EM-Kolumne: Da freut sich der Piefke


Österreich–Kroatien und Deutschland–Polen kopieren den ersten Spieltag. Und wann wird es mal endlich wieder richtig Sommer?

Randbemerkungen zur EM von Gerd Lemke (gerlem@gmx.de).

Der Nachmittag bricht an. Während ich noch so hin und her überlege, wo heute der ideale Schauplatz liegt, kommt wie gestern der Regen. Schön, denke ich, hat sich das also auch geklärt und beginne, allmählich an den Klimawandel zu glauben. Trotz aller Beteuerungen des hiesigen Präsidenten. Doch eine weitere Sorge beschleicht mich: Mit wem soll ich heute Fußball schauen? Ich denke verstärkt nach, leider ergebnislos. Ich kenne einfach keine Österreicher in Prag, zumindest nicht privat. Wo also welche auftreiben?

Schweiz boykottiert Olympische Spiele

Ich schaue also ein wenig fern, um auf andere Gedanken zu kommen. Eurosport ist der ideale Sender dazu. Und siehe da, in Paris regenet es nicht und da war doch was, richtig, Tennis. Als ich einschalte, steht es gerade sechs eins, sechs drei, fünf null, dreißig null. Das müssen die ersten Runden sein, denke ich, in denen die Spieler mit der „wild card“ noch mitmachen dürfen. Drei Minuten später ist das Spiel zu Ende und fünf Minuten später reckt der Spanier Nadal einen Pokal in die Höhe. Danach beißt er in den Griff, als wolle er, nein, diesen Satz führe ich nicht zu Ende, das soll hier jugendfrei bleiben. Zumindest der Gegner lächelt gequält, es ist ein Schweizer. Arme Eidgenossen, denke ich, gestern die Niederlage im Eröffnungsspiel, heute das Debakel im Tennis. Nochmals in Worten: 1:6, 3:6, 0:6. Die Schweiz ist in einer tiefen sportlichen Krise. Der Sommer hat noch gar nicht so richtig angefangen und das nächste Skirennen ist noch lange hin. Besser wäre es, die Olympischen Spiele gleich zu boykottieren.

Doch ist das Leben noch so schwer, kommt irgendwo ein Lichtlein her. Denn am Vorabend spielt Österreich und danach wird so manchem Schweizer wieder etwas leichter ums Herz geworden sein. Siehe, der co-Gastgeber macht es auch nicht besser, vielmehr, stellt sich noch viel dämlicher an. Es dauert gerade einmal drei Minuten im Spiel gegen Kroatien, bis Vorstopper Pogatetz ein taktisches Foul im Sechzehnmeterraum begeht. Ich habe in der großen Sportbar hinter Prags Freudenhäusern noch gar nicht richtig Platz genommen, da erhält der Spieler mit der Nummer vier bereits die gelbe Karte. Elfmeter, Anlauf, Tor, niemand in der Bar jubelt, obwohl hie und da Personen sitzen und zuschauen.

Italiener in Rot-Weiß

Also alles Österreicher, denke ich, außer wahrscheinlich das kleine Häuflein um den Herrn im rot-weiß-karierten T-Shirt, der gerade raucht und später eine Pizza bekommt. Der sieht so nachgemacht italienisch aus, das muss ein Kroate sein. Ein Bekannter hatte mir einmal im Vertrauen ein Geheimnis mitgeteilt. Die Kroaten machen nämlich einen auf Italiener. Der Bekannte ist Tscheche und muss das also wissen. Aber das bleibt unter uns. Und da die Italiener sich ja eigentlich nicht für Fußball interessieren – wie könnten sie sonst ihrer eigenen Nationalmannschaft zuschauen? – liegt dieser Schluss auf der Hand. Ich bin ja mal wieder so knapp vor Anpfiff aufgelaufen, dass ich die Nationalhymnen verpasst habe und nun nicht weiß, wer wann mitgesungen hat.

Zurück zum Spielgeschehen, Vorstopper Pogatetz hat die Nervosität aus dem Spiel der Gastgeber genommen, die nach dem frühen Rückstand wie befreit aufspielen. Eigentlich spielt danach nur noch eine Mannschaft. Kann man das so sagen? Das kann man so sagen. Und Chancen gibt es auch? Chancen gibt es tatsächlich. Und gegeben haben sie auch alles? In der Tat, sagen kann man das so. Vielleicht ist sogar etwas Pech im Spiel? Das lässt sich nicht bestreiten.

