EM-Kolumne: Regen, Schneetreiben, Euphorie

Schweiz-Tschechien und Portugal-Türkei bilden den Auftakt einer denkwürdigen Europameisterschaft. Leergefegte Straßen und volle Wirtshäuser: Böhmen feiert.
Gerd Lemke (gerlem@gmx.de) schildert seine Erlebnisse.
Der Tag des Eröffnungsspiels ist gekommen. Ich bin bereits morgens sehr nervös und packe meine Tasche. Vergesse natürlich die Hälfte. Auf dem Hinweg halten wir bei einem Supermarkt, ich kaufe ein Ersatz-T-Shirt: World Class Football World Tour 1973 steht drauf, kostet aber nur 105 Kronen. Dafür bekomme ich ein Tütchen mit einem Sammelbild geschenkt, es stellt sich später heraus, dass ich einen Marek Matějovský erworben habe. Oder zumindest Anteile an ihm, der Kerl ist mit 26 Jahren ja noch im besten Alter und spielt bereits Premier League. Das ist die in England, wo alle hinwollen. Leider ist er mit seinem Verein abgestiegen, dann wird er bei einem Verkauf nicht so viel Geld erzielen. Da werde ich wohl nicht allzuviel für ihn bekommen. Trainer Brückner sieht das ähnlich und setzt ihn erst gar nicht ein.
Spielt Matějovský?
Doch der Reihe nach, rechtzeitig erreiche ich den Austragungsort und schaue mich bereits nach einer geeigneten Lokalität um. Zuvor muss ich noch eine lästige Pflichtübung erledigen, nämlich einer Hochzeit zujubeln. Diese soll in einem Wald hinter dem Schloss stattfinden. Ich treffe auch bald weitere Hochzeitsgäste, die daran zu erkennen sind, dass sie sich verkleidet haben, Thema ist der Wald. Ich habe dazu eigens ein grünes T-Shirt und eine gelbe Hose angezogen, dazu noch grün-gelbe Schuhe und gelbe Socken. Ich finde, ich sehe aus wie eine Blume auf der Wiese, das finden die anderen aber leider nicht, so dass sie mich nur mitleidig anschauen.
Auf gehts und rechtzeitig hinter dem Schloss beginnt der Regen. Der Bräutigam ist zur Gruppe dazugestoßen, wir können schon mal nicht ganz falsch sein. Da niemand genau weiß, wo es langgeht, suchen wir einfach beim letzten Haus ein wenig Schutz vor dem Schauer. Schließlich treffen Braut und Standesbeamte ein und ziehen die Zeremonie irgendwo im Freien durch. Puh, das wäre geschafft, noch über zwei Stunden bis zum Anpfiff. Da der Bräutigam Engländer ist, steht nicht zu erwarten, dass er große Rücksicht auf die EM nimmt.
Anschließend geht es zum Fototermin in den Schlossgarten – nicht schlecht, die Umgebung – und dann weiß keiner so recht und meiner Begleiterin kommt die rettende Idee: Lass uns doch einfach zurück nach Prag fahren. Ja, warum nicht, obwohl wir es zum Anpfiff kaum schaffen werden.
Umleitungen ins Nichts
Wir befinden uns also in Südböhmen auf einer relativ wenig befahrenen Landstraße Richtung Hauptstadt. Um halb sechs mache ich mir noch keine größeren Sorgen, hier und dort haben wir sogenannte „Motorest“ passiert, dort wird sicherlich gleich Fußball geschaut. Gegen Viertel vor sechs beginnen die waghalsigen Überholmanöver der heimischen Autofahrer zuzunehmen. Ich spähe im Vorbeifahren in die Restaurants, doch die meisten sind merkwürdig dunkel. Kurz vor Tábor beschließen wir, ins Zentrum der Stadt zu fahren. Ein ausgeklügeltes Umleitungssystem führt uns mehrmals um die Hauptstadt der Husiten-Bewegung herum, aber nicht hinein. Ganz schön raffiniert, diese Taktik, einer Belagerung zu entgehen. Nachdem wir mal wieder an der Stadt vorbei gefahren sind, lasse ich an einem winzigen Restaurant halten. Innen stehen drei Tische, sitzen vier Leute und die Wirtin schaut überrascht, als sie ein fremdes Gesicht erblickt. Es gibt keinen Fernseher und wir setzen die Fahrt fort, geben aber den Tábor-Plan auf.
Es ist bereits deutlich nach Anstoßzeit, da lasse ich an einem größeren Restaurant halten. Draußen sitzt ein gutes Dutzend gut gelaunter Menschen und singt zur Gitarre. Innen sitzen noch mehr Familien und speisen, ebenfalls gut gelaunt. Fernseher? Gibt es nicht. Ich beginne, die Provinz zu verfluchen. In Prag steht in jeder Eckkneipe ein Fernseher. Zugegeben, ich habe früher über diese Unsitte geschimpft, denn wer Fernsehen schauen will, kann ja gleich zu Hause bleiben. Die Stimmung im Auto wird langsam gereizter, wir halten an der nächsten Schenke. Ich stürme hinein und winke heftig: Gefunden!
