Alles (bloß) Theater? Adolf – ein Experiment im Rahmen des Fringe Festivals
In dieser Woche findet zum siebten Mal in Prag das Fringe Festival statt. Gezeigt werden auf zehn kleinen und alternativen Bühnen auf der Prager Kleinseite 40 verschiedene Produktionen aus der ganzen Welt. Bei der Vielfalt, ist es nicht leicht, sich zu entscheiden, welche Aufführungen man besuchen möchte. Als ich sah, dass eine englische Produktion mit dem Titel „Adolf“ gezeigt werden sollte, war für mich jedoch klar, dass ich mir diese anschauen musste. Ich war sehr neugierig und auch ein wenig skeptisch, wie sich ein englischer Schauspieler mit einem der wohl schwierigsten Themen überhaupt auf der Bühne auseinandersetzen würde.
Die Entscheidung war die richtige, denn ich war wirklich sehr beeindruckt von dem, was ich an diesem Abend gesehen hatte. Nach eigner Aussage ist es das Ziel des Autors und Schauspielers Pip Utton, mit seinem Stück darauf aufmerksam zu machen, dass wir Tag für Tag Leute über Arbeitslosigkeit, Immigranten und andere Randgruppen klagen hören, ohne sie zu kritisieren oder herauszufordern. Er wolle sein Publikum warnen, sich vor dem „kleinen Hitler“ in einem jeden zu hüten. Ich denke, dies ist ihm gelungen.
Kurz nachdem alle Zuschauer ihr Sitze im kleinen Theaterraum des Nosticovo Divadlo gegenüber einem großen Nazi-Banner eingenommen hatten, betrat Utton in Nazi-Uniform die Bühne – den Bunker. Dabei sollte es sich Hitlers letzten Auftritt in der Öffentlichkeit, seinen Abschied darzustellen.
Vollkommen unvermittelt wurde der Zuschauer von Pip Utton in der Rolle des Führers informierte, wie er damals das Dritte Reich errichtet hatte, was seine Ziele, Ideale und ideologische Rechtfertigungen gewesen waren und wie man es nach seinem Verschwinden wiederaufbauen müssen. Das Publikum – die Partei - adressierte er dabei mit „meine wahren Freunde“.
Interessant war, wie sich Tonfall und damit auch Wirkung der Figur immer wieder abrupt änderten: Stand Utton am Rande der Bühne, so plauderte er ganz ruhig und unterhaltend über die Vergangenheit, wurde von Zeit zu Zeit emotional und erntete nicht selten Lacher des Publikums. Trat der Schauspieler in die Mitte der Bühne vor die Flagge, so redete er sich plötzlich vollkommen in Rage. Was vorher wie ein Rat geklungen hatte, wurde zum Befehl.
„Propaganda ist eure stärkste Waffe, meine lieben Freunde! Der Tot löst alle Probleme. Keine Menschen, keine Probleme. Ich glaube an euch! Jetzt müsst ihr an euch glauben…“
Nach einer halben Stunde kündigte Utton als Adolf Hitler an, er müsse sich nun aus dem Bunker verabschieden und legte seine Uniform ab. Das Ende der Aufführung?
„Hat jemand eine Zigarette für mich? Die Darstellung war jetzt sehr anstrengend… .“ Mit einem Bier in der Hand setze Pip Utton sich an einen Tisch und begann von vergangenen Aufführungen seines Stückes Adolf zu erzählen, das er 1997 schrieb und seitdem überall auf der Welt sehr erfolgreich auf die Bühne gebracht hatte.
Doch war es nun wirklich Pip Utton, der dort vor einem saß und plauderte?
Mit der Zeit begann er, über die aktuelle Situation in den Staaten der Welt zu reden: Über Arbeitslosigkeit, Bildung, Immigranten…“Wenn man ein Problem mit Arbeitslosen hat, warum weist man dann nicht einfach alle Ausländer aus dem Land aus?“
Ein Teil des Publikums wurde sichtlich bewegter und unruhiger und ich muss zugeben, dass auch ich für einen Moment nicht recht wusste, ob der Mann dort auf der Bühne jetzt noch Theater spielte, oder nicht. Nachdem eine ältere Frau den Raum mit den Worten „Ich muss jetzt gehen“ verließ, erhob sich auch ein empörtes Ehepaar. „Meinen Sie das wirklich so, wie Sie es sagen?“
Ja und nein… Eine weitere halbe Stunde nämlich endete die Aufführung nun wirklich mit den Worten:
„Ich brauche mich nicht zu verabschieden, denn ich bin nie weg gewesen.“
Vielleicht sollte ein jeder über diesen Satz einmal nachdenken…
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