Wofür brauchen wir den Feminismus?
Slavenka Drakulic und Tariq Ali suchten neue Betätigungsfelder für eine alte Disziplin. Dabei kamen sie zu dem überraschenden Ergebnis, dass es durchaus ausreicht, erst einmal dort weiterzumachen, wo man sich auf geichertem Terrain zu befinden glaubt. Denn die reaktionären Kräfte schlafen nie.
Was haben eine kroatische Schriftstellerin, die in Schweden lebt, und ein pakistanischer Schriftsteller mit Domizil in Großbritannien gemeinsam? Sie können sich trefflich über Barack Obama und Hillary Clinton streiten. Wessen Kandidatur für die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten nun den größeren Fortschritt bedeutet.
Drakulic plädierte für Clinton, denn eine Frau im höchsten Staatsamt des mächtigsten Staates der Welt habe sicherlich Signalwirkung. Doch die Amerikaner vertrauten dann doch eher einem Afro-Amerikaner als einer Frau, so ihre Schlussfolgerung. Heftigen Widerspruch erntete sie von Ali, der hier keineswegs die patriarchalische Verschwörung über Rassengrenzen hinweg am Werke sah. Es sei vielmehr eine politische Entscheidung gewesen, keine über das Geschlecht. Obama habe sich eindeutig gegen den Irak-Krieg ausgesprochen, während Clinton sich dabei um eine klare Aussage gedrückt habe. Nicht einmal von ihrer einstigen Unterstützung für den Krieg habe sie sich distanziert.
Streiten kann man sich über diese Deutungen trefflich. Ali wies darauf hin, dass eine Frau in einem hohen politischen Amt den Frauen keineswegs etwas bringen muss. Margaret Thatcher war das beste Beispiel dafür. Selbst die Tatsache, dass in Pakistan, Indien oder Sri Lanka Frauen in höchsten Staatsämtern regiert haben, sagt nichts über den Zustand der Emanzipiertheit aus. Diese Frauen stammten aus mächtigen Familien und waren aus Ermangelung an fähigen männlichen Verwandten einfach an der Reihe. Das waren Familien- bzw. Klassenangelegenheiten, keineswegs wurden dadurch Geschlechterfragen geklärt.
Ali fügte die interessante Beobachtung an, dass in einem pakistanischen Frauengefängnis zu 90 Prozent Frauen säßen, weil sie einen Mann umgebracht haben; einen Mann, der die Täterin in seiner Familienfunktion als Vater, Bruder oder Ehemann übelst unterdrückt hatte.
Hier nun waren beide beim Thema: Gewalt in der Ehe bzw. in der Familie bzw. in der Privatsphäre. Drakulic erinnerte an das sozialistische Jugoslawien, in dem sie aufgewachsen war. Der Staat garantierte den Frauen rechtliche Gleichstellung, garantierte ein bis drei Jahre Mutterschaftsschutz, er garantierte die Emanzipation. Und so waren die Frauen im Sozialismus eigentlich weiter als diejenigen im Kapitalismus. Das erkannten auch die Frauen in den Vereinigten Staaten an, die sie 1983 dort traf. Im Westen hatte der Feminismus zu diesem Zeitpunkt eine knapp hundertjährige Tradition, im Osten sorgte der Sozialismus kurzerhand für ihre Gleichstellung.
