Der Kampf um Normalität als Beispiel für die ganze Welt

Fünf tschechische Schriftsteller erinnerten sich in einer Podiumsdiskussion an das Schicksalsjahr 1968. Dabei diskutieren sie die Frage, was der Prager Frühling eigentlich genau gewesen war – und was eben nicht. Neben etlichen Anekdoten wurden bei der Veranstaltung im Rahmen des Prague Writers Festivals auch handfeste Meinungen ausgetauscht.
Man setze einfach mal Günter Grass, Martin Walser, Marcel Reich-Ranicki und noch zwei, drei Schriftsteller der Flakhelfer-Generation, die heute noch geistig einigermaßen auf der Höhe sind, auf ein Podium. Dann gebe man Ihnen eine Stunde Zeit und die Aufgabe, über die Bedeutung des Kriegsendes für die einzelnen Biographien zu sprechen. Was erwartet man dabei als Zuhörer, was käme wohl dabei heraus? Wesentliches, Neues oder bloß das Altbekannte und ein eventuell kleinlicher Streit über historische Details jener Zeit, etwa falsch erinnerte Zitate bei den allerersten Zusammenkünften der Gruppe 47?
Ähnlich dürfte auch die Erwartungshaltung der meisten Zuschauer gegenüber dem Podiumsgespräch „Tschechoslowakei 1968“ am Spätnachmittag des zweiten Veranstaltungstages des Prague Writer Festivals gewesen sein. Die Schriftsteller Ludvík Vaculík, Ivan Klíma, Arnošt Lustig und Jiří Gruša sowie der Filmemacher Antonín J. Liehm widmeten sich dieser Fragestellung unter fachlicher Moderation des Politologen Jiří Pehe. Letzterer setzte sofort den Deutungsrahmen der anwesenden Runde in der Eingangsfrage weit und brachte zwei abwesende Schriftsteller ins Spiel: Václav Havel und Milan Kundera. Die beiden Namen, an denen man nur schwer vorbeikommt, wenn man den Zusammenhang von Kultur und Politik in der Tschechoslowakei im späten 20. Jahrhundert betrachtet.
Havels Deutung der Prager ´68-Ereignisse lautet kurzgefasst: Es war der Versuch einer Rückkehr zu einer Normalität des gesellschaftlichen Lebens. Kundera hingegen glaubt, dass der Prager Frühling eine Möglichkeit aufgezeigt hat, welche die Tschechoslowakei der ganzen Welt geschenkt hat. Damit sind wohl in unserem heutigen Politikverständnis die sogenannten „dritten Wege“ gemeint.
Während sich Vaculík meist mit der Rolle des bärbeißigen, äußerst knapp sich äußernden Kommentators begnügte, bemühte sich Klíma von Anfang an um ein konstruktives Gespräch. Er stellte gleich die These auf, dass der ´68er Versuch sich bemühte, Demokratie und Sozialismus zu verbinden, was aber per se nicht funktionieren kann. Das hat dann eben dazu geführt, dass sich das Sowjetsystem selbst diskreditiert hat.
Lustig steuerte eine Anekdote úber die Verblendung vieler Intellektuellen in jener Zeit bei: Das FBI habe ihn einmal gefragt, warum er denn Mitglied der Kommunistischen Partei geworden sei. Darauf antwortete er wenig konkret, sie sei einmal die größte Hoffnung gewesen, der aber die allergrößte Ernüchterung gefolgt sei. Da FBI-Agenten eher prosaische Figuren sind, endete die gesamte Befragung nach dieser eher poetischen Antwort wohl ergebnislos.
Auf das Ende hin orientierte sich der Filmemacher Liehm, denn er betonte, dass der August 1968 für die Tschechoslowakei das Ende einer zehnjährigen Entwicklung bedeutet habe, insbesondere für die Künste. Das Filmschaffen des Landes befand sich zu jener Zeit auf einem Höhepunkt: Aus Staatsgeldern konnten seinerzeit 20 Regisseure Filme machen – nicht nur für den heimischen Markt, diese Filme waren in der ganzen Welt bekannt. Der Prager Frühling sei 1968 nur die Spitze eines Eisberges gewesen, der am 21. August versunken sei.
Jiří Gruša, ehemals auch Botschafter der Tschehischen Republik in Deutschland, griff dieses Datum dankend auf. Die Okkupation der Tschechoslowakei sei die größte Militärbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa gewesen, vierzig Tausend Panzer habe der Warschauer Pakt damals benötigt, um das gesellschaftliche Experiment zu beenden. Außerdem wandte er sich scharf gegen die Ansicht, dass es damals um die Reform des Sozialismus gegangen wäre, denn „der Sozialismus hat keine Form, deshalb kann man ihn auch nicht reformieren“. Kunderas Ansicht, dass der tschechoslowakische Versuch eine Investition in die Weltgeschichte gewesen sei, bezeichnete er als Dummheit.
Lustig führte das Gespräch noch einmal in einen philosophischen Rahmen zurück. Er gab vor, dass es drei Begriffe gebe, die keine Definition besäßen: Gerechtigkeit (damit auch Unrecht), Liebe und Freiheit. Allein schon gegen Marx Bestimmung, Freiheit sei Einsicht in die Notwendigkeit, rege sich ein innerer Widerstand. Warum? Weil sich Freiheit einzig spüren lasse. Dann unternahm er einen Versuch, Vaculík doch noch konstruktiv in das Gespräch einzubinden und bezeichnete ihn als Sokrates des Sozialismus. Sokrates sei Steinmetz gewesen und trieb sich nur deshalb auf der Straße herum, um diesem Beruf zu entgehen, und begann dann, unbequeme Fragen zu stellen. Außerdem erzählte er die Anekdote, dass er in den Vereinigten Staaten für damals doch recht viel Geld zehn Exemplare von Klímas Erzählungsband „Má veselá Jitra“ gekauft und an Mädchen verteilt habe.
