EM-Kolumne: Die Türkei zieht ins Halbfinale ein


Gut war das Spiel über weite Strecken nicht, aber „intensiv“. Was nichts anderes heißt, als dass sich nach zwei Stunden gepflegter Langeweile die Ereignisse überschlugen. Den Überblick hat für Sie Gerd Lemke (gerlem@gmx.de) bewahrt.

Die kleine Runde internationaler Fußballexperten war sich im Hinterzimmer des berühmten Prager Restaurants schnell einig: Kroatien. Ich setzte mich erst gar nicht an ihren Tisch, sondern auf meinen Stammplatz daneben und opponierte forsch. Wenn man etwa genausoviele türkische Mitbewohner im Land hat wie Kroatien Einwohner, dann drückt man ihnen auch die Daumen. Nicht einmal Ressentiments gegen den Islam wollte ich an diesem Abend gelten lassen und wies flugs darauf hin, dass es in der Türkei sogar Brauereien gebe. Außerdem sei die Türkei weit laizistischer als beispielsweise Polen.

Polen ins Spiel gebracht

Damit hatte ich dann mal wieder den Nagel auf den Kopf getroffen, heftig diskutierten wir im Folgenden nun die polnische außenpolitische Konzeption und ob der Dualismus Kaczinski-Tusk weiter aufrecht erhalten werden könne. Schließlich kamen wir auf das Thema EU-Beitritt der Türkei. Ich blieb skeptisch. Die Türken würden sicher weiterhin ihre Überschussproduktion an Menschen nach Europa schicken, aber die Europäer werden den Staat als Ganzes niemals aufnehmen wollen.

Die europäische Frage

Da waren wir dann beim Stichwort, nämlich Europa, denn dieses Fußballspiel fand ja im Rahmen der Europameisterschaft statt. Selbst die leisen Stimmen, was denn die Türkei dort eigentlich zu suchen hat, unterdrückte ich schnell, versprach aber, über eine Quote für Spieler aus dem europäischen Teil der Türkei nachzudenken. Ich sprach mich auch dafür aus, dass die Spieler endlich ihre Kopftücher und Turbane ablegen müssten, außerdem sollten sie endlich zum Friseur geschickt werden, um sich rasieren zu lassen. Außerdem fand ich es recht unpraktisch, dass sie immer noch gezwungen werden, diese Schnabelschuhe zu tragen. Wie soll man damit einen angeschnittenen Ball zu Stande bringen?

Viel Kampf, viel Krampf

Diese Überlegungen standen natürlich ganz im Gegensatz zum tatsächlichen Geschehen auf dem Rasen, wo sich die kroatischen Katholiken und die muslimischen (ich nehme an, sunnitischen) Muselmanen einen heißen Kampf lieferten. Die Katholiken spielten durchdachter, die Moslems beherzter, das Ergebnis war lange Zeit eine Nullnummer. Ich bestellte schnell einen Kebab, erntete aber nur befremdete Blicke und erhielt Hühnerbrust mit Kartoffeln. Das ist ein neutrales Essen, dachte ich mir, und überlegte, ob ich, um wirklich meine Neutralität zu wahren, aus der Kirche austreten müsste.

Nun, ich blieb weiterhin katholisch und sympathisierte dennoch mit der Türkei. Darf man das? Ja, man darf, entschied ich mich. Wenn der Papst einmal in meinem Leben Deutscher ist, dann möchte ich ihn auch nicht enttäuschen.

An die Latte

Ach ja, das Spiel, bot in der ersten Halbzeit eine unfassbar gute Chance für Kroatien, die Olič an die Latte setzte. Hier kann man den schönen Spruch, dass dies schwerer war, als ihn reinzumachen, gut anbringen. Aber sind nicht alle Treffer auf das Torgestänge wesentlich schwieriger zu vollbringen als Treffer in den leeren Raum dazwischen? Alleine die Wahrscheinlichkeit – und ich habe das mal nachgerechnet – liegt doch bei eins zu 4,736 mal zehn hoch neun. Das wäre jetzt also so, als wenn ich heute in Recklinghausen einen Döner Kebab bestelle und morgen in Wanne-Eickel abhole. Können Sie mir noch folgen? Gut.

