EM-Kolumne: Deutschland haut Portugal raus

Etwas unerwartet steigert sich der dreimalige Welt- und Europameister und gleichzeitig die heimliche Lieblingsmannschaft aller Engländer. Verdient schickt er die Schönlinge zurück auf die Iberische Halbinsel. Erstaunt und erfreut zugleich fasst Gerd Lemke (gerlem@gmx.de) das Geschehen zusammen.
Im Drama nennt man das die Peripetie, das Umschlagen der Handlung in die eine oder andere Richtung. Für Portugal sah die Dramaturgie ein dickes Ende vor, Ausscheiden im Viertelfinale des selbsternannten Turnierfavoriten. Sie kamen sich sicher vor wie in der Fabel vom Hasen und vom Igel: Wohin sie auch liefen, irgendwie liefen sie doch stets hinterher.
Verschwörung des Bösen
Doch kein Trainer der Welt konnte voraussehen, dass sich ausgerechnet in einem Spiel alle Mächte des Bösen gegen sein Team verschworen hatten. Der böse Geist, der sich zwei Jahre lang des deutschen Spielers Schweinsteiger bemächtigt hatte, ließ plötzlich von diesem ab. Die verkörperte Abschlusshemmung Miroslav Klose traf mal wieder selbst ins Tor und der Schiedsrichter wollte den Schubser, der Michael Ballack den entscheidenden Vorteil bei seinem Tor verschaffte, nicht zur Kenntnis nehmen. Generös ließ Felipe Scolari, zukünftiger Vereinstrainer des deutschen Mittelfelddominators, kein schlechtes Wort über das Tor fallen.
Kleine Aktionen machen große Spieler
Denn Scolari weiß, solche Schwindeleien machen eben einen großen Spieler aus. Selbst Uli Hoeneß‘ Taktik, den Stürmer Gomez durch ein Traumangebot während des Turniers zu verunsichern, hat diesmal nicht funktioniert. Auf diese Weise konnte er vor einem Jahr Klose an die Säbener Straße locken, ihn zum Lakaien von Luca Toni machen und gleichzeitig verhindern, dass Bremen Meister und UEFA-Pokalsieger wurde. Gomez wackelten in der Vorrunde wegen des Werbens von Hoeneß und Rummenigge gehörig die Knie, dem Rest des Turniers wird Señor Chancentod wohl bestenfalls auf der Ersatzbank beiwohnen.
Bayern-Verschwörung gescheitert
Der Plan der finsteren Bayern, ein frühes Aus der Nationalmannschaft zu provozieren, um zu beweisen, dass einzig die Bayern Fußball-Deutschland retten können, ist erstmal fehlgeschlagen. Podolski und Schweinsteiger spielten so auf, als wären sie vom Druck der 145 Kilo Lebendgewicht Uli Hoeneß’ endlich befreit und könnten die Bayern sofort ablösefrei verlassen.
Und letztendlich, das weiß auch Scolari, hat im Spiel gegen Deutschland auch das nötige Quäntchen Glück gefehlt. Deutschlands Torhüter Lehmann hatte einen besseren Tag erwischt, Portugals Superstar Cristiano Ronaldo hingegen einen schlechteren. Der Mann, dem man auf dem Rasen schier alles zuzutrauen scheint, ließ seine Kreise ausgerechnet von einem Verteidiger von Hertha BSC Berlin entscheidend einengen. Hat dieser Verein doch seit Erich Beer keinen einzigen Spieler von Format mehr hervorgebracht. Nicht mal der tragische Sebastian Deisler war ja ein Berliner Eigengewächs.
Friedrich, Kurfürst von Preußen
Jetzt also der Arne, der den Namen etlicher preußischer Kurfürsten trägt. Damit hört auch endlich die Marcell-Jansenisierung der deutschen rechten Abwehrseite auf. Die Hauptaufgabe eines Verteidigers ist es, erst mal das eigene Tor zu verteidigen. Diesen Grundsatz des Rehhagel-Katechismus muss der Mönchengladbacher Junge erst noch verinnerlichen, bis er wieder links hinten spielen darf. Dann hört auch das ewige Wechseln von Philip Lahm auf, der bald selbst nicht mehr weiß, wo rechts und wo links ist. Um es nochmals deutlich zu sagen. Für Lahm ist rechts, wenn Jansen links spielt und links, wenn Jansen auf der Ersatzbank sitzt. Gehen wir mal davon aus, dass Lahm im nächsten Spiel hinten links spielt.
Was hat eigentlich Simon Rolfes in diesem Spiel getrieben? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht, aber schlecht wird’s wohl nicht gewesen sein. Wegen der Omnipräsenz von Ballack und der Spiellaune von Schweinsteiger ging mir der Blick für Rolfes und auch für Hitzlsperger verloren. Sie werden schon ihren Teil zur insgesamt positiven Gesamtleistung beigetragen haben.
Gut, verbannen wir Jogi Löw also auch im Halbfinale in seinen Glaskäfig und bereiten den schleichenden Trainerwechsel in der Nationalmannschaft von Löw zu Hans Flick vor. Wie nach der WM, bitte, rechte Hand, übernehmen Sie!
Foto: ČTK
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