Hochkaräter tauschen nostalgische Erinnerungen an 1968 aus


Eine kommentierende Zusammenfassung eines Gesprächs von Margaret Atwood, Paul Auster, Michael McClure und Petr Král, das am Eröffnungsabend des 18. Prague Writers Festival am 1.6.2008 stattfand.

Müssen sich die ´68er eigentlich weltweit für ihre einstigen Heldentaten rechtfertigen? Ich hatte das für ein deutsches Problem gehalten, das zusammen mit Joschka Fischer im Außenministerium auf-, aber auch wieder abtauchte. Dreißig Milliarden US-Dollar – in amerikanischen Englisch klingt die Zahl thirty billions ja noch wesentlich imposanter – habe alleine die Republikanische Partei in den Vereinigten Staaten gesammelt und ausgegeben für den Kulturkampf gegen eben jene Protestbewegung(-en). Das behauptet der Beat-Poet Michael McClure, wahrscheinlich einer der letzten Überlebenden seiner Gattung, und überzeugt allein durch die Masse dieser Summe, wenn man sie sich auch auf vierzig Jahre verteilt vorstellen muss.

Er mahnte zur Vorsicht, zu deutlich zeigten sich die Parallelen seiner einstigen Erfahrungen mit dem Vietnamkrieg und der heutigen Kriegslage im Nahen Osten.

Das scheint überhaupt die letzte Rolle zu sein, welche den `68ern noch zu spielen bleibt: Die Verwalter des eigenen Erbes zu sein, also einen Nachlass zu Lebzeiten zu verfassen, um es einmal mit dem österreichischen Romancier Robert Musil zu sagen.

Schließlich geht es beim Prague Writers Festival vorwiegend um Literatur. Und da stellt sich tatsächlich zunächst einmal die Frage, welche ästhetischen Neuerungen die ´68er eigentlich zustande gebracht haben. Und da kam die verblüffend einfache wie auch bestechende Antwort aus dem Munde des tschechischen Exilautors Petr Král: die Ästhetik des Fragments, der planvoll abgebrochene Schaffensprozess, das unfertige Werk, das allerdings zum Weiterdenken und zum Vollenden auffordere. Inspiration als Kommunikationsziel.

So zumindest klingt die Antwort aus Pariser Sicht, wohin Král schon bald nach den Augustereignissen in Prag in jenem Jahr geflüchtet ist.

Er erzählt die schöne Anekdote seiner zweiten Nacht in einem Pariser Vorort. Nachts stand er in der Wohnung eines Freundes vor einem Rollo, er wollte das Fenster öffnen und hinaus in die Nacht schauen. Lange durchschaute er die Verknotung der Leine nicht, welche das Rollo festspannte. Ein ganz neues Leben muss ich hier beginnen, schoss es ihm durch den Kopf, von Grund auf alles neu lernen. Später blickte er in den dunklen Nachthimmel und hatte das Gefühl, er würde in ein schwarzes Loch fallen.

1968 als Jahr des Exils ist auf jeden Fall eine völlig andere Reminiszenz als diejenige der drei Nordamerikaner auf dem Podium. Für sie symbolisiert die Jahreszahl die Gründung vieler Befreiungsbewegungen, von denen die größten wie die Black Power Bewegung oder die Women´s Liberation allerdings länger zurück reichen.

Und natürlich ist mit 1968 auch der Kampf gegen den Vietnam-Krieg verbunden. Anmerken sollte man allerdings, dass diese Protestbewegung keinen unmittelbaren Erfolg erzielen konnte. Der Krieg endete bekanntlich erst 1975.

McClure erinnerte an Zahlen: 500 Tausend US-amerikanische Soldaten in Vietnam, jede Woche 500 tote US-Soldaten, Massaker an der Zivilbevölkerung wie in My Lai, Flugzeugstaffeln, welche ununterbrochen Material nach Südostasien transportierten, darunter sicherlich auch Stoffe, welche für die berüchtigten Napalm- und Agent Orange-Attacken gebraucht wurden. Kurz und gut, dieser Krieg war neben all dem anderen auch eine Riesenschweinerei an der Umwelt gewesen. Eine ungeahnte Rücksichtslosigkeit gegenüber den Rohstoffen aus dem Schoße von Mutter Erde ist seitdem in das Machtkalkül eingezogen. Das stellt also den Sündenfall der Konsumgesellschaft dar, welche ihre Bedürfnisse auf zunehmend rücksichtslosere Weise zu befriedigen sucht.

Was nun bleibt den ´68ern noch anderes, als in die Rolle des Mahners zu schlüpfen. „Words of advice for young people“ dichtete einst William S. Burroughs sein Vermächtnis, das etliche Hip Hop DJs vertont haben. Michael March, Erfinder und Macher des Schriftstellerfestivals, kennt sie bestimmt auswendig. Wie er verraten hat, hatte er Burroughs um das Jahr 1968 als sehr junger Poet in London kennengelernt. Dieses Geständnis machte er aber bereits vor fünf Jahren, als Michael March ein Motto seines Meisters zum Motto des gesamten Festivaljahrgangs machte. Burroughs ist zwar kein richtiger ´68er, hat diesen allerdings wegen seiner unkonventionellen Lebensweise sicherlich imponiert.

