EM-Kolumne: Da war es schon vorbei


Tschechien-Portugal und Türkei–Schweiz eröffnen die zweite Runde mit wiederum reichlich Toren. Und dabei geht diesmal niemand leer aus! Voll Freude berichtet Gerd Lemke (gerlem@gmx.de) von den unterschiedlichsten Jubelarien.

Vor dem Spiel erfahre ich noch einige interessante Details von der samstäglichen Hochzeit. Die Braut und glückliche Jungvermählte erzählt mir ihre Version und lachend berichtet sie, dass sie sich nie hatte vorstellen können, vor einem Busparkplatz zu heiraten. Doch der Standesbeamte hat sich so hingestellt, dass er selbst den schönen Schlosspark im Blick behalten konnte. Sehr rücksichtsvoll, denke ich mir, und erzähle meine Eindrücke von der kurzen Ansprache. Ich bin ja bereits erfahren in tschechischen Hochzeitsritualen und weiß, dass die Standesbeamten der Würde des Augenblicks nochmals gehörig Nachdruck verleihen. Die Verantwortung der Familie, der Nation, ja des ganzen Staates ruht nun auf den Schultern der beiden, die eigentlich ein freudiges Ereignis begehen wollen. Wer danach noch an eine lustige Hochzeitsnacht denkt, hat einfach nicht zugehört. So, wie Zuzana wahrscheinlich dem Standesbeamten. Leider muss ich das interessante Gespräch abbrechen, denn ich höre bereits „Kde domov můj“ aus dem Lokal.

Kde domov můj

Wie eine Mauer stehen wir hinter unserer Mannschaft. Češi do toho!, skandieren wir noch Minuten nach dem Anpfiff. Allerdings nicht sehr lange. Náš gólman Petr Čech leží v malé vápně a brání branku s vším možným, ale marně. Mit Händen und Füßen, selbst mit den Augenwimpern und dem bösen Blick, doch es nützt nichts. Der Macumba-erfahrene Brasilianer Deco benutzt am Ende sogar die Achillesferse von Italiens Jankulovský. Nach acht Minuten steht es Einsnull. Už, už, stöhnen wir entsetzt, to šlo ale rychle. Nevzdavejte se, rufe ich bis über die Alpen und Libor Sionko, der Däne, erhöhrt mein Flehen. Po šikovným průniku na levé křídle nenašel spoluhrače, vybojoval ale alespoň rohový kop. Die Taktik von Karel Brückner geht dann voll auf: Die gesamte portugiesische Abwehr konzentriert sich auf Jan Koller und lässt Sionko, der den Spitznamen „der laufende Meter“ trägt, völlig außer acht. Der sagt Danke und köpft ein. Góóól!!!, schreit Koller begeistert von der Ersatzbank und winkt der portugiesischen Abwehr schadenfroh zu. Výrovnávali jsme! A teď čekáme dokonalý obrat!

Es ist Zeit, mal wieder an Alena Šeredová zu erinnern. Ženský italských fotbalistů třeba teď nesmejí k svým manželům. Té Šeredové je určitě smutno. – Mám ji zavolat?, bietet sich gleich ein guter Freund an. Alenko, pojď k nám do Prahy, tady se žije. Ich stimme begeistert ein. Und tatsächlich, kurz nach der Pause betritt Ema den Rasen, nein, das Lokal. Sie lächelt unsicher und setzt sich zu ihren beiden Landsmännern an die Theke. Ich rufe begeistert, lasse mir aber sonst nichts anmerken. Schließlich ist mein Freund Rudi, der Holländer gekommen, da muss ich mich etwas benehmen.

Ema bringt kein Glück

Ema bringt ihren Teams einfach kein Glück. Erst reitet sie Italien in die Scheiße, jetzt sind die benachbarten Tschechen dran. Irgendwann ist es schließlich soweit, a Cristiano Ronaldo střílí gól. Nedalo se to překážet, ten je snad k neudržení. Češi se snaží, ale když nedáš, dostaneš a to v devadesáté minutě. Hovno, denken wir alle, aber ještě není konec, allerdings in diesem Spiel schon. Von Ema kann ich diesmal leider nur ein flüchtiges Lächeln erhaschen, sie muss dann auch schon bald mit ihren beiden Begleitern gehen. Na, vielleicht beim nächsten Mal, denke ich, und bereite mich seelisch bereits auf das nächste Spiel vor.

Im Lokal kreisen bereits die Rechenschieber. Vielleicht reicht ja im letzten Spiel ein Unentschieden zum Weiterkommen… Ich beteilige mich nicht an solchen Spekulationen und gebe klar zu erkennen, dass ich mir einen Sieg der Türkei wünsche. Bei geschätzten sieben Millionen türkischstämmigen Mitbürgern in meinem Heimatland gehört sich das einfach so. Die Aufmerksamkeit im Lokal richtet sich nun nicht mehr ganz ungeteilt auf den Fußball. So manche Afro-Amerikanerin an der Theke wird sich wohl gedacht haben, warum diese komischen Europäer an einem winzigen Bildschirm einen so uninteressanten Sport verfolgen. Sie gehen dann auch bald und wir verfolgen die Regenschlacht wieder unter uns, Europäern oder Sportinteressierten.

Sintflutartige Regenfälle

Beim Einsnull hat die Schweiz riesiges Glück, dass der großartige Querpass vor das leere Tor nicht vollends in einer Wasserlache stecken bleibt. Der schweizer Türke Yakin schlägt als erster an, es ist ein neuer Landesrekord! Noch nie hat jemand die fünfzehn Meter Freistil in seichtem Gewässer in dieser Zeit geschafft! Manch ungewöhnliche Szene entwickelt sich wegen der schwierigen Witterungsverhältnisse. Diese EM wird einmal als die regenreichste in die Geschichte eingehen. Ein Jammer, dass England da nicht mitspielen darf. Lucie redet von unfairen Bedingungen. Ich weiß jetzt aber nicht, ob sie das aus Sicht der Schweizer, Türken oder Tschechen meint. Nachvollziehbar ist diese Aussage aber auf jeden Fall.

