EM-Kolumne: Spanien stürmt ins Verderben


Spanien-Russland und Schweden-Griechenland überschreiten eindeutig die Torvorgabe von drei Toren pro Spieltag. David Villa wird von seinen Kollegen als Akkordbrecher aus der Stürmer-Gewerkschaft ausgeschlossen. Wohin diese Torflut noch führen soll, fragt sich ebenfalls Gerd Lemke (gerlem@gmx.de)

Nachdem der Versuch gescheitert ist, mit einer russophilen Bekannten das Spiel zu schauen, richte ich mich auf einen gemütlichen Nachmittag zu Hause ein. Endlich ist niemand da, der mich mit blödem Hitlergequatsche ablenkt, so dass ich die besten Spiele halb verpasse. Und endlich kann ich mich auch mal wieder den Nationalhymnen zweier Länder widmen, die früher Großreiche waren. Doch bevor noch die letzte Note der russischen verklungen ist, setzt im Innenhof des Wohnblocks wieder der Rasenmäher ein. Hat der Typ nicht bereits vor zwei Tagen, am Sonntagnachmittag, seinen Rasen gemäht? Auf der anderen Seite meines Innenhofes sind die Wohnblocks, die früher von der sowjetischen Elite bewohnt wurden. Das hat sich bis heute wohl nicht geändert. Also legt der Gärtner, wahrscheinlich ein ukrainischer Sklavenarbeiter, pünktlich vor Anstoß mit seinem Arbeitseifer los. Das bewahrt mich immerhin davor, dem Kommentator zu lauschen.

Den Bären zum Stier gemacht

So ist das Spiel recht munter, es ist gleich zu sehen, dass die Russen mit dem spanischen Stierkampf-Fußball nicht klar kommen. Ich verstehe gar nicht, was los ist, ist das nicht dieselbe Mannschaft, die noch vor einem Monat Bayern München mit Viernull ins Voralpenland zurückgeschickt hat? Jetzt das: Das Spiel ist statisch, ohne Tempowechsel und ohne Selbstvertrauen. Gegen diese Mannschaft hat England verloren? Kaum zu glauben, muss aber wahr sein. Fernando Torres , eigentlich ja auch irgendwie ein Engländer, zumindest spielt er da, macht mit seinem Gegenspieler was er will. David Villa braucht den Ball nur noch einzuschieben. Aus Freude wechselt der Gärtner zur Motorsäge, die knattert zwar nicht permanent, doch deren Arbeitsgeräusch kann wesentlich gezielter eingesetzt werden. Dem Stier werden Bandarillos in den Nacken gestoßen.

Beim Zweinull legt Iniesta mustergültig für Villa auf. Kurz danach scheint der Arbeitstag des Gärtners beendet. Ich kann mich wieder aufs Spiel konzentrieren. Klar, auch die Russen haben Chancen und schießen mal gegen den Pfosten. Dass die spanische Abwehr nicht die sicherste ist, ist ja nichts Neues. Doch jetzt üben die Iberer Stierkampf im Mittelfeld und treiben den russischen Bären im Kreis herum. Gegenüber der spanischen Rasanz taumelt er und wird langsam wütend.

Unfassbar hilflose Abwehr

Ich habe allerdings nicht in Erinnerung, dass Russland schon mal ein Spiel nach einem Rückstand gedreht hätte. Und sein Spiel sieht auch nicht unbedingt gut aus. Und die sollen einen holländischen Trainer haben? Nach einer Stunde hat niemand mehr das Gefühl, dass sich hier noch was ändern könnte, die Russen reißen einfach nichts, sie haben höchstens ungefährliche Versuche von der Strafraumgrenze. Dann kommt auch endlich das Publikum und pfeift seine Mannschaft gnadenlos aus. Schließlich geht Torres vom Platz, an seiner Stelle vernascht jetzt Villa seinen Gegenspieler nach Strich und Faden - Dreinull, drei Mal Villa. Es ist nahezu unfassbar, wie hilflos die russische Abwehr gegen die spanischen Angreifer aussieht.