Ja, das Spiel, es war nicht schön anzuschauen, aber „intensiv“. Was nichts anderes heißt als dass die Türken um ihr Leben gerannt sind, dabei aber zu knapp 60 Prozent Fehlpässe fabriziert haben. Die Kroaten sind hingegen weit weniger gelaufen und haben das weit bessere Passspiel, nur nach vorne bewegte sich dort auch nicht mehr so wahnsinnig viel. Wenn der Rakitič – der ja eigentlich der letzte Schweizer im Turnier ist – mal außen durch war, fand er meistens niemanden in der Mitte, den er hätte anspielen können.

Ein durchschnittliches Bundesligaspiel

Am Ende des Spiels stand die halbe Bundesliga auf dem Feld und so sah das Spiel dann auch aus. Viel Gerenne und Gekämpfe, so wie die englische Premier League, nur mit etwas mehr System. Oder vielleicht auch nicht, es spielt ja auch keine Rolle. Weil wir einfach nicht genug bekommen konnten, gab es Nachschlag in Form der Verlängerung. Und da die UEFA in ihrem Reformeifer alle Sperenzien wieder abgeschafft hatte, war klar, dass die auch bis zum Ende durchgespielt werden musste. Uns war eh klar, dass es auf Elfmeterschießen hinauslaufen würde. Und so kam es auch.

Doch zuvor bewarb sich der türkische Ersatztorwart um einen Platz neben Angelos Nikopolidis im Wettbewerb um das unsinnigste Strafraumirren des Turniers. Ivan Klasnič, der alte Hanseate, war natürlich gleich zur Stelle und machte das Einsnull. So was lernt man eben nur in der Bundesliga. Die Türkei lag zurück und legte dennoch vor, im Schattenrennen gegen Spanien nämlich im Wettbewerb um die meisten späten Tore. Einhundertzweiundzwanzigste Minute offiziell, das ist tatsächlich (handgestoppt) natürlich bereits die einhunderteinunddreißigste Minute, Ausgleich. Das wird schwer zu überbieten sein. Es war die letzte Aktion in diesem Spiel und dennoch nicht die letzte.

Der Elfmetertöter Nr. 1: das Seitenaus

Dieses Mirakel löste natürlich das Elfmeterschießen auf, das nun folgte. Hätte England gespielt, hätte man das Ergebnis todsicher vorhersagen können, so aber traten zwei südländische Nationen gegeneinander an. Da wird wohl so mancher Schuss danebengehen, dachte ich launig, ahnte aber nicht, dass die Kroaten tatsächlich zwei Mal nicht einmal auf das Tor treffen konnten. Also, die Wahrscheinlichkeit dafür, daneben zu schießen, ist beim besten Willen – aufgerundet – so hoch wie die Wahrscheinlichkeit, dass man auf dem Mond zweimal von derselben Biene gestochen wird innerhalb von, sagen wir einmal, dreiundsechzig Stunden. Unwahrscheinlich, werden Sie jetzt sicher denken, und ich dachte das auch, aber eingetreten. Während die Türken, was mich nun nicht überraschte, locker einnetzten. Und zum Schluss durfte auch der türkische Ersatztorhüter noch einen Ball halten, um sich ein wenig zu rehabilitieren.

Sieh einer an, die Türkei! Seit bald dreißig Jahren kämpfen sie um den EU-Beitritt, aber bei der EM stehen sie schon im Halbfinale. Und das ausgerechnet gegen Deutschland. Besser hätte es gar nicht kommen können. Fragt sich nur noch, für wen?

Foto: ČTK

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