Die Türken haben zumindest etwas aus der ersten Halbzeit gelernt und versuchen es in der zweiten mit hohen Bällen. Und gleich darauf trifft Hakan Şükür mit einem herrlichen Kopfball, Ausgleich. Die tschechischen Hobbymathematiker finden dieses Ergebnis eigentlich schwer in Ordnung. Ich überlege, was nützt beiden Teams ein Unentschieden? Die Türkei wird Tschechien schlagen müssen, während sich die Schweiz keine allzu großen Hoffnungen mehr machen kann, schließlich müssten sie klar gegen Portugal gewinnen. Also werden die Schweizer nochmals alles versuchen.

Ich wette mal wieder

Rudi glaubt fest an sie und geht eine Wette ein: Ich setze ein Bier auf die Türkei, er eines auf die Schweiz. Kaum ist er weg, fällt auch schon das Zweizueins für die Schweiz. Ich denke, scheiße, da annuliert der Schiedsrichter das reguläre Tor. Eigentlich war der Ball auch gar nicht im Tor, sehe ich in der Zeitlupenwiederholung, sondern der Torwart und sieben Verteidiger haben großartig gehalten. Ich blicke nicht mehr durch, wegen des Regens ist ja auch die Kamera ständig beschlagen und ich kann kaum noch etwas sehen. Auf jeden Fall scheint es beim Stande von Einszueins weiterzugehen.

Nun kommen meine fünf Minuten, denn ich trinke ein letztes, kleines Bier, verabschiede mich noch herzlich von einem befreundeten Künstler, der seinen Bildungsaufenthalt in der Moldaumetropole bald beenden wird, und erhalte eine kleine Kollektion winziger graphischer Werke von ihm selbt geschenkt. Wir tauschen sogar e-mail-Adressen aus – wow!

Ein Bier gewonnen

Schließlich geht Halil Altintop auf der linken Seite im Stile von David Villa und Fernando Torres durch, lässt zwei Verteidiger wie Riesenslalomstangen stehen und trifft mit Unterstützung eines Verteidigerbeines über Torwart Benaglio hinweg. Wie in der Bundesliga, denke ich, nur dass dort die Verteidiger keine Beine mehr in Halil Altintops Schussbahn strecken. Denn der trifft ja doch fast nie. Deshalb hat ihn Trainer Terim ja auch erst gar nicht mitgenommen in die Schweiz. Vielleicht ein Fehler, denke ich, zumindest aber gewinnt die Türkei, ich ein Bier (beim nächsten Mal, Rudi!) und die Schweiz an Erfahrung: Nach zwei Spielen ist man schon wieder draußen. Besser konnte es gar nicht laufen für Österreich. Der Nachbar muss also mindestens einen Tag früher das Turnier verlassen und das Endspiel findet in Wien statt. Wir verabschieden uns schon mal von dem Land, Grüezi!

Zum Trost noch der Witz, den mir Rudi erzählt hat: Ein deutscher Junge geht mit seiner Schwester in einen Laden. Dort sieht er einen Wimpel der holländischen Nationalmannschaft und ist sofort begeistert. Nervös zupft er seiner Schwester am Arm, zeigt auf den Wimpel und ruft: Da, den will ich zu meinem Geburtstag haben. Ich bin jetzt nämlich Holland-Fan. Die Schwester schaut ihn entgeistert an und gibt ihm eine Ohrfeige. Komm sofort mit, wir gehen zu Mama. Dann wirst du mal sehen, was die dazu sagt! Sie gehen zur Mutter und der Junge wiederholt: Mama, ich habe im Laden einen Wimpel gesehen, den will ich zum Geburtstag haben. Er ist orange und da steht Holland drauf. Ich bin jetzt nämlich Holland-Fan. Die Mutter schaut ihn erst entsetzt an, dann haut sie ihm links und rechts eine und sagt: Das erzähl mal deinem Vater, dann wirst du schon sehen, was der mit dir macht. Der Junge gibt nicht auf und geht also zum Vater, der bereits von der Schwester informiert ist. Noch bevor der Junge richtig reden kann, sagt der Vater wütend zu ihm: So, du willst also einen Holland-Wimpel zum Geburtstag? Dann haut er ihm so eine runter, dass er in die Ecke fliegt. Der Junge läuft heulend aus dem Zimmer. Am nächsten Tag, es ist Sonntag, macht die ganze Familie einen Ausflug. Der Vater sagt zur Mutter, wollen mal sehen, ob der Junge was gelernt hat, und dreht sich vom Fahrersitz nach hinten. Na, Junge, bist du jetzt immer noch Holland-Fan? Der Junge antwortet trotzig. Holland-Fan werde ich erst in zehn Minuten, aber ich weiß jetzt schon, dass ich die Deutschen hasse.

Wir freuen uns auf Elfmeterschießen

Nach dem Lachen überlege ich aber noch, was eigentlich bei dem Schicksalsspiel Tschechien gegen Türkei bei einem Unentschieden passieren wird? Gibt es ein Wiederholungsspiel, entscheidet das Los oder die Fairnesstabelle? Geht darin Grygeras Tritt gegen Frei mit ein? Wie man sieht, ist der moderne Fußball so ausgeglichen, dass bereits sehr “kleine Dinge entscheide große Spiele”. Allerhand!

Foto: ČTK

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