EM-Kolumne: Rausch in Oranje


Frankreich-Rumänien und Holland-Italien spielen die Todesgruppe aus. Wer hier weiterkommt, steht bereits mit beiden Beinen im Viertelfinale. Ergreifende Szenen beobachtet und beschreibt Gerd Lemke (gerlem@gmx.de).

Nachmittags bereite ich mich mental auf den Spieltag vor: Nochmals die bisher gesehenen Mannschaften Revue passieren lassen und die Spiele von gestern auf DVD anschauen, doch diesmal ohne den lästigen Kommentar des Zweiten Deutschen Fernsehens. Und siehe da, gleich wächst der Spaß am Bild. Nicht etwa, dass der tschechische Kommentator eine Lichtgestalt wäre, doch dessen ewig gleich gestimmte Leier lässt sich einfach besser überhören. Österreich verliert immer noch durch einen Elfmeter, der so überflüssig wie das Fleisch im Wiener Schnitzel ist, und ein Pole schlägt Polen.

Freunde fürs Leben

Leider kann mir ein befreundeter Briefmarken- und Banknoten-Kleinhändler mit keinerlei Fanartikeln aushelfen, nicht mal mit einer Fahne der Volksrepublik Rumänien. Ich ziehe also mein eigelbstes Hemd an und eine gelbe Brasilien-Hose. Damit signalisiere ich klar, wen ich im ersten Spiel der viel zitierten Todesgruppe unterstütze. Ich komme etwa zwei Minuten nach Anstoß in das Hinterzimmer meines Lieblingsrestaurants und es steht zum Glück noch Nullnull. Mit Absicht setze ich mich nicht an den Tisch meiner Bekannten aus aller Herren Länder. Während das Spiel läuft, fallen die ersten faulen Witze: Da spielen die Afrikaner gegen die Zigeuner. Ich balle die Faust in der Tasche und denke für mich: rahatul, te fut! Bei diesem Spiel hört jegliche Freundschaft auf.

Ich qualme wie ein Schlot. Dracul Piţurcă, den die Medien erwischt haben, wie er einem kleinen Kind den Kopf abgebissen hat, hat ein Siebenbürgisches Wehrdorf um das rumänische Tor errichten lassen, um den Ansturm der Ungläubigen aus dem Morgenland abzuwehren. Und tatsächlich, für Franck Rybéry und Nicolas Anelka ist kein Durchkommen. Dick wie die Mauern des mănăstire Gura Humorului ist der Abwehrriegel. Auf der anderen Seite siehts aber auch nicht besser aus, denn die französischen Verteidiger haben alleine doppelt so viele Länderspiele wie der gesamte Kader Österreichs absolviert.

Torlose Euphorie

Bis zum Ende passiert nichts Erwähnenswertes auf dem Rasen, ich reiße glücklich die Arme nach oben, begleite den Abpfiff mit stehenden Ovationen: un succes, fără îndoială, zweifellos, dieses Nullnull. Die Umgebenden werfen mir verständnislose Blicke zu. Ich grinse dazu nur, schürze die Oberlippe und lasse zwei blanke Eckkzähne blitzen. Sind sie nicht sogar ein klein wenig länger als normal? Kurz darauf schließe ich aber wieder Freundschaft mit allen.

Ema liest keine Emma

Denn nach einer kurzen Pause geht es gleich weiter mit den Todeskandidaten. Eine Gruppe Slowaken gesellt sich an unseren Tisch. Ich achte darauf, dass Ema, mit diesem Namen stellt sich das blonde Mädchen später vor, nicht hinhört, als ich den italienischen Torwart als Stecher von Alena Šeredová abqualifiziere. Zugegeben, der tschechische Ausdruck, den ich dafür benutze, ist doch um einiges derber als das harmose „Stecher“. Gleich darauf preise ich aber die beiden größten Vorzüge des tschechischen Topmodels und füge hinzu, die müsste eigentlich genau im richtigen Alter für mich sein. Zeit müsste sie jetzt auch haben, antwortet mein Bekannter süffisant. Denn Buffon ist gerade damit beschäftigt, den Ball aus dem Netz zu holen.