Schneetreiben in Basel
Als ich den Raum betrete, erkenne ich, dass im Baseler Schneetreiben – keine Seltenheit im Alpenland - gerade der schweizer Stürmer Frei vom Platz humpelt. Der tschechische Verteidiger Zdeněk Grygera feiert sein erstes Erfolgserlebnis. Schemenhaft sehe ich das Ergebnis: Null Null noch. Im Raum sitzt ein junger Mann mit seiner Partnerin. Sie ist wahrscheinlich die Schönste aus der Klasse, die hier im Ort geblieben ist. Kurz darauf ist Halbzeit und ich bestelle was zu Essen. Das Schneetreiben hört auch im Prager Fernsehstudio nicht auf, schemenhaft sehe ich, dass in der ersten Halbzeit wohl nicht allzuviel passiert ist. Das bestätigt mir auch eine sms, Gott sei Dank!
Zweite Halbzeit, das Essen kommt und Jan Koller, der 54-Länderspiel-Tore-Mann, aber auch frischgebackene Bundesliga-Absteiger geht. Viel hat er nicht zustande gebracht. Das Spiel bleibt auf eher bescheidenem Niveau, Schweiz kann nicht, Tschechien will nicht. Doch dann ein Tor wie aus dem Nichts, Einwechselspieler Václav Svěrkoš, auch schon mal aus der Bundesliga abgestiegen, steht alleine vor Torwart Benaglio und trifft. Ein typisches Tor für den derzeitigen Fußball: Zuvor hat die Abseitsfalle nicht zugeschnappt. Ich setze zu einem Jubelruf an – ohhhh – und warte auf weitere Stimmen, vergebens. Der junge Mann schaut gerade von seinem Handy auf und nickt anerkennend. Die Schöne an seiner Seite nickt auch anerkennend. Der Reporter erzählt voller Enthusiasmus, wie schön der Stürmer das mit seinem Außenrist hingekriegt hat. Hinter mir murmelt jemand – na gut, es ist der junge Mann, viele Möglichkeiten gibt es ja nicht -, er habe wahrscheinlich den Ball nicht richtig getroffen.
Den Rest der Spielzeit bringen die Tschechen routiniert hinter sich. Sie gestatten den Eidgenossen - ha, das Wort musste ja auch mal vorkommen - noch einen Lattentreffer, Schiedsrichter Fandel übersieht zwei Handspiele von Ujfaluši im Strafraum und die Punkte sind eingefahren.
Enthusiasmus in Miličín
Mittlerweile ist ein mittelaltes Paar eingetroffen und mampft wahrscheinlich „smažený sýr“ mit Kartoffeln. Sie lassen sich auch nicht aus der Ruhe bringen, als sie informiert werden: He Honza, wir haben gewonnen. Wir zahlen und machen uns auf den weiteren Weg. Ich schaue nochmals auf der Karte, wo wir uns gerade befinden, Miličín, im Restaurant U Špačků, also bei den Zigarettenkippen, wenn man das mal so übersetzen will. Ich notiere mir die Telefonnummer und nehme mir vor, hier auf jeden Fall einen Tisch für das Endspiel zu reservieren.
Einige Minuten später passieren wir das schöne Olbramovice. Vor dem Club U Dandýho (Zum Dandy) liegen zwei junge Fans wie tote Käfer auf dem Rücken und strecken voller Enthusiasmus die Arme nach oben. Ein Mädchen schaut diesem Treiben etwas ratlos zu. Auch diesen Ort merke ich mir für ein eventuelles Halbfinale schon mal vor.
Temperamentvoll ins Bett
Vom zweiten Spiel verpasse ich bloß fünf Minuten, in denen wahrscheinlich auch nicht viel passiert ist, denn es steht Null Null. Man sieht gleich, dass beide Teams über bedeutend mehr Talent, nein, sorry, ich wollte schreiben: Temperament verfügen als die Eröffnungsspieler. Das Spiel ist munter, auch die Türken verstecken sich keineswegs und suchen den Weg zum Tor, wenn auch die Portugiesen mit zwei Toren, einem sehr knappen Abseitstor und drei Treffern an das Torgestänge deutlich besser abschneiden. Nach diesem Auftakt ist wahrscheinlich bereits alles klar in Gruppe A und ich kann mich an diesem Abend anderen Dingen zuwenden, im Bett liege ich ja bereits. Und nicht alleine…
Foto: ČTK
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