Über das Begrüßen in unterschiedlichen Kulturen – Interkulturelle Kommunikation Teil 5

Ein Tag ohne das Begrüßen oder Verabschieden seiner Mitmenschen wäre wie Weihnachten ohne Weihnachtsbaum. Man begrüßt und verabschiedet sich morgens, mittags und abends ohne darüber nachzudenken, ob und wie man es macht…

…bis man dann vor einem Franzosen steht und ihn umarmen möchte.

Dazu sind Franzosen – Vorurteile hin oder her -  nämlich einfach nicht in der Lage. Wie begrüßt man sich dann? Natürlich: Ein Kuss auf die linke Wange, ein Kuss auf die rechte Wange. An die Begrüßungsküsse habe ich mich eigentlich schnell gewöhnt. Dachte ich. Als die Eltern meiner Mitbewohnerin nach ihrer Ankunft anfingen, mich abzuküssen, war ich nämlich doch schon ein bisschen verwirrt. Wir kannten uns schließlich gerade eine Minute, sie sind sehr viel älter als ich und ein Kuss ist in Deutschland ja schon etwas Ungewöhnliches, gar Intimes (?).  

Als wir uns nach acht Tagen wieder voneinander verabschiedeten, meinte sie „Meine Tochter hat mir erzählt, dass man sich in Deutschland zur Verabschiedung umarmt, kannst du mir zeigen wie ihr das macht?“. Das nenne ich mal vorbildliche Interkulturelle Kommunikation und ich muss sagen, dass sie das mit der Umarmung richtig gut hinbekommen hat. Dies ganz im Gegensatz zu meinem Mitbewohner, dessen Kopf bei Umarmungen nach eigener Aussage „completly lost in space“ ist. Seit gestern bekommt er Umarmungs-Unterricht und hat mich vorgewarnt, dass seine Eltern, die nächste Woche zu Besuch in Prag sind, sich zur Begrüßung sogar viermal küssen…  

Dass die Art und Weise, wie man sich begrüßt – in Deutschland ist es ja meistens sogar gar nicht die Umarmung, sondern ein Händedruck – keineswegs selbstverständlich ist, sondern auf Konventionen beruht, sollten wir auch in unserer ersten Stunde des Seminars Interkulturelle Kommunikation lernen. Um uns dieser Konventionen bewusst zu werden, spielten wir das ziemlich bescheuerte Spiel „Moonies und Sunnies“. Nachdem wir in zwei Gruppen eingeteilt wurden – Moonies und Sunnies halt – bekamen wir Zettel, auf denen steht, wie sich die beiden Spezies u. a. begrüßen und verabschieden. Moonies zupfen sich zur Begrüßung zum Beispiel an den Haaren, Sunnies verabschieden sich, indem sie sich am Ohrläppchen berühren. Nachdem jede Gruppe ihre neuen Verhaltensweisen im Rahmen eines kleinen Rollenspiels einstudiert hatte, mussten wir sie einander vorführen und erarten, was die Gesten bedeuten.

Klingt total bescheuert, man wird sich jedoch der Tatsache bewusst, dass es keineswegs normal ist, zur Begrüßung die Hand des anderen zu greifen und herumzuschütteln (sowie ein Kopfnicken auch nicht in jedem Land „ja“, in Bulgarien nämlich „nein“ bedeutet). Dass Gesten der Begrüßung auf Konventionen und Gewohnheit beruhen, merkt man dabei nicht nur bei lustigen Rollenspielen, sondern auch in den besonders peinlichen Situationen, in denen man nicht weiß, wie man sich begrüßen, ob man sich küssen oder umarmen soll und sich nur irgendwie zögerlich-verwirrt und mit fragenden Blicken einander annähert.  

Unterschiede in der Bedeutung und dem Gebrauch von Gesten wie zum Beispiel der Art und Weise des Begrüßens gibt es dabei nicht nur von Kultur zu Kultur sondern auch unter den Geschlechtern. So ist es in Russland absolut unüblich, dass eine Frau jemandem die Hand schüttelt (laut Aussage einer russischen Kommilitonin: „We would never do this! It would be absolutely weird!“)) Diese Geste ist einzig und allein dem männlichen Geschlecht gestattet… Frauen begrüßen sich untereinander, indem sie sich am Kinn berühren. Grüßt eine Frau einen Mann – auch im Arbeitsleben! – dann sagt sie lediglich „Guten Tag“, ohne dies durch eine Geste auszudrücken. 

Ja, so ist das mit dem Begrüßen. Ihr könnt der erst besten Person, die ihr morgen trefft ja zur Begrüßung mal am Ohrläppchen zupfen und schauen was passiert. In der Sozialwissenschaft nennt man das ein Feldexperiment, glaube ich. 

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