EM-Kolumne: Götterdämmerung: Ottos Ende

Wie? Ist der Mensch nur ein Fehlgriff Gottes? Oder Gott nur ein Fehlgriff des Menschen?
Kleine, unscheinbare Ereignisse kündigen häufig große Veränderungen an. Unter diesem Gesichtspunkt beobachtet Gerd Lemke (gerlem@gmx.de) das Ende einer deutschen Trainerära, der von Otto Rehhagel, dem einzig legitimen Nachfolger Sepp Herbergers.
Vorspiel im Olivenhain
Spanien ist einfach gut. Was die Offensivabteilung anstellt, ist schwer zu unterbinden. Schnelle Auswechslung in der Abwehr, was hat sich Luis Aragones dabei wohl geddacht? Dabei kommen jetzt erst die Härten ins Spiel. Ja, der goldene Ibrahomovič, schlägt wieder zu wie aus dem Nichts. Recht gut, der Junge, vor dem Tor so effektiv wie van Nistelrooy. Das sind die für Spanien so typischen Abwehrschwächen. Auch die großen Vereine leben bei ihren Europapokal-Erfolgen eher vom Angriff. Nicht so jedoch die italienischen, für so einen läuft ja auch Ibrahimovič auf. Bemerkenswert, dass er als Angreifer da so eine große Rolle spielt.
Zweite Halbzeit, der Stadionsprecher beendet glücklich seinen Ausflug in den gegnerischen Strafraum des Hochdeutschen. Und wieder eine frühe Auswechslung, diesmal sogar doppelt, der Motor wird wie bei Alonso ausgetauscht, die beiden zentralen Mittelfeldspieler Xavi und Iniesta gehen runter. Jetzt kommt endlich Cesc Fabregas.
Ja gibt´s denn das, drei vier Spanier haben hintereinander das Tor auf dem Fuß, doch außer einem Kinnhaken mit dem Knie gegen den schwedischen Torhüter kommt nichts dabei heraus. Auch der anschließende Eckball verpufft wie ein Fürzchen im Bierzelt.
Ein Spiel dauert mehr als 90 Minuten
Die schwedische Abwehr hat sich mittlerweile ganz gut auf die gefährlichen Dribblings der Spanier eingestellt. Dennoch lassen sich gefährliche Aktionen nie ganz verhindern. Das Spiel erinnert an das Gruppenspiel Brasilien-Schweden bei der WM 78. Otto Rehhagel hatte gerade seinen Job bei Borussia Dortmund nach einer 0:12-Niederlage in Mönchengladbach verloren, Schweden konnte ein 1:1 halten, obwohl Brasilien mit dem letzten Eckball ins Tor traf. Nur leider pfiff der Schiedsrichter das Spiel ab, während der Ball in den schwedischen Strafraum segelte, und gab das Tor nicht. Damals dauerte ein Spiel tatsächlich noch genau 90 Minuten, wie es Sepp Herberger in seinen Fußballweisheiten festgelegt hat. Otto Rehhagel hat diesen Katechismus schon früh auswendig herunterbeten können. Dieses Szenario wiederholt sich zum Leidwesen der Schweden nicht, David Villa schießt in der 92. Minute ein Tor, es wird sogar anerkannt. Viel hat sich verändert seit Herbergers Zeiten.
Hauptgeschehen: Erster Akt
Nach dem Vorspiel in den Olivenhainen folgt abends die große Inszenierung der Götterdämmerung oder Wie das orthodoxe Christentum die Götter aus dem Olymp vertreibt.
Otto Rehhagel lässt ohne Theofanis Gekas, dafür wieder mit dem alten Erfolgsmodell auflaufen, also mit Liberopulos im Deckungszentrum.
Und da fehlt bereits Theofanis Gekas in der Spitze, eine gute Flanke, aber niemand da, der den Fuß rein hält. Die Russen schießen aber auch scharf, doch noch steht die Null. Ach ja Theofanis Gekas, er hätte sich sicherlich geschickter fallen lassen als sein Ersatzmann. Ein Jammer, dass der Rehhagel dieses Talent nicht fördert. Wie damals den Ballack bei Kaiserslautern…
Abgestiegene Stürmer
Charisteas springt frei vor dem Tor am Ball vorbei. Hätte da mal Theofanis Gekas gestanden. Ich persönlich finde den Charisteas ja ein wenig überschätzt, er hat bei der letzten EM geglänzt, sich aber in keinem Verein als Torjäger durchgesetzt. Nicht mal in Nürnberg, die ja dann auch abgestiegen sind. Von der Abstiegsfeier ist die Hälfte der Mannschaft gleich ins EM-Vorbereitungsquartier gefahren, Koller, Galásek und Blažek zu den Tschechen, Charisteas zu den Griechen und, ach ja, Saenko zu den Russen. Nimmt man dazu noch die Slowaken Vittek und Mintal, war das gar keine schlechte Mannschaft, die den Klassenerhalt nicht geschafft hat.
