EM-Kolumne: Holland ist auch raus!


Das Favoritensterben geht im Viertelfinale weiter. Russland spielt Holland an die Wand und Guus Hiddink verliert seine Staatsbürgerschaft. Im Pulk enthusiastischer Russen hat Gerd Lemke (gerlem@gmx.de) dennoch einige Holland-Fans entdeckt.

Um es gleich vorweg zu sagen: Es gibt überhaupt keinen Grund zur Schadenfreude. Der Reflex, als Deutscher automatisch gegen Holland oder England zu sein, ist vollkommener Schwachsinn. Wie viele schöne Stunden hat mir die elftal schon vor dem Fernseher beschert! Und auch in diesem Turnier haben sie mich in den Gruppenspielen restlos begeistert. Danke, Holland, das war großartig! Soviel dazu.

Wird die Trainerfrage gestellt?

Marco van Bastens taktische Schwächen habe ich bereits andernorts erörtert. Dass sich das nun bereits im Viertelfinale als fatal erweisen würde, damit allerdings hatte ich nicht gerechnet. Ich bin eigentlich die ganze Zeit davon ausgegangen, dass Holland im Halbfinale gegen Italien verliert. Dazu kommt es nun nicht mehr.

Der Trainerlehrling hat seinen Meister im eigenen Land gefunden. Weil aber der Prophet bekanntermaßen so seine sprichwörtlichen Schwierigkeiten mit seiner Heimat hat, ist Hiddink nicht bondscoach, sondern van Basten – noch. Ich würde nicht unbedingt darauf wetten, dass er das noch lange bleibt, er sollte zumindest aber nicht an einem schlechten Spiel abgeurteilt werden. Vielmehr daran, dass seine Mannschaft im Viertelfinale aufgetreten ist wie während der WM vor zwei Jahren. Sie spielten den Ergebnisfußball der Deutschen aus den 80er Jahren. Diesmal allerdings hat das Ergebnis nicht gestimmt und der Fußball auch nicht.

Russland ist Großmacht

Russland hat mittlerweile ein enormes Selbstvertrauen aufgebaut. Die Mädchen standen gleich nach dem späten Ausgleich durch van „the man“ Nistelrooy auf den Tischen und feuerten die Zuschauer an, weiter zu schreien, so laut, dass es in Basel oder Wien oder Zürich oder Klagenfurt, um Genf und Innsbruck, Salzburg und Bern nicht zu vergessen, auch gehört werden konnte. Ich habe erst gar nicht verstanden, was sie riefen, es klang wie das spanische Wort für „danke“, dem das “s“ am Ende abgeschnitten wird. Da aber Spanien erst am folgenden Tag antrat, schaute ich mir die Personen ein wenig näher an. Die einen hatten weiß-blau-rote Fähnchen und Bemalungen, die anderen blau-weiß-rote. Nicht leicht zu unterscheiden.

Modegeheimnisse

Auf jeden Fall dürften diejenigen mit den Gucci-Handtaschen die sagenhaften Russinnen sein, dachte ich mir. Eine russische Bekannte hatte mir mal im Vertrauen zugeflüstert, dass die meisten gefälscht seien und Dolce&Gabana gerade in Mode komme. Ich weiß allerdings nicht, ob das für Moskau, St. Petersburg und Sibirien gleichermaßen zutrifft.

Also, die Russen hatten im Biergarten die Mehrheit, was auch nicht weiter verwunderlich ist, hat ja Russland rund zehn Mal so viele Einwohner wie die Niederlande (einschließlich den Niederländisch-Antillen). Neben mir saß eine Frau in nicht ganz stilechtem orangenen T-Shirts. Ihr Gesicht wurde im Laufe des Spiels immer länger, so dass ihr Kinngrübchen-Piercing bedenklich noch oben wanderte und am Ende der Verlängerung zum Augenbrauenring wurde. Dabei konnte sie gar nicht richtig mitleiden, denn sie war ja Tschechin und wird sich angesichts der russischen Dominanz sofort an 1968 erinnert haben. Das sie natürlich nicht selbst erlebt hat, durch das kollektive Gedächtnis aber gut kennt. Ihre beiden Begleiter nahmen das Resultat zumindest nicht wirklich tragisch, sie hatten wahrscheinlich keine allzu großen Summen gewettet.

Kopfnicken zur Verschwendung

Ich hingegen musste doch öfter mit dem Kopf schütteln und hätte nie daran geglaubt, dass die Russen das Spiel gewinnen. Was sich bereits im Spiel gegen Schweden angedeutet hat, wurde nun der ganzen Welt sichtbar: Der Russe ist im Grunde seiner Seele ein Verschwender. Das Land ist so groß und besitzt so viele Schätze, da kann man sich schon mal generös und großzügig geben. Eine Fläche so groß wie Mecklenburg-Vorpommern kontaminiert? Na und, da fahren wir das nächste mal eben woanders hin. Torchancen? Was sind Torchancen, die bekommt man doch sowieso gleich im ganzen Dutzend, da braucht man auch nicht jede gleich zu nutzen. Das verdirbt ja die Freude an der Verschwendung.

Andere Länder, andere Sitten

Und ich rede hier nicht etwa von Zwanzig-Meter-Schüssen, die knapp am Tor vorbeistreichen, sondern von den sogenannten „todsicheren“, für die du in Saudi-Arabien geköpft wirst, wenn du sie in einem wichtigen Spiel nicht reinmachst. Einige Mittelstreckenraketen ließen die Russen übrigens auch los, aber nicht bloß aus zwanzigtausend Kilometern, sondern eher aus vierzig und Edwin van der Sar (ich habe ihn – nicht nur wegen seines Namens – immer gemocht) hatte in seinem Abschiedsspiel keine ruhige Sekunde vor seinem Radarschirm. Daran sollte man in Tschechien auch mal denken, wenn über die mögliche Stationierung eines US-amerikanischen Radarsystems debattiert wird.

Es zeugt aber auch von ganz großer Klasse, wie exzellent die russischen Stürmer seit dem Schweden-Spiel daran gearbeitet haben, sich neue Finten und Varianten auszudenken und auch einzustudieren, wie man einen Ball auf der Torlinie noch gegen ein Verteidigerbein schießen kann. Das haben sie sich sicherlich beim Bolschoi-Ballett abgeschaut.

In der Verlängerung, die ja eigentlich vollkommen unnötig war, denn Russland hätte ja schon längst Fünfnull führen können, ach was, müssen, haben sie dann die Tore aus nahezu unmöglichen Positionen gemacht und van der Sar zum Abschied einen Ball so durch die Beine geknallt, dass es nach angekokelten Schamhaaren roch. Das hat der Edwin nun wirklich nicht verdient.

Im Anschluss an das Spiel ist es – glaube ich – auf dem Wenzelsplatz ruhig geblieben. Aber noch ist der Monat August nicht gekommen…

Foto: ČTK

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2 Reaktionen

22. Juni 2008, 23.52 Uhr [1] Fussball Fan sagt:

hier noch ein paar impressionen von basel Fussball-Fotos Holland-Russland

24. Juni 2008, 23.20 Uhr [2] Auszeit vor der heißen Phase | Weblogs sagt:

[…] bereits dreißig Jahre nicht mehr besucht haben will, tatsächlich die Frage laut wurde, warum der Hiddink denn nicht bondscoach ist. Ha, dachte ich, da hat jemand meinen Blog gelesen! Und noch jemand hat […]

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