Den Kopf mit dem Knie verwechselt

Tatsache bleibt aber, dass Vorstopper Pogatetz nach einer halben Stunde vom Platz fliegen muss. Nachdem sein Gegenspieler ihn an der Außenlinie nach Strich und Faden vernascht hat, tritt er ihm zunächst in die Beine, reißt ihn an der Schulter und senst ihm dann die Knie weg. Sein Verbleiben auf dem Spielfeld verdankt er eigentlich nur Ivica Olic, den wir ja aus der Bundesliga zur genüge kennen. Der windet sich nach dieser Attacke auf dem Rasen und hält sich ausgerechnet den Kopf, das einzige Körperteil, das Gegenspieler Pogatetz nun wirklich nicht malträtiert hat. Jetzt eine gelb-rote Karte zu geben macht wirklich keinen guten Eindruck. Das sieht ja aus, als sei der Schiedsrichter auf das Schmierentheater hereingefallen.

Während also Kroatien im rot-weißen Angriffswirbel untergeht, dem nur die berühmten Kovac-Brüder stand halten können, versuche ich die Mitschauer zu sortieren. Die beiden an meinem Tisch beginnen vor Nervosität bald, rumänisch zu reden, wollen also incognito bleiben. Hinten sitzt einer und sieht sehr grimmig aus, das könnte ein Österreicher sein. Neben dem Grüppchen Kroaten sitzen noch zwei Slawen, direkt unter dem Bildschirm Tschechen, die sich nur für Fußball interessieren, wenn ihre Mannschaft spielt oder Deutschland verliert, schließlich kommen ein paar Leute, angeführt von einem dunkelhaarigen Mädchen mit Zöpfen. Das sind sicher Kroaten, obwohl sie ein wenig überernährt aussieht. Während sie die gesamte Gruppe von einem bequemen Sitzplatz auf eine Holzbank umorganisiert, kommt eine Gruppe Deutschsprachiger, die sich auch tatsächlich mit dem Grimmigen auf deutsch unterhält und sich zu ihm gesellt.

Mitleiden mit der Alpenrepublik

Trainer Hickersberger wechselt gerade seinen Kroaten ein. Leider läuft das Zweite deutsche Fernsehen und ich muss das scheinheilige Mitgefühl des Reporters mit dem Nachbarland ertragen. Und erfahre, dass Österreichs Sturmhoffnung Ivica Vastic sogar noch älter als Jens Lehmann ist. Und dieser ist nur Torwart, während jener neben seinen kroatischen Fremdsprachenkenntnissen auch noch Österreichs Sturmhoffnung verkörpert. Nützen tuts nichts und so bleibt nach diesem Spiel nur die Erkenntnis, dass Österreich die wohl am plumpesten foulenden Verteidiger des Turniers besitzt. Und dass nebenan in der Schweiz ein Felsbrocken vom Herzen gefallen ist. Nicht alleine die Deppen sein…

EM kucken bis zum Sandmännchen

Begebe mich anschließend in die Galerie unter dem berühmten Café Louvre. Ein sehr guter Bekannter aus den Zeiten der Fußball-Weltmeisterschaft ist eigens aus Moskau eingeflogen, um eine kleine Tradition fortzusetzen, Spiele der deutschen Mannschaft mit mir zu schauen und die Daumen zu drücken. Ich laufe umgehend durch die gesamte Lokalität, sehe aber gleich mehrere weiße Leinwände. Bevor ich mir von der ortsüblich freundlichen Bedienung Eintritt für die Ausstellung abknöpfen lassen kann, kommt bereits mein Bekannter. Wir erfahren, dass hier Fußball noch Kunst ist und ab 22 Uhr nicht mehr gezeigt wird. Ab der sechzigsten Minuten werden die meisten Spiele ja eh langweilig, dann kommt das Sandmännchen und die Männer Böhmens müssen ins Bett. Recht habt ihr, beschließen wir und landen zu meinem Leidwesen wieder beim Kommentator des Zweiten deutschen Fernsehens. Aber siehe da, in der bekannten Sportbar hinter den Prager Freudenhäusern haben sich weitere Bekannte eingefunden. Der Grimmige ist verschwunden, muss wohl tatsächlich ein Österreicher gewesen sein, dafür ist das Mädchen mit den schwarzen Zöpfen geblieben. Also doch Polin, denke ich, obwohl die Kaczynski-Brüder per Gesetz verfügt haben, dass alle Polinnen blond tragen müssen. Da hatte jeder noch sein Amt, jetzt aber gibt es wohl einen Engpass in der Wasserstoffperoxid-Versorgung. Das deutet auf ein angespanntes russisch-polnisches Verhältnis hin, orakle ich und mein Bekannter gibt mir gleich recht. Moskau will die H2O2-Preise kräftig anheben. Deshalb kann sich die Arme wohl nur noch im Nachbarland in der Öffentlichkeit sehen lassen.

