„Die Welle“ überrollt jeden - leider mit Klischees

Die WelleGestern wurden die 15. Tage des europäischen Films im Prager Kino Světozor eröffnet. Zum Startschuss des Filmfestivals wurde „Die Welle“ von Regisseur Dennis Gansel gezeigt. Der Film feiert zurzeit an deutschen Kinokassen enorme Erfolge - eine Frage stellt sich dabei allerdings: warum?

Vollbeladen mit allen möglichen und unmöglichen Klischees gibt der Film vor, ein zeitnahes Portrait der deutschen Jugend zu zeichnen. Die Verfilmung des Jugendbuchklassikers „The Wave“ zollt den bekannten Vorurteilen gegenüber der MTV-Generation Tribut.

Eigentlich ein ernstes Thema und ein wichtiges obendrein. „Die Welle“ gehört seit Jahren zur Standard-Schullektüre an deutschen Schulen. Der Roman basiert auf dem real durchgeführten Experiment des Lehrers Ron Jones, der 1967 in seiner Klasse die Bewegung der „Third Wave“ gründete.

Um zu zeigen, dass eine Diktatur wie in Nazi-Deutschland auch in der Gegenwart noch möglich ist, manipulierte Jones seine Schüler, steckte sie in Uniformen und ließ sie zu einer zweifelhaften Gemeinschaft verschmelzen. Schon nach wenigen Tagen geriet das Experiment außer Kontrolle und musste abgebrochen werden.

Soweit die pädagogisch wertvoll und nicht schlecht zu redende Grundhandlung auch des neuen Films. Vermutlich werden noch viele Jahrgänge deutscher Schulklassen diesen Film zu sehen bekommen und wichtige Lektionen daraus ziehen.

Unabhängig von dieser lobenswerten Mission muss allerdings klar gesagt werden, dass der Film mit Klischees nur so um sich wirft wie die Jecken mit Kamelle zur Karnevalszeit. Die Schulklasse besteht aus allen möglichen Stereotypen: Klassenclown trifft Streber, junger Deutsch-Türke sitzt neben coolem HipHopper und die unsichere Pummelige diskutiert mit der „Alternativen“, die bunte Tücher und Dreadlocks trägt.

Die Mischung ist perfekt und angeblich realistisch. Ich beschreibe es eher als übertrieben, hölzern und gewollt. So auch die „authentische“ Jugendsprache, die hier gar nicht in ihrer vollen Pracht wiedergegeben werden kann. Nur soviel: Ich habe selbst nie so geredet und kenne auch niemanden, der ununterbrochen Anglizismen, Schimpfwörter oder andere kreative Wortverstümmelungen gebraucht. Unterhaltsam anzuhören ist es aber allemal.

„Die Welle“ überrollt also Deutschlands Kinos und alle scheinen begeistert. Wie gut, dass man in einer Demokratie auch anderer Meinung sein darf.

Die neuesten Beiträge von Judith Schneider

Eine Reaktion

23. April 2008, 16.34 Uhr [1] Zum Kaffee mit Jennifer und Cristina | Weblogs sagt:

[…] Jennifer Ulrich und Cristina do Rego. Die beiden deutschen Nachwuchs-Schauspielerinnen spielen in „Die Welle“ die weiblichen Hauptrollen Karo und Lisa. Bei einer Tasse Kaffee haben sie von sich, der […]

Einen Kommentar schreiben

(erforderlich)
(erforderlich)

TOPlist