Tito, Russland und die Tschechoslowakei
Im Diskussionsreigen um das Jahr 1968 stand beim Prague Writers Festival das Thema Russland auf dem Programm. In einer lebhaften Diskussion erfuhr der Zuhörer aber auch so manches über andere ehemals sozialistische Staaten. Den Erinnerungswettstreit fasst Gerd Lemke (gerlem@gmx.de) zusammen.
Manchmal ist es ja doch ganz nützlich, wenn sich das Programm nicht ans Thema hält, manchmal aber auch ärgerlich, manchmal einfach nur ermüdend. Alle drei Typen der Abweichung durfte der Zuhörer diesmal bei der Podiumsdiskussion über das große Russland erleben.
Sogar Alexander Solschenizyn soll angeblich erst am 21.8.1968, dem Schicksalstag der Tschechoslowakei, erkannt haben, dass das Sowjet-System nicht reformierbar sei. Also ist auch der weltberühmte Autor des „Archipel Gulag“ und Dissident lange einer Verblendung erlegen? Oder anders gefragt, was war denn los in der Sowjetunion in jenem Jahr des Umbruchs? Vieles scheint darauf hinzudeuten, dass die Besetzung der Tschechoslowakei zur Entfremdung zwischen der „Intelligenzia“ und der Parteilinie geführt hat. Der Einmarsch sei einer der größten Sargnägel für das Sowjetsystem gewesen, schloss der Moderator Tariq Ali seine Einleitung in die Podiumsdiskussion über das Thema, was 1968 für Russland bedeutet habe.
Es entwickelte sich eine sehr lebhafte Diskussion, bei der einige Teilnehmer zwar ein wenig fehlbesetzt wirkten – beispielsweise Günter Kunert, der ausschließlich einige kurze Bemerkungen über die Situation in der damaligen DDR und die Bedeutung der Stasi beitragen konnte -, dafür andere mehr oder weniger spontan in die Bresche sprangen.
Igor Pomerantsew erinnerte sich daran, dass er in jenem Jahr eine Affäre mit einer älteren Professorin hatte. Dies gab Gelegenheit, die Toleranz der eigenen Umgebung zu testen. Im August schließlich arbeitete er in einem Kinderlager und erfuhr aus der Zeitung von der Okkupation der Warschauer-Pakt-Staaten. Ihm schoss in diesem Moment gleich der Gedanken durch den Kopf: Das bedeutet schlechtes Wetter für mich und auch für die Kinder. Im September 1968 hatte er dann den ersten Konflikt mit dem KGB, weil er eine Sammlung duchgeführt von Ruthenen unterstützte. Das Geld sollte den Druck von Texten in ruthenischer Sprache finanzieren. Neben diesen Anekdoten machte Pomerantsew seinem Unmut Luft. Sein Name, weil offensichtlich russisch, sei der einzige gewesen, der auf einem Festivalplakat durchgestrichen war, das er auf dem Wenzelsplatz gesehen hatte.
Die Schriftstellerin Elena Schwarz ergänzte das Bild Russlands. Sie hatte in diesem Jahr gerade ein Examen am Theaterinstitut im damals so genannten Leningrad zu bestehen. Fachbereich: Geschichte der Partei. Sie erinnerte sich noch genau, was das für merkwürdige Leute waren, die „Geschichte der Partei“ unterrichteten und prüften. „Heute sind sie verschwunden, als hätte es sie nie gegeben“, fügte sie an. Gefragt hat dieser merkwürdige Mensch nach zwei Dingen, nach der Einstellung zur Besetzung der Tschechoslowakei und nach der Meinung zum anti-sowjetischen Pasternak. Die Antworten fielen dann so aus, dass Frau Schwarz zunächst einmal aus der Universität ausgeschlossen wurde. Denn Pasternak war ihr Lieblingsautor und die Besetzung hielt sie für schlecht.
Der Fall ging weiter und schließlich durfte Frau Schwarz auf Druck des Bekanntenkreises, alle tätig im Theaterbereich, nach einer Woche weiterstudieren. „Die sowjetischen Panzer zermalmten auch die junge Generation“, so Schwarz.
Auf dem Podium saß auch die Kroatin Slavenka Drakulic, die etwas über das Verhältnis des ehemaligen Jugoslawien und der früheren Sowjetunion beitragen konnte. Auf sie hatte der Moderator Ali auch die Bemerkung gemünzt, Tito habe 1948 gegen die Drohung Stalins standgehalten und die Sowjetunion gewarnt: Das Volk sei bewaffnet und die Drohungen der Sowjetunion gegen den sozialistischen Bruder in allen Zeitungen veröffentlicht.
Drakulic erinnerte sich zunächst an den 21.8.1968. Sie hatte ihren persönlichen „summer of love“ erlebt und war schwanger, ansonsten weitgehend unpolitisch. Auch in Jugoslawien gab es zu jener Zeit einige Studentendemonstrationen. Tito allerdings stellte sich auf die Seite der Studenten und forderte die Schuldigen in der Regierung und Verwaltung auf, die angeprangerten Missstände zu beseitigen. Sie erinnerte auch kurz an das Jahr 1948. Tito ließ die Stalinisten in der Partei festnehmen und auf einer unwirtlichen Insel internieren. Er nutzte die Chance, aus dem Warschauer Pakt auszutreten, Jugoslawien wurde blockfrei. Doch sie selbst hat daran keine Erinnerungen, denn sie wurde erst im darauffolgenden Jahr geboren.
