Damenabend


Dem schönen Geschlecht blieb die kreative Gestaltung des zweiten Abends des Prague Writers Festival vorbehalten. In Gesprächen und Lesungen führten uns Margaret Atwood, Siri Hustvedt und Katerina Anghelaki-Rooke in vergangene Welten und Zeiten. Eine Nachschau von Gerd Lemke (gerlem@gmx.de).

Einen der wenigen Männer im jungen Team des Prague Writers Festival erwischte es: Er musste den Schriftstellerinnen Blumensträuße auf der Bühne übergeben. Repräsentativ sah es nicht aus, auch nicht gekonnt, aber trotzdem gelungen. Festzuhalten bleibt aber, die jungen Damen machen dabei mit ihrem Laufsteg-Gang eine bessere Figur.

Aber nicht nur, was das Repräsentieren betrifft, haben die Frauen eindeutig die Nase vorne, wie die drei Schriftstellerinnen des Abends unter Beweis stellen konnten. Die Kunst ist ihre Sache auch, nicht nur als Muse oder als Kulisse.

Zunächst stellte sich die Griechin Katerina Anghelaki-Rooke den Publikum und den Fragen von Festivalchef Michael March. Er hat seit mittlerweile 18 Jahren die raffinierte Technik der uneigentlichen, assoziativen Fragenaussage so verfeinert, dass sich Anghelaki-Rooke, immerhin bereits 69 Jahre alt, in ihre Kindheit zurückversetzt fühlte. Da ihr das wahrscheinlich schon lange nicht mehr passiert ist, ging sie gleich weiter in die Jugend ihres Vaters. So fanden wir uns zunächst in das Ende des vorletzten Jahrhunderts versetzt, um uns dann mit Siebenmeilenstiefeln in die frühen Zwanziger Jahre zu begeben, in die Zeit der Vertreibung der Griechen aus Kleinasien, also der Türkei.

Und schon waren wir in Aigina gelandet, einer Insel vor Piräus, die einst für ihre Pistazien bekannt war. Und heute dafür bekannt ist, dass Katerina Anghelaki-Rooke dort ein Haus mmit Garten besitzt, wozu zumindest früher noch rund 300 Pistazienbäume gehörten. Dort also entsteht ihre Poesie, die viel von der griechischen Hitze, von Wasser, der Stille, vom Atmen, dem Körper und dem Alleinsein handelt.

Das nun war ein Paradox, erzählte Anghelaki-Rooke, eines ihrer ersten Gedichte, das sie noch im Teenageralter geschrieben hatte, handelte von der „Einsamkeit“, die sie bis zu diesem Alter selbst nie erlebt hatte. Heute würde ihr die Antwort auf die verwunderte Frage des Onkels, warum sie denn gerade diese Thema gewählt habe, leicht fallen: Einsamkeit ist eine intellektuelle Erfahrung, keine Lebenserfahrung. Der Schaffensmoment, das ist ein wirklich einsamer Moment. Und da stand sie auf der Bühne, so ähnlich wie die Leiter in einem ihrer Gedichte, welche den Menschen symbolisiert. Der Körper klettert hinauf, reckt den Hals, um über die Gartenmauer zu blicken, in den Garten der Gefühle. Manchmal fühle sie sich wie diese Leiter, die jemand an der Gartenmauer vergessen hat. Das sicherlich traf nicht für diesen Abend zu, denn vergessen wurde sie sicherlich nicht, erntete großen Applaus und einen Blumenstrauß von dem bereits beschriebenen jungen Herrn aus dem Organisationsteam.

Aus dem heißen und seit Jahrtausenden kulturträchtigen Griechenland begab sich das Publikum nach Nordamerika, um genau zu sein über New York nach Minneapolis. Auch diese literarische Reise, geleitet von Siri Hustvedt, der Frau an der Seite von Starautor Paul Auster, folgte den Spuren des Vaters und Onkels zurück in die Vergangenheit, diesmal in die Depressionsjahre in den Vereinigten Staaten und die Jahre des Zweiten Weltkriegs.

Die großgewachsene schlanke blonde Hustvedt – wie der Name andeutet, ganz der skandinavische Typ – betonte zunächst, dass sie ihre Erfahrungen sowohl aus der Psychiatrie als auch aus der Psychoanalyse gewonnen hat. Mit Psychiatrie hat sie sich sogar auf einer Universitäüt beschäftigt und tatsächlich in einer psychiatrischen Anstalt hospitiert. Ihre Prosa weiß also, wovon sie spricht, ist gedeckt durcch eigene theoretische wie praktische Erfahrungen.

