Der Prager Frühling geht am 4. Juni zu Ende
Auf den Prager Frühling (Pražské jaro) ist einfach Verlass: Nicht nur auf die wiederkehrenden Rituale zu Eröffnung und Ende und nicht nur auf die heutzutage in den Konzertsälen auf Großfestivals üblich gewordene Ekstase nach dem Musik-Ereignis, auf die stehenden Ovationen und Begeisterungsstürme eines sich selbst beklatschenden Publikums, das scheinbar jedes Konzert, dem es beigewohnt hat, unbedingt zu einem einmaligen Event hochapplaudieren muss.
Nein, auch auf die Qualität der Darbietungen vor allem in etwas am Rande liegenden Veranstaltungen ist beim Prager Frühling Verlass.
Das traf dieses Jahr insbesondere auf zwei ausschließlich der modernen Musik aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewidmeten Konzerten zu. Einmal war es das Ensemble Ostravská Banda, das uns endlich einmal wieder gezeigt hat, was in moderner Musik steckt, wenn sie von Musikern ausgeführt wird, die sie gerne spielen. Im Rudolfinum gaben die meist jungen Musiker einen musikalischen Querschnitt durch die Moderne, wobei der Orchesterleiter Petr Kotík mit seinem „Soli und zufällige Harmonien“ für Blasinstrumente das jüngste Werk und György Ligetis Violinen-Konzert mit der großartigen Geigerin Hana Kotková als einer der Klassiker der modernen Musik das älteste stellten.
Der amerikanische Komponist Elliott Carter, von dem das Klavier-Orchester-Stück „Dialogues“ gespielt wurde, steuerte diesem gut dreistündigen, immer spannenden Konzertabend quasi das Motto bei: „Allein die Zeit“, so wird der mittlerweile 100-Jährige gern zitiert, „gehöre dem Menschen, denn es sei das einzige, was er nicht in der Lage ist zu beeinflussen, es sei denn durch Musik“.
„Zeit ist die Antithese zur Unendlichkeit“, sagte hingegen der im gleichen Jahr wie Carter geborene französische Komponist Olivier Messiaen, „erst sie läßt uns die Unendlichkeit verständlich werden“. Dass die Hörern des Konzertes aus Orgelwerken des 1992 verstorbenen Organisten der Eglise St. Trinité in Paris eine Ahnung von der Dualität von Zeit und Raum beschlich, verdankten sie dem ebenfalls französischen Organisten Olivier Latry.
Messiaens Werke braucht einen Organisten, der sie durchschaut. Denn es ist schauende Musik, die sich beim Hören fast unweigerlich vor dem inneren Auge visualisiert. Und obwohl der tiefgläubige Messiaen von sich sagt, er sehe Farben, wenn er Musik höre, und sich in frühester Jugend durch die Betrachtung farbiger Kirchenfenster inspirieren ließ, erscheint die Formensprache der Stücke, die im Obencí dům (Repräsentationshaus) auf den Programm standen, sich eher grafischen Mitteln zu bedienen: Strichen, Schraffierungen, Flächen. Die langsam aufgebeute Spannung kulminiert nicht im Orgel-Bombast, sondern entschwindet in klaren, prägnanten Tonfolgen. Im üppigen, vom Jugendstil geprägten Smetana-Saal wanderte das Auge ein wenig hilflos vom opulenten Gesims zu den an der Decke schwebenden Musen und, unglaublich, aber wahr: Mitten in Prags Herrlichkeit wollte sich bis zum Ende des Konzertes eine Sehnsucht nach einer formklaren Betonkirche nicht mehr stillen lassen. Messiaens Musik wirkt so stark, dass sie keinen prägenden Umraum benötigt.
Ideal für diese Musik ist auch die Voit-Orgel im Smetana-Saal im Obecní dům mit ihrer großen Breite an Klangregistern. Fast ist man geneigt, all den Synthesizer- und Apple-Computer-Musikern zuzurufen: Spielt Orgel. Aber sicher, ein Apple ist natürlich etwas handlicher, und so bleibt nur ein Appell: Hört Messiaen! Den Hörern jedenfalls hat seine Musik an jenem Abend Tiefe und Mut zugesprochen, und den Programmgestaltern der kommenden Ausgabe des „Prager Frühlings“ trotz der bei Veranstaltungen dieser Art nicht ganz ausverkauften Säle hoffentlich ebenso.
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