Beim Jahrgang 2008 geht es aber nicht mehr um den schießwütigen Edeljunkie. Zumindest am Eröffnungsabend lässt sein geistiger Enkel Michael March eher die anderen für sich sprechen.

So auch Starautor Paul Auster, der die erste Fragerunde jedoch dazu benutzte, aus einem seiner älteren Werke zu lesen. In diesen Passagen beschrieb er sein Lebensgefühl im April 1968 auf dem Campus der Columbia University, wo er in einen Strudel von Studentenprotesten geriet und eine Woche lang das Universitätsgelände besetzte. Auslöser war eine Baumaßnahme an der Turnhalle gewesen, wo separate Eingänge für Studenten und die Anwohner angelegt werden sollten. Die eine Gruppe bestand überwiegend aus Weißen, die andere aus Schwarzen. Der aufkommende Verdacht der Rassentrennung ließ sich nicht wegdiskutieren. Dem Klärungsbedarf fiel zunächst der Bauzaun zum Opfer. Die Polizei jedoch rückte nur wenige Tage später eindrucksvoll die tatsächlichen Machtverhältnisse wieder ins Lot. Auster wurde an den Haaren in ein wartendes Poizeiauto gezerrt, versehentlich trat ihm ein Polizeistiefel auf die Hand. Damit schien der physische Widerstand wohl gebrochen worden zu sein. Ansonsten gibt Paul Auster nicht mehr allzuviel von sich preis, nicht einmal den Namen des Werkes, aus dem er vorgelesen hat. Wir tippen mal, es war aus „Mond über Manhattan“, für nähere Aufklärung wären wir dankbar.

Margaret Atwood hingegen ist sicherlich ein Lichtblick. Sie erzählt die schöne Geschichte ihrer Initiation in Edmonton, irgendwo in der kanadischen Provinz. Sie war zuvor landesweit mit einem Gedichtband an die Öffentlichkeit getreten. Hier nun gab ihr ein sterbender Freund einen guten, einen letzten Rat: Lasse alles aus deinem Kopf heraus. Ich habe in meinem Kopf einen ganzen Roman und kann ihn nicht mehr niederschreiben. Der Mann starb kurze Zeit später an einem Hirntumor. Sein zweitletzter Rat lautete übrigens: Geh weg aus Edmonton. Das war wohlgemerkt noch vor dem Ölboom in jener Gegend.

Ansonsten vertritt sie die weibliche Seite der ´68er Bewegung und lässt es sich auch nach 40 Jahren nicht nehmen, auf den Chauvinismus der männlichen Revolutionäre zu schimpfen. Recht hat sie damit allemal und erntet auch spontane Lacher aus dem Publikum. Elegante Anzüglichkeit wird halt immer verstanden und kommt gut an.

Doch bleibt Frau Atwood weiterhin wesentlich und klärt das Geheimnis des Minirocks auf: Es ist im Grunde ganz banal das Dirndl-Prinzip. Wenn dort die Röcke beim Volkstanz fliegen, muss für eine ordentliche Unterbekleidung vorgesorgt sein, nämlich für das „ground Dirndl“ oder kurz gesagt das „girdle“.

Damit hat sie die Männer auf dem Podium dann doch noch dran gekriegt, denn die können sich auch unter dem heute geläufigen Begriff „body shaper“ keinerlei Vorstellung machen, wie leicht ihre Sexualphantasien durch simple Hilfsmittel einst getäuscht wurden. Ob man daraus aber auf weitere Täuschungszusammenhänge schließen kann?

Als der letzte Satz dieser Gesprächsrunde verklingt, ist man als Zuhörer ein wenig unzufrieden, aber auch erleichtert zugleich. Gary Younge, meist kompetenter und eloquenter Moderator solcher Podiumsgespräche, hat nichts falsch gemacht. Gleich zu Beginn betont er, dass er 1968 noch gar nicht geboren war, und ist damit auch gleich raus aus der Runde, die ja zusammengekommen ist, um die persönlichen Lebenserfahrungen in eben jenem Schicksalsjahr gegeneinander abzuwägen. Younges Fragen und sehr kurze Einwürfe stören den Plauderton dieser Runde kaum, der man sicherlich gerne noch ein, zwei weitere Stunden lauschen würde. Doch soll man vom Auftakt einer fünftägigen Gesprächsreihe noch nicht die Auflösung aller Fragen erwarten. Wer verschießt schon gerne sein ganzes Pulver zu Beginn? Auf weitere Fortsetzung sind wir gespannt.

Und auch, ob sich die ´68er nochmals aus ihrer Ecke herauswagen und in die Offensive gehen.

Die Rechte an dem Text und dem Foto liegen ausschließlich beim Autor.

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