Eine weitere Quelle ihres Romans „The sorrows of an American“ sind Aufzeichnungen ihres Vaters aus den 20er bis 40er Jahren. Auf dem Sterbebett hat er der Tochter erlaubt, dieses Material zu benutzen. Eine wichtige Figur dabei ist ein gewisser Onkel, den der amerikanische Traum des Zugs nach Westen beide Unterschenkel gekostet hat und der später Bleistifte auf der Washington Street in Minneapolis verkauft hat. Gestorben ist dieser Onkel in Spezialschuhen mit genau einem Penny in der Tasche an Herzversagen.

Das Thema des Romans ist die Art und Weise, wie Erinnerungen, insbesondere traumatische, im Gedächtnis gespeichert sind. Diese Erlebnisse kehren von Zeit zu Zeit als „flashback“ wieder, ihre Vater hat diese nach der Rückkehr aus dem Weltkrieg und diejenigen, die „nine eleven“ miter- und überlebt haben, haben sie heute. Mit diesem neuralgischen Datum endete auch ihre Lesung und mit dem Schlussbild: ein Mann, der auf dem Rasen kauert und um sein Leben betet.

Die Kanadierin Margaret Atwood konnte bereits am vorhergehenden Abend brillieren und suchte nahtlos daran anzuknüpfen. Moderator Gary Younge lieferte ihr brav das Stichwort, sie sei 1968 „weltbekannt in Kanada“ gewesen. Leider ritten beide auf der Anspielung über die Provinzialität Kanadas so lange herum, bis auch dem letzten Zuhörer das Lachen vergangen war.

Sie beschrieb aber willig ein weiteres Mal die Entstehung einer eigenständigen kanadischen Literatur in den 60er Jahren. Noch in den 50er Jahren glaubten die Kanadier, ein Schriftsteller sei entweder englisch, US-amerikanisch oder tot. Natürlich rief Atwoods Wunsch, Schriftstellerin zu werden, in ihrer Umgebung blankes Entsetzen hervor (wo tut es das eigentlich nicht?) und sie sah sich mit den einzigen Möglichkeiten einer solchen Existenz konfrontiert: tagsüber Liebesromane für Groschenhefte zu schreiben (sie verriet auch das Standardrezept dafür), um abends Zeit für die Meisterwerke zu haben. Oder aber Journalistin zu werden, um bei den Todesanzeigen und den Seiten „marriages & fashion“ (heute: „lifestyle“) zu enden. Also besuchte Frau Atwood zunächst einmal die Universität und dadurch auch für einige Jahre die Vereinigten Staaten.

Dort kannte man zwar noch lebende Schriftsteller, doch waren das die betont männlichen Typen à la Hemingway und Fitzgerald. Frauen als Schriftsteller konnte man sich dort auch nicht wirklich vorstellen. So kehrte sie nach Kanada zurück und siehe da, das literarische tabula rasa hielt Chancen bereit, denn in den 60er Jahren erlebte Kanada einen ungeahnten literarischen Aufschwung, von dem auch Margaret Atwood profitierte. Dies könne man übrigens, schloss sie ihren Exkurs über die jüngere Literaturgeschichte Kanadas ab, mit den Entwicklungen in ehemaligen Kolonien wie West-Indien oder Australien vergleichen.

Schließlich las sie unter anderem eine „short story“ über ein Mädchen aus der Nachbarschaft vor, die aus einer zweifelhaften Familie stammend schließlich den lokalen Polizeichef heiratete, der dann sein Vergnügen darin fand, protestierende Studenten durchzuprügeln. Sie schloss mit einem „poem“ über den Poeten als Bettler und damit den gesamten Abend, der ganz im Zeichen des kollektiven Gedächtnisses gestanden hatte. Ein letztes Mal brachte der junge Mitarbeiter Blumen auf die Bühne, diesmal bereits um einiges gekonnter. Siehe da, auch an einem Abend mit Schriftstellerinnen kann Mann noch etwas lernen.

Die Rechte am Text und den Bildern liegen ausschließlich beim Autor.

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