Bevor nun Vaculík auf die Provokation reagierte, stellte Gruša klar: Marx Zitat basiert natürlich auf Hegel und besagt nichts anderes, als dass es etwas gibt, das wir nicht wissen; Marx sagt uns also, dass wir dumm sind. Vaculík nun griff den Faden auf und legte für sich fest, er habe die Freiheit, nur noch das zu tun, was er tun muss.
Liehm bezog sich auf den tschechoslowakischen Beitrag zur Weltausstellung in Brüssel 1958, welchem derzeit ebenfalls intensiv gedacht wird. Im prämierten Pavillon haben vor fünfzig Jahren Künstler Bilder ausstellen können, welche niemals öffentlich in der Tschechoslowakei gezeigt werden durften. Der große Erfolg ließ sich zu Hause nicht verheimlichen, fügte er ironisch an, dem tschechoslowakischen Establishment sei anschließend die Oberhoheit über das Kulturschaffen aus den Händen geglitten. Dieses hat im Sozialismus natürlich ein viel stärkere politische Funktion als in irgend einem anderen Gesellschaftssystem.
Lustig deutete dieses Phänomen ein wenig um und verwies auf das kollektive tschechische Bewusstsein, eine kleine Nation zu sein, die sich zunächst gegen die deutsche, dann die russische Kulturhoheit behaupten musste. In diesem Kampf um Selbstbestimmung spielt die Kultur eine viel bedeutendere Rolle als etwa in den Vereinigten Staaten.
Das Podiumsgespräch klang mit einigen witzigen Anspielungen auf das Verhältnis französischer und tschechischer Spitzenpolitiker zu wesentlich jüngeren Frauen aus, welches ohne den Kulturkampf der ´60er Jahre undenkbar sei.
Aus dem Publikum wurde die Frage nach den Parallelen zwischen 1968, 1989 und 2008 aufgeworfen. Vaculík gab zur Antwort, dass es 1968 und 1989 darum ging, eine Tradition aus der Ersten Republik wieder zu beleben. Das ging nicht ohne klares Feindbild. Ein solches heute zu schaffen sei aber nicht möglich. Klíma gab zu bedenken, dass die Veränderungen stets aus einem verbreiteten Gefühl der Unzufriedenheit der Generation zwischen zwanzig und dreißig entstanden seien. Er prophezeihte, dass sich da etwas zusammen braue.
Gruša hingegen verwies darauf, dass die Frage, wie die Verhältnisse sind, stets von der jungen Generation gestellt würde. Liehm hingegen ordnete 1968 in die ganz große Geschichte ein. Der Prager Frühling sei ein tschechische Ereignis gewesen, ebenso wie der Beginn des Protestantismus und das nationale Wiedererwachen. Die samtene Revolution von 1989 sei wie viele andere Ereignisse auch die tschechische Variante von weltpolitischen Entwicklungen gewesen.
Auf die Frage aus dem Publikum, ob sich die Unterdrückung durch die Nationalsozialisten und diejenige der Kommunisten vergleichen lasse, entspannte sich doch noch eine kleine Meinungsverschiedenheit über die Bedeutung der tschechoslowakischen Lager wie etwa in Jáchymov. Während Klíma entschieden darauf verwies, dass sei die Atmosphäre der ´50er Jahre gewesen, bestand Lustig darauf, dass sich dieselben Sitten noch wesentlich länger gehalten hätten. Auf jeden Fall einigte sich die Runde darauf, dass beide totalitären Systeme abstoßend, ekelhaft und abzulehnen seien.
Über das Thema, ob denn heute die Stimme der Kultur überhaupt noch gehört werde, wendete sich die Runde nochmals dem Tagesgeschehen zu. Klíma mahnte, dass die gegenwärtige Machtelite gewisse Züge von Arroganz anzunehmen beginne. Das bedeute nichts anderes als Gefahr für die Beherrschten. Ob er damit nur auf die tschechische Situation oder auch auf andere Länder angespielt hatte, ließ er offen.
Schließlich kam die Gesprächsrunde dann doch noch auf ein Thema, in dem die Erinnerung der Teilnehmer auseinanderklaffte: das Schriftstellertreffen vom 27.-29. Juni 1967. Dort zeigte sich der tiefe Graben zwischen Einheitspartei und Literaten. In der Erinnerung von Lustig hatte der damals zweite Mann im Politbüro die Schriftsteller gewarnt: „Ihr habt alles verloren“, in Erinnerungen anderer soll der Mann deutlicher gesagt haben: „Ihr habt es verschissen“. Dann soll er gegangen sein, als Pavel Kohout einen Brief von Alexander Solschenitzyn vorgelesen hat, den er „zufällig dabei hatte“. Ob der Mann am zweiten Tag zurückkehrte, blieb auch unklar, zumindest aber zeigte sich bei ihm eines: die Angst vor dem Sowjetsystem. Während Dubček, so Liehm, wohl etwas naiv in den Sowjets immer noch seine Freunde gesehen hatte.
Kurzweilig und lebhaft war die Runde, keineswegs gegenseitige Animositäten verbergend, und kam rechtzeitig zum Ende, ehe der Streit um historische Details zu lebenslangen Feindschaften führen konnte.
Die Rechte an dem Text liegen ausschließlich beim Autor.
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