Doch solle man sich nicht täuschen, die traditionellen Machtverhältnisse blieben in der Familie selbstverständlich konserviert und kamen nach der „Wende“, dem Sturz der kommunistischen Regime, wieder zum Vorschein: die Macht der Kirche – in Kroatien der katholischen, im benachbarten Serbien die der orthodoxen – mit ihren traditionellen patriarchalischen Rollenmustern. Auf den Einwurf des moderierenden Politologen Jiří Pehe, ob das nicht gut sei, um den Niedergang der Familie aufzuhalten, antwortete Drakulic selbstbewusst und bestimmt: „Ich bedauere das Ende der Familie nicht, wenn damit die patriarchalisch orientierte Familie gemeint ist.“
Wie genau diese Rückkehr zu den traditionellen Werten Familie, Nation, Kirche abläuft, illustrierte Drakulic am Beispiel Kroatien: Als erste verloren in den 90er Jahren die Frauen ihre Jobs, damit ihre soziale Sicherheit und gerieten wieder in Abhängigkeit von Männern. In Kroatien sind nur fünf Prozent der Parlamentsabgeordneten Frauen. Sie müssen bei Berufseinstieg häufig Verträge unterschreiben, in denen sie sich verpflichten, in den ersten fünf Jahren keinen Schwangerschaftsurlaub und keinen Mutterschutz zu beanspruchen. Und selbst im Mutterschutz verdienen Frauen nur 80 Prozent ihres normalen Einkommens – das heißt zu wenig, um leben zu können bei den geringen Löhnen in Kroatien. So fügen sich einzelne Mosaiksteine zu einem Gesamtbild zusammen. Dabei verwundert es nicht, dass auch das Abtreibungsrecht unter Beschuss gerät: Ärzte können sich ohne Begründung weigern, eine Schwangerschaftsunterbrechung vorzunehmen.
Nun lebt Drakulic die meiste Zeit des Jahres in Schweden, wo die Frauen angeblich am emanzipiertesten in der ganzen Welt seien. Drakulic gab zu bedenken, dass es auch dort immer noch Themen für den Feminismus gebe, beispielsweise, warum die obere Sphäre der Wirtschaft für Frauen wie durch eine Käseglocke verschlossen ist, sie steigen einfach nicht in die Spitzenbereiche auf. Aus all diesen Einzelbetrachtungen zog sie den Schluss: Der Kampf um Gleichberechtigung ist niemals gewonnen.
Tariq Ali warb zunächst einmal für die Rechte der muslimischen Frauen, ein Kopftuch tragen zu dürfen. Diese Frage werde in Großbritannien wesentlich pragmatischer gehandhabt als in Frankreich. Er wies weitere Vorwürfe an islamische Gesellschaften zurück: Die Beschneidung von Mädchen sei keine islamische Angelegenheit, sondern die kulturelle Tradition einiger Ethnien in Afrika, welche sich auch zum Islam bekannten. Das sei zu verurteilen und von staatlicher Seite her zu unterbinden.
Einer seiner wichtigesten Punkte im Geschlechterkampf betraf die Sexualität. Er erinnerte daran, dass die westliche Freizügigkeit noch keine fünfzig Jahre bestünde. Mittlerweile beute aber die Konsumgesellschaft die Sexualität regelrecht aus. Das führe in islamischen Ländern mit hoher Sexualrestriktion dazu, dass dort die Märkte für Pornovideos förmlich explodierten. Er erinnerte auch daran, dass in Indonesien, dem bevölkerungsreichsten islamischen Land, traditionell Bisexualität bei den Männern vorherrschte. Der Islam konnte diese Tradition keineswegs einfach durch die Ächtung der Homosexualität abschaffen.
Bevor sich Ali auf das Feld der amerikanischen Präsidentschaftswahlen begab, richtete er noch einen Appell an die EU-Mitgliedsländer: Schafft alle religiösen Schulen ab! Wenn es schon keine islamischen Schulen geben soll, dann sollte es auch keine christlichen oder jüdischen in Europa geben! So sind wir unversehens vom Feld der Frauenemanzipation auf die Forderungen eines Euro-Islams geraten. Diskussionen um Diskriminierung, staatliche bzw. gesellschaftliche Repressalien sind doch hinterlistig. Sicherlich kann die Antwort auf die drängende Frage: Wofür brauchen wir heute noch den Feminismus?, nicht lauten: zur Durchsetzung von Forderungen des Euro-Islams.
Von Gerd Lemke (gerlem@gmx.de)
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