Nun beinhaltete der Verweis auf Jugoslawien eine gewisse Spitze, wie sich später im Laufe der Diskussion zeigen sollte. Zunächst wies Günter Kunert auf die Reaktion in der DDR hin und beschrieb das Verhalten seiner Mitbürger als weitgehend gleichgültig nach den Erfahrungen von Ost-Berlin 1953 und Ungarn 1956. Nur unter den wenigen Intellektuellen hatte es die Hoffnung gegeben, dass der Funke des Prager Frühlings das Erzgebirge überspringen könnte. Dass bekannte Ende hat dann niemanden sonderlich überrascht.
Ein co-Referat aus dem Publikum beschrieb die Situation in Bratislava und verdeutlichte, wie die Verhältnisse damals lagen. Die sowjetischen Soldaten kamen zum größten Teil aus den entlegensten Gebieten Sibiriens und verstanden gar nicht, was eigentlich los war. Ihnen wurde gesagt, dass sie den Kommunismus verteidigen müssen gegen den imperialistischen Feind aus dem Westen. Diese Leute wurden nach kürzester Zeit durch Eliteeinheiten abgelöst, die politisch zuverlässiger waren.
Schwarz illustrierte nochmals das Gefühl zur damaligen Zeit: 1968 herrschte die Ohnmacht vor, es war das Ende der Liberalisierung, die Chruschtschow 1956 eingeleitet hatte, paradoxerweise im Jahr des Ungarn-Aufstandes. Dessen Niederschlagung sei eher ein Zeichen nach außen gewesen, die Sowjetunion mache außenpolitisch keinerlei Konzessionen. Innenpolitisch standen ab nach 1956 die Zeichen auf Öffnung.
Nach dieser Unterbrechung fuhr der co-Referent aus dem Publikum fort und erklärte, warum es 1968 die Tito-Option von 1948 nicht gegeben hätte. Denn in der Tschechoslowakei habe es eine pro-stalinistische „5. Kolonne“ gegeben. Nun folgten die üblichen Daten und Ereignisse: 1938, München, Großmächte, Verrat, 1968, Westen, im Stich gelassen etc. (Ich erinnerte mich in diesem Moment an einen Satz, den Slavenka Drakulic am Vortag geäußert hatte: Was man von den Amerikanern lernen könne, sei folgendes: If you want something to get done, do it yourself. Da war der co-Referent aber wahrscheinlich nicht anwesend gewesen, wenn man ihn auch die ganze Zeit über auf dem Festival erblicken konnte.) Die Spitze des Moderators hatte also gestochen, der Stachel saß tief, nur, um schließlich zuletzt immerhin zuzulassen: Vielleicht habe man auch nicht den Mut der Jugoslawen gehabt.
Tja, da war man also wieder beim beliebten Spiel gelandet, historische Ereignisse unter Vernachlässigung von Fakten zu vergleichen und über mögliche, andere Verläufe von Geschichte zu spekulieren.
Aus dieser misslichen Situation rettete das Publikum Pomerantsew, der zum einen an die Namen der acht Studenten erinnerte, die gegen die Besetzung der Tschechoslowakei auf dem Roten Platz in Moskau demonstriert hatten. Und zum anderen erinnerte er daran, dass das Thema des Abends eigentlich Russland war. Anschließend kritisierte er scharf die amerikanischen Autoren des ersten Abends, die in ihren Erinnerungen über den Vietnam-Krieg ausschließlich von den amerikanischen Verlusten gesprochen hätten, nie jedoch von den vietnamesischen. (Das stimmt zwar tendenziell, aber auch wiederum nicht völlig.) Schwarz sprang ihm bei und bezeichnete den Vietnam-Krieg als brutalen imperialistischen Krieg.
Dann trat endlich der Star der Veranstaltung auf, Natalia Gorbanewskaja. Sie war eine jener acht auf dem Roten Platz und musste ihre Zivilcourage mit Verhaftung, Gefängnis, Folter und Exil bezahlen. Sie las auf russisch – aus Scham über ihr rudimentäres Englisch hatte sie zunächst nicht auf das Podium gewollt – den Veranstaltern die Leviten wegen des Titels: Nicht „1968: Russland“ sondern „1968: Sowjetunion“ habe auf das Plakat gehört. Sie beschrieb anschließend weitere Protestaktionen gegen die Besetzung, beispielsweise in Estland oder in Litauen, wo ein Student versucht hat, sich zu verbrennen. 1968 sei in ihrem Heimatland auch die Geburtsstunde der Dissidentenbewegung für Menschenrechte gewesen. Ihr falle ein Zitat von Puschkin ein, die Russen seien faul und feige. Mittlerweile denke sie, dass das nicht nur auf ihre Landsleute zutreffe. Schließlich ergänzte sie noch, was sich eigentlich in jener Zeit in Polen zugetragen habe, denn dieses Land sei in der Runde bisher völlig vernachlässigt worden. Dort habe zu diesem Zeitpunkt die gesamte Dissidentenszene im Gefängnis gesessen, weil die Studenten bereits im März protestiert hatten – mit dem bekannten Ergebnis.
Dieser turbulente Vorabend ging mit der Rechtfertigung von Festival-Manager Michael March zu Ende, warum er den Titel so gewählt habe: Dies sei ein Literaturfestival und es gehe um die russische Literatur.
Gelernt hat der Zuschauer nach dieser Veranstaltung sicherlich einiges, sogar über Russland.
Die Rechte an dem Text und den Bildern liegen ausschließlich beim Autor.
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