Der alte Glanz der Eintracht
Neben Charisteas spielt Amanatidis aus Frankfurt von der einst grandiosen Eintracht. Damals, unter Dragoslav Stepanovič, der dann später in Leverkusen scheiterte. Wie auch übrigens Theofanis Gekas in der abgelaufenen Saison. Deshalb felht er jetzt auch so sehr im griechischen Angriff.
Kyrgiakos fällt einen russischen Stürmer, aber der Schiedsrichter findet das so ganz in Ordnung. Dabei kennen wir Kyrgiakos von seiner Tätigkeit bei Eintracht Frankfurt als einen Spieler, der keinen Zweikampf auslässt, notfalls im griechisch-römischen Stil.
Mein Gott, was macht denn der Nikopolidis da? Das ist ja noch schlimmer als Lehmann! Der Ball ist natürlich drin. Hat der Rehhagel wieder mal einen Oliver-Reck-Typen aufgetrieben, der alte Fuchs! Einen Blick für Spieler muss man ihm ja wirklich zugestehen. Ich bin sogar mit einem Oliver Reck Meister geworden, pflegt er bei jeder neuen Betätigung besonders seinen Torhütern gleich zu Anfang einzuimpfen. Bei Nikopolidis ist dieser Leitsatz aus dem Rehhagelschen Katechismus in Fleisch und Blut übergegangen.
Frühe Auswechslung (sic!)
Rehhagel wechselt wieder früh aus, diesen taktischen Kniff hat er häufig während seiner Trainerzeit in der Bundesliga benutzt. Doch leider bringt er immer noch nicht Theofanis Gekas. Rehagels Truppe ist diesmal einfach nicht so schlagkräftig wie vor vier Jahren. Kyrgiakos im Abseits nach einem Freistoß – wie bei der Eintracht, wo er aber aus solchen Situationen hie und da auch einen reinmacht. Pause.
Mal gerade schauen, was Domenech im Interview nach der gestrigen Pleite Frankreichs sagt. An die Ehre appelliert er bei seinen Spielern. Mehr nicht? Ach ja, der Gegner Italien könnte eine gewisse Motivation bringen. Hört sich nicht gut an pour les bleus.
Warum Nürnberg abgestiegen ist
Weiter geht´s und Charisteas steht hilflos mit dem Ball vorm Tor und weiß nicht, wohin damit. Ist das der Mann, wegen dem Theofanis Gekas auf der Bank sitzt? Otto, bitte!
Amanatidis gleitet in derselben Position der Ball durch die Beine. Das ist die gute Bundesliga-Schule. Es ist nicht mehr zum Anschauen. Steht denn eigentlich der Liberopulos noch auf dem Platz oder hat Otto eine neue Taktikorder ausgegeben?
Karagunis fasst sich mal ein Herz und weckt seine Stürmerkollegen auf. Jetzt läuft mal was auf beiden Seiten. Hier fällt sich noch ein Tor, für Russland öffnen sich die Räume im Angriff wie die Taiga für die Panzerdivisionen.
Eine späte Gotteserscheinung
Ahhhh, Theofanis Gekas kommt endlich, ein Raunen geht durch das weite Stadionrund. Rehhagel löst tatsächlich den Liberopulos auf, jetzt geht er auf´s Ganze. Wieder setzt sich Nikopolidis gekonnt in Szene, aber ein Verteidiger bügelt seinen Schnitzer aus. Karagunis – daneben. Da lauert auch schon Theofanis Gekas, Ecke, Charisteas, Torwart hält locker. Dann ein Seitenwechsel ins Seitenaus, Mann, Amanatidis, spielt man etwa so bei der berühmten Eintracht? Wo einst der legendäre Uwe Bein Regie geführt hat? Karagunis vorbei. Otto klatscht begeistert.
Die Götter sind müde
Ich glaube, er ist müde, er will heim, runter vom Olymp. Die Russen knapp drüber, Otto zerschmettert mit wütenden Blitzen eine Kiste Mineralwasser auf der Erde. Jetzt muss Theofanis Gekas sogar schon hinten aushelfen, das ist nicht gerade seine Stärke. Freistoß! Ganz Russland fordert ein Tor. Nikopolidis steht die Angst vor den berüchtigten russischen Scharfschützen im Gesicht geschrieben. Aber die Deckung hält. Otto bringt jetzt einen jungen Engländer, setzt also wieder auf Eckbälle, aber leider wieder nichts.
Theofanis Gekas holt sich nochmals Anweisungen beim Chef. Oh, leider auf Abseits entschieden und das natürlich völlig zu Unrecht, wie ich gleich sehe. Das wäre der Ausgleich gewesen, schade. Die Zeit wird nämlich doch knapp. Und wieder winkt er ein völlig unmögliches Abseits.
Nachspielzeit. Es hilft nichts, die Russen lassen sogar die dicke Möglichkeit zur Entscheidung aus. Endlich Theofanis Gekas, knapp drüber. Er kam einfach zu spät.
Die ersten beiden Spiele haben alle nun hinter sich. Nur die Schweiz und Griechenland bleiben ohne jeglichen Punkt und sind bereits ausgeschieden. Otto wird seinen Abschied gegen Spanien geben – wahrlich ein würdiger Gegner für den fallenden Gott.
Foto: ČTK
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