Und da Müllert es schon wieder

Nun, das Spiel beginnt diesmal sogar mit den Nationalhymnen, Klose und Podolski halten sich bei der polnischen die Hände vor die Münder und bewegen bei der deutschen offensichtlich die Lippen falsch. Ich bin froh, im Kreise von Landsleuten zu sitzen, schaue jedoch stets ängstlich auf Neuankömmlinge. Die Polen haben ja gedroht, uns Deutschen die Köpfe abzuschlagen. Ich wollte meinen ja noch ein wenig zum Denken benutzen und vielleicht auch mal wieder für den einen oder anderen Kopfball nach der EM.

Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt. Mit Glück übersteht Deutschland – übrigens der erklärte Favorit der englischen Zeitungen The Observer und The Guardian – die Anfangsnervosität von Torwart Lehmann – der hat ja schließlich noch nie ein EM-Spiel bestritten. Dann läuft Klose alleine aufs gegnerische Tor zu und – tja, wir jubeln schon, da spielt er tatsächlich ab und die Chance ist vergeben. Au weia, was hat der Hitzfeld bei den Bayern bloß aus Klose gemacht, einen Torjäger mit eingebauter Abschlusshemmung. Zum Glück geht Hitzfeld jetzt in die Schweiz und wird dort die Scherben nach der verpatzten EM auffegen.

Etwas später dasselbe Bild noch einmal, diesmal schiebt Klose Ball und Verantwortung rüber auf Podolski. Ganz schön clever, denkt er sich sicherlich, soll der doch schauen, wie er das mit seiner polnischen Seele hinkriegt. Podolski netzt schneller ein, als er darüber nachdenken kann. Als ihm klar wird, was er getan hat, bricht sein Gleiwitzer Herz. Statt zu jubeln starrt er mit versteinerter Miene Löcher in den Rasen und ich empfehle Bundestrainer Löw, den Jungen jetzt lieber vom Feld zu nehmen. Ich rufe ihn gleich an und Jogi Löw zeigt sofort Verständnis für meine Bedenken. Er verspricht, nach der Pause zu handeln. Komisch, dass er so einen eigenartigen, na, fast slawischen Akzent hat, das muss wohl an der österreichischen Leitung liegen.

Ein Fußballspiel hat zwei Halbzeiten

Dann ist Halbzeit und die polnischen Fans zahlen. Die sind leicht zu erkennen, denn sie tragen eine weiße Bluse und einen roten Rock oder einen weißen Rock und eine rote Bluse. Und sind natürlich blond. Ich möchte ihnen zurufen, he, Mädels, bleibt doch, es ist ja noch eine Halbzeit, noch ist Polen nicht verloren. Doch ich merke, dass mein Polnisch seit meinem letzten Polen-Urlaub vor drei Jahren etwas eingerostet ist, „djewuschtscha“ ist wohl doch eher russisch als polnisch.

Egal, die Polen kommen mit neuer Energie aus den Kabinen und treten drei Mal ihren Landsmann Podolski um. Löw hat ein Einsehen und wechselt nach einer Stunde aus. In der Galerie unter dem Café Louvre wäre das Spiel jetzt zu Ende. Podolski muss zur Strafe nachsitzen, doch dafür darf Clemens Fritz – bis dahin bester Mann auf dem Platz – unter die Dusche. Reine Vorsichtsmaßnahme, raunt mir Löw über´s Handy zu. Dann schießt Polen sogar den Ausgleich – die Schwarzzöpfige kreischt vor Ekstase – doch natürlich aus klarer Abseitsstellung. Nichts also passiert und ich zeige ihr mit strenger Miene die gelbe Karte.

