellten in Deutschland sagen, dass das Arbeitsergebnis grottenschlecht ist, ohne dass die Beziehung danach ruiniert und die Person tief beleidigt ist. So beziehen die Menschen in genannten Kulturen die Kritik an ihrer Arbeit direkt auf ihre Person, weshalb man mit dem Ausüben von Kritik sehr sehr vorsichtig sein muss und betonen sollte, dass es nichts mit der Person an sich, ihrem Charakter und Dasein zu tun hat, sondern um das Arbeitsresultat. Ähnlich verhält es sich mit einem „Nein“, weshalb das Wort „Nein“ im chinesischen Wortschatz quasi nicht vorhanden ist.

Die Stunde, in der wir uns über Lehr-, Lern- und Arbeitsweisen in unterschiedlichen Ländern unterhalten haben, war nur eine der interessanten und ich komme meist zu dem Schluss, dass ich froh bin, in Deutschland so aufgewachsen zu sein und zu leben, wie ich es tat und tue.

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2 Reaktionen

10. April 2008, 16.02 Uhr [1] honza sagt:

Ich bin Tcheche, aber ich habe an einem deutschsprachigen Gymnasium studiert. Mir ist dort eine Geschichte passiert, die ganz gut zum Thema passt. _Wir haben einen Test in Geschichte geschrieben - der Lehrer hat uns zwei oder drei Asrtikel aus dem Völkischen Beobachter vorgelegt, und wir haben sie erlätern sollen. Ich habe mich ganz tüchtig darauf vorbereitet - ich konnte all die Daten und Personen der Nazibewegung auswendig. In dem Test ging es doch um etwas ganz anderes: Wenn man eine Eins bekommen wollte, dann sollte man wahrscheinlich den Satz ” Die Juden sind für alles Böse veranwortlich” mit dem Satz ” Der Author anschuldigt die Juden. dass sie für alles Böse Verantwortung tragen” umschreiben. Dass ich meine Version der Geschichte erzählt habe, und inzwischen ein Bisschen von den Vorgelegten Artikeln zitierte, interessierte den Lehrer ‘uberhaupt nicht. Er hat mir eine Vier gegeben, während fast alle Mitschüller eine Eins oder Zwei hatten. Vielleicht liegt der Unterschied zwischen dem deutschen und tschechischen Unterricht gerade darin :)

10. April 2008, 16.05 Uhr [2] honza sagt:

Korrigierung: Artikel, erläutern - heute hatte ich ein langes Mittagessen mit acht Bier :)

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