EM-Kolumne: Cordoba II: Deutschland scheidet sensationell gegen Österreich aus!

Diese Falschmeldung wollte Gerd Lemke (gerlem@gmx.de) nach einem alles in allem faden Fußballabend mit zwei mickrigen Törchen verbreiten. Richtig ist, dass Österreichs Wunderstürmer von den Werder-Amateuren und dem norwegischen Spitzenklub Ham-Ham an unerklärlicher Abschlussschwäche leiden. Wie wäre es mit einem Besuch beim Optiker?, empfiehlt der Herausgeber.
Keinen leichten Stand hatte am Morgen nach der Niederlage Karel Brückner bei seinen Landsleuten. Altersstarrsinn haben die einzelnen Arbeitskreise diagnostiziert, die das traumatische Geschehen stellvertretend für die ganze Nation aufgearbeitet haben. Manch andere Arbeit blieb darüber selbstverständlich liegen, aber wer sollte das an solch einem Tag, einem Montag überdies, zum Vorwurf machen?
Blauer Montag
Er halte zu lange an denselben Spielern fest. Der Fenin hätte spielen müssen. Und warum saß Baroš nur auf der Bank? Stattdessen stellt er dauernd diesen Koller auf. Nun, denke ich mir, behalte das aber für mich, vielleicht liegt das daran, dass Baroš in den vergangenen beiden Jahren genau ein Tor für Tschechien und acht für seine immerhin drei Vereine geschossen hat. Jan Koller hingegen traf auf Bestellung und hat auch in seinem wohl letzten Länderspiel sein Tor gemacht.
Ich bin von der These der geronto-Verschwörung nicht sehr überzeugt. Eher umgekehrt, denke ich, die Jungen haben nicht den šmrnc, der Koller, Šmicer, Nedvěd, Poborský a spol. ausgezeichnet hat. Rosický – seit Monaten verletzt, Baroš – seit Jahren außer Form und nun ist sogar Petr Čech von der Verantwortungslosigkeit der Jungen angesteckt worden. Macht er nicht den Fehler, wäre Brückner weiterhin der große Mann, der alles richtig gemacht hat.
Ich behalte das aber für mich und freue mich auf den co-Kommentator des tschechischen Privatsenders, der die EM-Rechte eingekauft hat. Bereits im zweiten Satz seiner Antwort auf die Frage, wie er Kroatien einschätze, sieht er Tschechien im Halbfinale. Der Mann ist konsequent, auch keiner mehr der ganz jungen Schule. Sicherlich ein potenzieller Nachfolger für Brückner.
Lehmann gelassen beim Abschied
Dann bereiten sich die Teams auf Lehmanns letztes Länderspiel vor. Die deutsche Nationalhymne ist musikalisch fad. Diejenige aus dem Mozartland ist musikalisch zu anspruchsvoll, die Spieler singen ausgesprochen falsch mit. Beide Hymnen sind eher langsam, getragen – hoffentlich wird das auf dem Rasen anders zugehen. Ich tippe 2:1 für Österreich, das aber dennoch nicht weiterkommen wird. Damit der Fußballgott wieder mal richtig gehässig zu Österreich sein kann.
Prödl spielt also kommende Saison in Bremen. Dort konnte sogar Andy Herzog zu einem Star werden, warum also nicht auch Prödl? Österreich fordert vehement Elfmeter, doch das Problem ist, dass der Stürmer hier den Verteidiger gefällt hat. Auf dem Boden kugeln sich beide und der Ball ist weit weg. Österreich spielt engagiert, kämpft, geht zur Sache. Thorsten Frings muss sich nach einem Zweikampf sogar das Stirnband neu richten.
Österreicher vereint mit Ungarn
Die Österreicher dürfen sogar einen Ungarn einsetzen (neue UEFA-Regel). Aufpassen, der sinnt immer noch auf Revanche für 1954 (das war die Finalniederlage bei der WM, nicht der Aufstand, der dann vom Warschauer Pakt niedergeschlagen wurde, der begann zwei Jahre später)! Das wird ganz schwer. Auf der rechten Seite der Deutschen macht sich der Ausfall von Bernd Schneider eklatant bemerkbar. Was sich im Kroatien-Spiel bereits angedeutet hat, wird jetzt erst gegen einen starken Gegner richtig sichtbar: keine Ideen, kein Spielwitz, die Stürmer hängen in der Luft, kaum Torchancen.
