Musikfestival “Prager Frühling” beginnt wie immer: mit Smetana und Vaterland

Der “Prager Frühling” (Pražské jaro) hat begonnen, wie immer am 12. Mai, dem Todestag von Bedřich Smetana, und wie immer erklang dessen symphonischer Zyklus “Mein Vaterland” (Má vlast) im Obecní Dům. Wo auch sonst, denn seit 1946 ist das so, einzig das Orchester ist jedesmal wieder ein anderes, wobei dieses Mal den Brünner Philharmonikern unter der bewährten Leitung von Petr Altrichter diese Ehre zuteil wurde.

Und es soll ja Musikliebhaber geben, die sich auf die Beurteilung der Interpretation dieses einen Stückes an eben jenem alljährlichen Ereignis spezialisiert haben. Oder fragen Sie den jeweiligen Präsidenten des Landes, auch der hört von seiner Loge aus das erbauliche Stück jedesmal aufs Neue.

Doch obwohl also alles wie früher zu sein scheint, ist es nicht mehr früher: Zwar ist der “Prager Frühling” die älteste und traditionsreichste Veranstaltung und bislang auch die unbestrittene Nummer Eins im hauptstädtischen Festivalmarathon für Ernste Musik, doch erwächst ihm nun zunehmend Konkurrenz.

Schon im Sommer werden ihm zum vierten Mal die “;Prague Proms” folgen, die allerdings eher dem britischen Vorbild folgen und leichte mit halbwegs ernster Musik verknüpfen, aber immerhin in diesem Jahr mit einigen Stars dieser Branche aufwarten können.

Schwerer wiegt der “Prager Herbst”, der vor 18 Jahren zunächst wenig aufregend begann, sich aber immer stürmischer entwickelt. Zwar machte dieses Festival im vergangenen Jahr durch die Affäre um ein vermeintlich ungestimmtes Klavier von sich reden, das zu Absage eines der Konzerte in letzter Minute führte, trotzdem kann diese Veranstaltung zunehmend große Namen der klassischen Musikszene nach Prag locken.

Der “Prager Frühling”, will er seine Stellung behalten, muss sich auf lange Sicht etwas einfallen lassen. Schaut man aber auf die diesjährige Programmgestaltung, löst er diese Erwartungen noch nicht ein. Weltstars kommen zwar, Nigel Kennedy etwa am 26. Mai ins Obecní Dům, aber dort wird er dann nur die üblichen Mozart- und Beethoven-Stücke spielen. Beachtung verdient da eher Wayne Shorter am 27. Mai in der Lucerna, der allerdings ist ja nun einmal Jazzer und spielt ohnedies vor allem unprogrammierbare Improvisationen.

Programm-Perlen beim “Prager Frühling” eher in den Randveranstaltungen

Und es sind schließlich ja nicht die Namen, die Musik machen, es ist die Musik an sich, die ein Programm macht, und die Programm-Perlen finden sich beim “Prager Frühling” eher in den Randveranstaltungen wieder. Da verspricht etwa der Auftritt der Schola Gregoriana Pragensis und des Cellisten Jiří Bárta am 15. Mai ein interessantes Musikexperiment zu sein, oder auch der 23. Mai könnte im Rudolfinum mit Ostravská Banda mit Werken unter anderem vom Orchesterleiter Petr Kotík höchstpersönlich ein spannender Kammermusikabend werden.

Eine klitzekleine Reminiszenz an Olivier Messian wird es geben, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Innerhalb der Reihe “Prager Orgel Tage” Olivier Latry am 25. Mai im Obecní Dům Werke des Franzosen spielen. Und am 31. Mai wird der Kinderchor Motýli (Schmetterlinge) mit Liedern moderner tschechischer Komponisten nicht an Petr Eben, sondern auch an den vor eineinhalb Jahren verstorbenen Otmar Mácha erinnern.

Im Hauptprogramm, bei den großen symphonischen Abenden, setzt man - von einigen wenigen Ausnahmen den beiden anderen 100er Jubilaren Suchoň und Kabáleč oder Ilja Zeljenka abgesehen - auf die üblichen Verdächtigen, die immer bei diesen Programmen zu hören sind. Für einige Zeit wird die schiere Länge und Menge der Veranstaltungen innerhalb des “Prager Frühlings” sicher noch ausreichen, um weiterhin im Prager Festivalkalender ganz oben zu stehen, aber wird das auf lange Sicht genügen? Am Ende dieser drei Wochen werden wir vielleicht schlauer sein, zumindest aber - so oder so - um etliche Konzerterlebnisse reicher.

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