1968: Mexiko, Griechenland und amerikanische Asylanten

Mit dem Schlagwort aus Barack Obamas Kampagne „change“ – „Wechsel“ war die zweite Diskussionsrunde des Guardian betitelt. Befragt wurden fünf Schriftsteller aus drei Ländern und sollten sich mit der Leitfrage auseinandersetzen: Waren die Veränderungen, welche das Jahr 1968 brachten, wesentlich oder symbolisch? Heute würde man eher nach der Nachhaltigkeit und der Kosmetik fragen. Einige Anmerkungen von Gerd Lemke (gerlem@gmx.de).

Margaret Atwood zum dritten und damit wiederum Kanada: Sie leitete die Runde mit einem Rückblick auf die Zeit des Vietnam-Kriegs ein. Damals haben Tausende US-amerikanischer Immigranten die Grenze nach Norden überschritten, um vor dem Kriegsdienst zu flüchten. Nach der Carter-Amnestie in den späteren 70er Jahren sind nicht alle zurückgekehrt.

Bevor nun das Gespräch richtig Fahrt aufnehmen konnte, machte der mexikanische Schriftsteller und Diplomat mit der Chronik der Ereignisse des Jahres 1968 in seinem Heimatland bekannt. Die Weltöffentlichkeit denkt vielleicht noch an die Olympischen Spiele und neben dem phänomenalen Rekord im Weitsprung und der neuen Technik im Hochsprung an die beiden US-amerikanischen Sprinter mit den erhobenen Fäusten: Ein Zeichen des Kampfes gegen die Rassendiskriminierung.

Mexiko selbst hat aber in jenem Jahr bedeutende Studentenunruhen erlebt, die sich vom Sommer bis kurz vor die Olympischen Spiele im Oktober hinzogen. Zahlreiche Demonstrationen endeten gewaltsam, einige sogar äußerst blutig. Höhepunkt war das Massaker am 2.10.1968 in Mexiko City, bei dem 700 Studenten wahllos erschossen wurden. Diese Unruhen, die während der Olympischen Spiele ausgesetzt wurden, läuteten das Ende der Ein-Parteien-Herrschaft im Lande ein. Der wirkliche Machtwechsel, also die Abwahl dieser machthabenden Partei, ließ nochmals mehr als 30 Jahre auf sich warten.

In Griechenland bedeutete das Jahr 1968 das zweite Jahr einer Militärdiktatur, die dann 1974 endete, wie sich Katerina Anghelaki-Rooke erinnerte. Für sie, international und mehrsprachig erzogen, bedeutete das eine seltsame Phase, in der das Militär versuchte, das sich modernisierende Griechenland in eine frühere Phase zurück zu versetzen.

Atwood brachte den Wert solcher Gesprächsrunden auf den Punkt: Sie erzählen sich gegenseitig Momentaufnahmen jenes Jahres, die alle aber eine lange Geschichte hinter sich herziehen, eine Geschichte, die mindestens ins 18. Jahrhundert reicht, als zum ersten Mal über Menschenrechte nachgedacht wurde. Die französische Revolution habe dann die Frage nach der Monarchie gestellt und die weitere Geschichte hat zwei Antworten gegeben: Wer die Hierarchie anzweifelt oder bekämpft, tut das, um sie entweder abzuschaffen oder aber, um selbst an der Spitze zu stehen.

Zu den Schnappschüssen fügte Aridjis seine Erinnerungen an Paris im Mai 1968 und Rom im August desselben Jahres an. In Rom habe er Jean Paul Sartre erlebt, der sich gegenüber Simone de Beauvoir vollkommen fassungslos über den sowjetischen Einmarsch in die Tschechoslowakei zeigte. In Paris wiederum habe er von dem Massaker in Mexiko-City erfahren, doch die offiziellen Angaben haben bloß von 42 Toten gesprochen.

Dies brachte den Moderator Gary Young zu dem schönen Neologismus, dass es sich 1968 wohl um die gegenseitige Befruchtung unterschiedlicher Kämpfe gehandelt haben musste. Die militaristische Einstellung sei sicherlich in jener Zeit gewachsen. Er verglich 1968 mit dem antiken Motiv der Büchse der Pandora, die sich geöffnet habe, was wiederum Atwood dazu veranlasste, auf George Orwells Roman „Animal Farm“ zu verweisen: Warum wiederholt sich eigentlich immer wieder die Geschichte, dass ein Volk die Freiheit eines anderen nicht ertragen kann?

Ja, warum eigentlich? Damit entließ die Diskussion die fleißigen Zuhörer in die sogenannte Aporie.

Die Rechte an dem Text und den Bildern liegen ausschließlich beim Autor.

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Eine Reaktion

5. Juni 2008, 10.23 Uhr [1] honza sagt:

Wozu braucht man sich noch heute mit dem Jahr 1968 zu beschäftigen? Gab es z. B. bei den Schriftstellertreffen in 1968 auch so viele Diskussionen über die Wirtschaftskrise von 1929? Mir kommt das ganze wie ein Treffen der Verdienten vor, die die ganze Zeit zueinander sagen: Ja ja, damals vor einhundert Jahren, als wir jung waren, das war ja eine hübsche Zeit! Das haben sie aber eher privat machen sollen :)

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