Was soll man groß dazu sagen, Holland überfährt Italien komplett. Die Slowaken sympathisieren mehr oder weniger offen mit Italien, sie lassen in ihrem heftigen Gespräch solche Namen wie Juventus Turin oder Inter Mailand fallen. Dann sind sie aber in Pittsburgh und ich weiß nicht, wo sonst noch und schließlich sogar in Madrid, irgendwo zwischen Real und Atletico. Mir ist es egal, ich fange ein kleines Gespräch mit Ema an, in dessen Verlauf sie mir auch ihren Namen verrät. Oh, wie die berühmte feministische Zeitschrift in Deutschland, antworte ich. Worauf sie sofort versichert, keine Feministin zu sein. Heißt das nun, dass ich sofort mit ihr ins Bett könnte, oder aber, dass ich ihr erst einen Verlobungsring kaufen müsste? Da kenne sich jemand aus…

Die Pointe verpasst

Nun mischt sich der Typ, der manchmal seine Hand beanspruchend auf Emas Schulter legt, ein. Nachdem er herausbekommen hat, dass ich Deutscher bin, setzt er sein verschlagenstes Gesicht auf und will von mir wissen, was ich von Hitler halte. Ganz schön raffiniert, denke ich, jetzt hast du mich und erzähle den Hitlerwitz, den ich am Vortage aus englischem Mund gehört habe, in tschechischer Version. Ema lacht sofort begeistert und ich denke, Einsnull für mich. – Auf dem Rasen steht es übrigens noch Zweinull, aber nicht mehr lange, dann schenkt Holland noch einmal nach. – Ich hoffe, Ruhe zu haben und mich wieder aufs Spiel konzentrieren zu können, da bemerke ich, dass der mit der beanspruchenden Hand immer noch nicht lacht. Alle Nachfragen verweise ich auf mein schlechtes Tschechisch, Ema könne den Witz sicherlich wesentlich besser erklären. Ich höre nur noch Wortfetzen: Holzkreuz, nein, nicht Hitler, Gott sagt das. Doch auch nach dem dritten holländischen Tor hat er immer noch nicht verstanden und wundert sich: Komisch, dass sich die Deutschen immer noch mit dem Hitler beschäftigen. Und will mir zuprosten mit dem, was er für einen richtigen deutschen Trinkspruch hält. Ich lehne selbstverständlich ab. Endlich kommt mir Rudi, ein Holländer, zur Hilfe und legt definitiv fest: Der zweite Weltkrieg ist lange her. Das sehe ich ähnlich und wende mich wieder der Gegenwart zu.

Ist Italien noch zu retten?

Die ist ja auch viel besser, ich kann mich an kein einziges Turnier erinnern, in welchem Italien so vorgeführt worden wäre. Der Oranje-Express durchpflügt die Po-Ebene, dichte ich im Geiste und rieche bereits meine erste Pizza seit fast zwei Jahren vor mir duften. Dann erzähle ich Rudi zur Belohnung für die begeisterte Leistung der elftal den Hitler-Witz auf deutsch. Den findet er gut und steckt mir heimlich die Adresse eines web-Blogs zu, in dem Holländer Szenarien über das Ende von Belgien entwerfen. Derjenige, welcher die richtige Vorhersage macht, wird mit seinem Eigengewicht in Fritten aufgewogen.

Zum Abschluss gibt er noch einen Apotheker-Witz zum Besten: Geht ein Junge in die Apotheke. Er will am Abend zum ersten Mal seine Freundin besuchen und denkt sich, da kaufe ich doch lieber ein Kondom. Er steht also in der Apotheke und verlangt ein Kondom, denkt dann aber laut vor sich hin, hm, die Schwester sieht eigentlich auch ganz gut aus, na, dann geben Sie mir lieber zwei Kondome. Moment, die Mutter ist auch nicht schlecht, nein, geben Sie mir gleich drei Kondome. Er bezahlt und geht. Abends geht er zu seiner Freundin, sie öffnet die Tür, sie sagt, komm mit ins Esszimmer, wir essen gerade. Sie gehen also ins Esszimmer und er bleibt in der Tür stehen, wird über und über rot und stammelt: Warum hast du mir denn nicht gesagt, dass dein Vater Apotheker ist?

Foto: ČTK

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Eine Reaktion

22. Juni 2008, 15.25 Uhr [1] Holland ist auch raus! | Weblogs sagt:

[…] mir die elftal schon vor dem Fernseher beschert! Und auch in diesem Turnier haben sie mich in den Gruppenspielen restlos begeistert. Danke, Holland, das war großartig! Soviel […]

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