Achse Moskau-St. Petersburg bricht

Jetzt macht sich der ganze Unmut breit, es regnet auch noch da hinten in der Schweiz, es ist also ein Sauwetter, und ein russischer Angreifer rennt einfach mal den spanischen Torwart um. Anschließend machen sie ein Eckballtor und blasen für die letzten Minuten zur großen Aufholjagd. Das sieht endlich wieder aus wie Zenit St. Petersburg gegen die Bayern, allerdings spielen sie mit einer Abwehr, die aus Moskauer Spielern zusammengesetzt ist. Spanien setzt, wie im Stierkampf üblich, am Ende den Todesstoß, diesmal Fabregas und nicht Villa. Das werden sicher keine ganz angenehmen Tage für die russische Auswahl.

Nach diesem Spiel setze ich keinen Pfifferling mehr auf Spanien. Es ist doch immer dieselbe Scheiße, im ersten Spiel spielen sie groß auf, David Villa trifft mehrmals, dann kommt das frühe Aus. Das kennt man mittlerweile zur Genüge.

Rehagel auf dem Olymp

Ehre, wem Ehre gebührt, denke ich mir, und ziehe für das Spätspiel mein Griechenland-T-Shirt an: Vierundzwanzig lachende und jubelnde junge griechische Männer im Konfettiregen von Lissabon, dazu ein älterer, sehr versonnener, gleichsam bereits entrückter Deutscher. Ich lade einen echten Rehagel-Experten zum Spiel ein und setze mich wieder vor den Plasma-Bildschirm im Restaurant-Hinterzimmer. Der schwedische Besitzer schaut lieber zu Hause, so dass wir viel Platz für unsere Analysen haben. Rehagel will ja die Taktik verändert haben, erfahre ich, kann es aber anhand des Spiels kaum glauben. Vielleicht arbeiten die Übersetzer noch daran, das an die Spieler weiterzugeben. Wie ich Atom Otto Rehakles kenne, hat er die Spielbesprechung in Altgriechisch gehalten, statt in Bundesliga-Deutsch.

Olympier mit neuer Taktik

Griechenland wirkt auch tatsächlich etwas frischer als vor vier Jahren, jedoch hinten anfälliger. In der ersten Halbzeit geht die Taktik noch auf, Teofanis Gekas ist genau so häufig zu sehen wie in seinen Spielen für Leverkusen. Doch dann wechselt ihn Rehagel aus, für mich völlig unverständlich, denn Gekas ist doch gerade immer dann für ein Tor gut, wenn man sich fragt, warum die Mannschaft eigentlich freiwillig mit nur zehn Mann spielt. Und das rächt sich, Schwedens Blondschopf Zlatan Ibrahimovic nutzt die kleine Verwirrung, die in der griechischen Abwehr nach der Auswechslung von Gekas entstanden ist, und hämmert zum Einsnull ein.

Es ist tatsächlich Clooney

Es folgt noch ein weiteres Tor, bei dem sich offenbart, dass sich Startorwart Nikopolidis im Auftaktspiel von George Clooney doublen lässt. Nicht mal ein Eckballtor gelingt den Griechen, so dass ich das T-Shirt wieder ordentlich zurück in den Schrank lege. Vielleicht ergibt sich ja mal irgendwann wieder die Gelegenheit, es herauszunehmen.

Rehagel nur in den Alpen

Bevor ich aber den Rehagel-Experten traurig nach Hause verabschiede, erzähle ich ihm noch schnell den Witz, mit dem mich eine ältere Arbeitskollegin am Vormittag aufmuntern wollte:

Treffen sich drei alte Frauen in einem Café. Sie erzählen sich Klatschgeschichten aus der Nachbarschaft und Krankengeschichten aus der Familie. Schließlich greift sich eine stolz in die Haare und sagt in die Runde: Seht mal, schon 60 Jahre und noch kein einziges graues Haar! Na, ist das nichts? Ach was, winkt da die zweite Frau ab und bleckt die Zähne: 70 Jahre und noch alle Zähne, na, das ist eine Leistung, was? Um Anerkennung heischend blickt sie in die Runde. Da winkt die dritte, bereits etwas tattrige mit zitternder Hand ab. Ach was, erklärt sie mit schwacher Stimme. Das ist doch alles gar nichts. Schaut mich an, bereits 80 Jahre und noch immer keine Kinder! Toi, toi, toi!

Foto: ČTK

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