Touristen - Eine seltsame Spezies

touristen.bmp Touristen sind schon eine seltsame Spezies der Gattung Mensch. Sie laufen meist in großen Gruppen an immer denselben Plätzen herum, machen seltsame Geräusche und tragen bestimmt Accessoires. Um das fast immer gleiche Verhalten eines Touristen zu untersuchen, scheint mir Prag unter allen anderen europäischen Großstädten besonders geeignet zu sein. Vor allem letztes Wochenende, an dem der 1. Mai gleichzeitig auch Vatertag war, wimmelte es in der Hauptstadt nur so von Touristenscharen.

Als jemand, der zumindest über einen längeren Zeitraum hinweg in Prag lebt, wage ich es, mich selbst nicht als Tourist zu bezeichnen. Und ich muss sagen, dass mir die Touristengruppen von Wochenende zu Wochenende mehr auf die Nerven gehen, da man sich an bestimmten Orten im Stadtzentrum wirklich kaum mehr bewegen, geschweige denn schnell vorwärts kommen kann. (Die Karlsbrücke habe ich seit Wochen nicht mehr bei Tage passiert.)

Die Zahl der touristischen Konzerte und sonstigen Attraktionen nimmt zu, weshalb man an jeder Ecke irgendwelche Flyer in die Hand gedrückt bekommt. Die Restaurants und Cafés im Zentrum werden voller und voller… und teuerer? An jeder Ecke eröffnet ein Touristenshop. (Besonders furchtbar finde ich die Souvenirshop-„Meile“ neben dem Eingang des jüdischen Museums, wo man neben siebenarmigen Leuchtern auch Kippas und kleine Judenfiguren kaufen kann… Respekt vor der (eigenen?) Religion?)

Warum einem die Anzahl der Urlauber in Prag so unheimlich groß (und störend) vorkommt, liegt wohl daran, dass der Stadtkern nicht so groß ist und sich die Besuchermassen deshalb durch wenige enge Gassen zwängen. Laut der offiziellen Homepage der Tschechischen Republik liegt Prag mit 6,7 Mio. Besuchern im Jahr 2007 auf Platz sieben des Welttourismus.

gefahrte.bmp

Verschiedene Gefährte zeigen dem Tourist im Nu alles Sehenswerte

Dabei lassen sich einige allgemeine Aussagen treffen bzw. Verhaltensweisen beobachten, die tief in der Natur des Touristen verankert zu sein scheinen:

Die größten Touristengruppen stellen Briten, Italiener und Deutsche dar, wobei die italienischen Reisegruppen nach eigner Erfahrung am Lautesten und auch am Leichtesten zu erkennen sind. So laufen sie grölend durch die Straßen und tragen bei jedem Wetter eine Sonnebrille. Zahlenmäßig ebenfalls stark vertreten, sind Asiaten, die in der Gruppe am dichtesten zusammenzustehen scheinen, sich langsam vorwärts bewegen und alle zwanzig Meter stehen bleiben, um Fotos zu schießen. Wichtigstes Accessoire: Der Fotoapparat natürlich (und Sonnenhütchen auch). Erkenne ich den Deutschen natürlich am Ehesten an seiner Sprache, so verhalten sie sich auch nicht gerade unauffällig und oft peinlich, tragen Fotoapparate und Tennissocken, die bis zu den Knien hochgezogen sind. Gerade gestern lief ich an einer Gruppe junger deutscher Herren vorbei, die mir durch ein Megafon entgegen riefen: „Bitte gehen sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen!“ Schon ein bisschen witzig, muss ich sagen.

Abgesehen von der Nationalität handelt es sich meist um Schulklassen, Junggesellengruppen, Kegel- oder sonstige Clubs oder Paare, die ein romantisches Wochenende verbringen wollen. Was alle Reisegruppen gemeinsam haben, ist, dass es einen Anführer gibt, der sich mittels irgendeines meist bescheuerten Zeichens zu erkennen gibt. Neben Radioantennen mit bunten Bändern in der jeweiligen Farbe des Landes (Fuchsschwänzen oder sonstigem Kram), sind vor allem Regenschirme sehr beliebt. Auch scheint es Reiseführer zu geben, die rosa-farbene Laserschwerter in die Höhe strecken - ganz wie es einem gefällt und meist passend zur Nationalität.

Gemeinsam- und Gesetzmäßigkeiten gibt es innerhalb der Touristenspezies auch im Bezug auf die Plätze, an denen sie sich aufhält und wohl fühlt. Es ist schon interessant, wofür sich die meisten Menschen doch immer wieder faszinieren: Seien es Uhren, die sich einmal in der Stunde bewegen oder Soldaten. So versammeln sich vor der astronomischen Uhr wirklich Massen von Reisenden um sich zwei Minuten das (Un)Spektak(u)el(äre) anzuschauen.

Nun will ich mich nicht nur beschweren und die Touristengruppen generell verteufeln; schließlich stellt der Tourismus die Haupteinnahmequelle Prags dar und bringt Geld in die Stadtkassen. Gäbe es nicht so viele Besucher, die in Prag ihr Geld ausgeben, so sähen die Kirchen und Plätze wahrscheinlich nur halb so schön (renoviert) aus.

Weiß man, wo sich die Besucherscharen aufhalten, lassen sich diese Plätze ganz gut meiden. Die schönsten Parks scheinen von der Mehrheit noch nicht entdeckt worden zu sein. Und wird es arg zu schlimm am Tage, so besichtigt man die Stadt eben bei Nacht – oder bleibt zu Hause ;-)

Die neuesten Beiträge von Charlotte Palm

Eine Reaktion

5. Juni 2008, 10.21 Uhr [1] Max Legete sagt:

Ich fand es gut und schön

Einen Kommentar schreiben

(erforderlich)
(erforderlich)

TOPlist