Dafür gehen beide Bundestrainer mit Fäusten aufeinander los. Ein Spielabbruch liegt in der Luft, beide Mannschaften werden disqualifiziert und Polen steht im Viertelfinale. Der Schiedsrichter schickt Jogi Löw gleich zu Bundeskanzlerin Angela Merkel auf die Ehrentribüne. Jetzt ist er in Erklärungsnotstand. Nachdem der Vertrag von Lissabon in Irland gescheitert ist, sollte das österreichisch-deutsche Verhältnis keinerlei Belastungen ausgesetzt werden. Wien – übrigens der Austragungsort dieses Spiels – war in der Geschichte bereits häufiger Ausgangspunkt äußerst komplizierter diplomatischer Verwicklungen. Kanzlerin Merkel kann ausgerechnet jetzt keine schlechte Presse gebrauchen, nachdem sie schon George W. Bush jr. zu einem Abtrittsbesuch empfangen musste. Die Roten lauern überall.
Die Trainerfrage
Sogar auf dem Fußballplatz, wo sie jetzt von Trainer Hickersberger über Handy von seinem Lieblingskaffeehaus aus dirigiert werden. Nützt alles aber nichts, Michael Ballack jagt einen Monsterfreistoß in den Winkel. Vor solch einem Tor hat man direkt Ehrfurcht. Als Hickersberger seinen verlängerten Braunen mit Schlagobers erhält, zieht er seinen letzten Trumpf aus dem Ärmel: Roman Kienast, den Norwegen-Legionär (nicht zu verwechseln mit Michael Künast, dem UEFA-Pokal Sieger von 1980).
Doch auch er kann diese haarsträubende Abschlussschwäche der Österreicher nicht beheben. Sie nutzen ihre Chancen nicht und damit auch nicht die generös von den deutschen Gästen gewährte Chance, ein Cordoba II zu erzielen. Der österreichische Stürmer ist halt bemüht, wuselig und zielstrebig, um dann aber um so sicherer am Tor vorbei zu schießen. Es ist vorbei.
Die Krzynówek-Gala
Traurig, aber eisern schaue ich Kroatien gegen Polen. Was mag in den Köpfen der Spieler vorgehen, die sich bereits auf ihre Viertelfinalgegner einstellen, zuvor aber noch ein lästiges Gruppenspiel hinter sich bringen müssen? Und das dann ausgerechnet in Klagenfurt, wo sich die ganze Stadt freut, wenn diese lästigen Fußballspiele aufhören und der Ingeborg-Bachmann-Preis endlich beginnt. Das einzig lizensierte Wettlesen deutscher Literatur seit der Auflösung der Gruppe 47.
Dichter sind keine da, dafür gibt es Jacek Krzynówek zu sehen, den alten Bundesliga-Gladiator. Und Ivan Klasnič, der alte Bremer, der aber wohl den Verein verlassen wird. Petrič von Dortmund ist dabei, Rakitič von Schalke, Tošič von Bremen beim ganzen Turnier nicht, sie alle haben bereits das Spiel gegen die Türkei vor Augen.
Das Eine-Nieren-Tor
Krzynówek spielt wieder die Brechstange, häufig im Bild, wenig effektiv. Fernschusschancenvergeber. Geht sicher ausgepumpt und erfolglos vom Platz. Beim Einschlafen bekomme ich Klasnič Tor des Tages nur halb mit. Habe aber am anderen Morgen nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben.
Sie sind doch ziemlich lästig, diese Zeitgleichspiele, in denen es um nichts mehr geht. Die neue UEFA-Regel hat die Anzahl solcher Spiele gleich potenziert, in jeder Gruppe steht der Sieger bereits nach zwei Spielen fest. Irgendwie ist es doch keine so gute Idee gewesen, bei Punktgleichheit den direkten Vergleich statt dem Torverhältnis heranzuziehen. Und den UEFA-Koeffizienten entscheiden zu lassen, wenn man sich nicht mehr sonst zu helfen weiß, ist erst recht eine schwachsinnige Idee. Monsieur Platini, bitte noch mal überdenken! Aber schnell, der Präzedenzfall könnte morgen eintreten und Italien ins Viertelfinale verhelfen.
Foto: ČTK
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[…] sich der jetzt wieder mit –ph?) Hickersberger. Er ist die ewige Grantelei leid und schlägt Andy Herzog als Nachfolger vor – endlich mal jemanden, der nicht in Cordoba 1978 dabei war. Diese Botschaft […]