EM-Kolumne: Ceauşescu steckt in den Füßen

Holland verpasst eine historische Chance und vergibt leichtfertig einen durchaus möglichen Turniersieg. Mit Frankreich und Rumänien verlassen zwei große Fußballnationen die EM. Für Gerd Lemke (gerlem@gmx.de) verlängert sich damit die Pizza-Abstinenz um mindestens zwei weitere Jahre.
Trainer van Basten lässt natürlich wie Felipe Scolari und Slaven Bilič die Ersatzmannschaft auflaufen. Leider aber vergisst er, den jongens zu sagen, dass sie das Spiel unbedingt verlieren müssen. Und dass sie sowieso keine Chance haben, sich in die erste Mannschaft zu spielen, denn die Aufstellung für das Viertelfinale hat van Basten natürlich längst schon im Kopf.
Hier sieht man, dass der frühere exzellente Stürmer doch noch recht neu im Trainergeschäft ist. Diese taktischen Fehler kann man sich bei einem solchen Turnier einfach nicht erlauben. Man muss jede Möglichkeit nutzen, Italien auszuschalten. Denn Italien steht immer wieder von den Toten auf, es ist wie in einem Hollywood-Film, wenn sich der gerade ertränkte Bösewicht nach Minuten wieder aus der Badewanne erhebt und nochmals umgebracht werden muss. Das ist aber bloß Hollywood-Kino, also Märchen, in Wirklichkeit wird Holland sein Halbfinale gegen Italien natürlich verlieren.
Holland siegt sich zu Grunde
Denn eines ist natürlich jetzt schon klar, nämlich dass Italien im Viertelfinale gegen Spanien gewinnt. Das haben sie noch immer getan, wenn es wichtig wurde. Und durch die neue, blöde Regelung (bei Punktgleichheit zählt der direkte Vergleich) erhält Spanien nicht einmal mehr die Möglichkeit, nur Gruppenzweiter zu werden, um dem Spiel gegen den verhassten Sprachnachbarn auszuweichen. Holland gewinnt natürlich sein Viertelfinale, gegen wen auch immer, aber dann ist gegen Italien Schluss. Van Basten hat doch selbst lange dort gespielt, er müsste doch wissen, dass man Italien nicht die kleinste Chance geben darf. So ein Jammer, so ein Jammer…
Van Bastens taktische Fehler
Dabei dachte ich, als Arjen Robben in der ersten Halbzeit seine Riesentorchance daneben setzte, der Trainer habe die elftal II richtig eingestellt, schön spielen, sich Chancen erarbeiten, sie knapp vergeben, hinten notfalls ein Eigentor machen. Arjen Robben kennt das ja, er spielt schließlich seit Jahren bei europäischen Spitzenklubs. Doch die anderen Ersatzspieler spielen zumeist noch in der holländischen Ehrendivision, wo seit dem Abgang von Hans Meyer niemand mehr das Wort Taktik in den Mund genommen hat. Mensch, Leute, das ist doch ein Turnier, da muss man doch auch darauf schauen, was die anderen machen!
Zum Beispiel eben Italien, das durch einen Elfmeter in Führung geht. Warum aber der französische Verteidiger dafür die rote Karte sieht, bleibt mir verborgen. Dann muss auch Ribéry vom Platz getragen werden, kurz und gut, für Frankreich entwickelt sich dieser Abend zu einem Albtraum. In der zweiten Halbzeit fälscht ein Verteidiger einen an sich harmlosen Freistoß unhaltbar ab, das ist das Ende. Ein Punkt, 1:6 Tore, noch schlechter als Deutschland beim legendären Erich-Ribbeck-Revival vor acht Jahren. Einziger deutscher Torschütze war damals übrigens Mehmet Scholl. Der hat jetzt die Sportart gewechselt und geht kegeln, nicht etwa Golf spielen.
Gemütlicher Kegelabend
Kegeln geht sicherlich heute abend auch die rumänische Auswahl als gemütlichen Ausklang eines Betriebsausflugs in die Schweizer Alpen. Mutu wird ein paar Zoten über Pornoschauspielerinnen in London erzählen, es wird viel gelacht und mancher ţuică getrunken werden. Die Spieler freuen sich bereits auf ihre Frauen in Bucureşti. Irgendwie war die Luft raus vor dem letzten Spiel. Einfach unwürdig, gegen Hollands zweite Mannschaft antreten zu müssen. Eine historische Chance sieht anders aus. Nein, das ist unter der Würde eines echten Rumänen, so etwas lässt man sich nicht mehr bieten. Nicht mal Nokia wird in Cluj-Napoca nur noch Hungerlöhne zahlen können. Man ist ja nicht der EU beigetreten, um weiterhin Dritte-Welt-Land zu bleiben. Dann demonstrieren die Spieler lieber gleich auf dem Platz, dass sie dabei nicht mehr mitmachen – und fahren nach Hause. Beziehungsweise Mutu nach Italien, wo ihn alle umarmen werden.
Rumänien erwache!
Ehrlich, nach der Leistung gegen Hollands Zweite haben sie auch nichts anderes verdient. Die Mannschaft macht wieder dieselben Fehler wie zu Zeiten von Gheorghe Hagi. Alle Verantwortung an den Star übertragen, bloß niemals versuchen, selbst ein Tor zu schießen, lieber noch mal zögern und warten, bis Mutu in Schussposition gelaufen ist und ihm auflegen. Mensch, dafür habt ihr doch nicht Ceauşescu umgebracht, damit eure Fußballspieler immer weiter dem Führerprinzip folgen! Hallo! Trezeşti te, Romania!
Foto: ČTK
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ES gibt eben nur ein Italien…
Kopf hoch Junge!
Und bis die Tage.