Bastian Schweinsteiger, Schwarm aller Münchener Lehrlingsfriseusen, spielt nun und sieht ebenfalls den gelben Karton, bereitet aber auch das Zweinull vor. Klose tritt geschickt über den Ball und bewahrt sich die Option auf die polnische Staatsbürgerschaft, hinter ihm lauert Podolski, dem schon alles egal ist, und hämmert das Runde ins Eckige. Nach der freundlichen Behandlung durch die polnische Abwehrreihe kann er sich diesmal sogar richtig freuen und ich denke mir nur, da is er ja wieda, da Bergheimer Jong, der in der Schule stundenlang nicht nur Blondinen- sondern auch Polenwitze erzählen konnte.

Englischer Humor

Kennen Sie den? Nein, den kennen Sie bestimmt noch nicht, den hat mir nämlich ein Engländer erzählt und den gibt es noch gar nicht auf deutsch und außerdem ist das ein Hitlerwitz. Also, der geht so:

Hitler steht vor der Himmelspforte und begehrt bei Petrus Einlass. Petrus öffnet die Himmelstür, sieht Hitler und fragt: Was willst du denn hier? Hitler darauf: Ich möchte in den Himmel. - In den Himmel? Du, das geht doch wirklich nicht. Du bist doch ein Massenmörder, da kannst du nicht in den Himmel kommen. Du gehörst in die Hölle. - Ich möchte aber unbedingt in den Himmel, kann man denn da nichts machen? - Nein wirklich, das ist doch völlig unmöglich, nach alledem. Hitler lässt aber nicht locker und wird Petrus allmählich lästig. Der seufzt und sagt: Gut, ich hole mal Jesus, der soll entscheiden. Da kommt Jesus und fragt, ja bitte? Hitler wieder: Jesus, ich möchte in den Himmel. Petrus hier will mich nicht hineinlassen. Darauf Jesus: In den Himmel? Aber du hast doch sechs Millionen Juden umgebracht, versucht, weitere Völker auszurotten, und Europa in Schutt und Asche gelegt. Nein, das geht nun wirklich nicht, du musst in die Hölle. - Wenn du mich in den Himmel lässt, verleihe ich dir die höchste Auszeichnung Deutschlands. Wie wäre es damit? - Die höchste Auszeichnung Deutschlands, wirklich? - Ja, dann bekommst du das Eiserne Kreuz. - Das Eiserne Kreuz, ist das auch wirklich wahr? - Ja, ich schwör´s dir, bei allem, was mir heilig ist, ich gebe die das Eiserne Kreuz. Jesus denkt nach. Moment, da muss ich erst mal nachfragen, aber nicht weggehen. Jesus geht also zu Gott und fragt ihn: Lieber Gott, Hitler steht draußen vor der Tür und begehrt Einlass. Du brauchst nichts zu sagen, ich weiß, aber er hat mir das Eiserne Kreuz versprochen! Gott schaut ihn etwas mitleidig an. Das Eiserne Kreuz? - Ja, die höchste Auszeichnung Deutschlands, das Eiserne Kreuz. Aber Jesus, bitte, du bist doch schon unter dem hölzernen zusammengebrochen.

Foto: ČTK

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2 Reaktionen

24. Juni 2008, 23.22 Uhr [1] EM-Kolumne: Spanien komplettiert das Halbfinalquartett | Weblogs sagt:

[…] erfolgreich bestritten hat. Das gilt, denke ich mal, für die spanischen Anhänger. Bei den italienischen Fans weiß ich schlichtweg nicht, warum sie Fußball schauen. Es muss sich dabei um denselben Zynismus […]

24. Juni 2008, 23.24 Uhr [2] EM-Kolumne: Auszeit vor der heißen Phase | Weblogs sagt:

[…] gelesen, nämlich irgend so ein polnischer Spitzenpolitiker einer obskuren Partei, der Podolski die polnische Staatsbürgerschaft entziehen will. Doppelstaatsbürgerschaften seien nicht vorgesehen. Ob der Podolski die polnische […]

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