EM-Kolumne: Spanien komplettiert das Halbfinalquartett


Fußball ist manchmal wie Schach, nur ohne Würfel, soll ein aktueller deutscher Nationalspieler einmal geäußert haben. Spanien gegen Italien ist wie Fußball, nur ohne Tore, könnte man dagegen halten. Und hätte für dieses Mal sogar recht, findet Gerd Lemke (gerlem@gmx.de).

Pizza oder Paella, Lambrusco oder Rioja, Prosciutto oder Chorrizo hieß die Glaubensfrage vor dem Anpfiff des letzten Viertelfinalspiels. Man hätte aber auch fragen können, was mehr Leuten den Spaß verdirbt, die Realpolitik Macchiavellis oder das Terrorprinzip der Inquisition. Das Spiel hätte ausreichend Anlass geboten, diese Dinge einmal gründlich zu diskutieren, ohne ständig von Nebenereignissen abgelenkt zu werden.

Doch leider hatte sich die kleine erlesene internationale Runde im Hinterzimmer – wir nennen es mittlerweile das Fußballzimmer – an diesem Abend zu einem Fußballspiel verabredet und war auch dementsprechend gespannt. Kleine Wetten wurden abgeschlossen – ich denke, das war immer noch im Rahmen des Legalen -, wer beispielsweise als erster beim Nasenbohren erwischt würde oder dabei, dass er von der Ersatzbank aus den eigenen Trainer als wahlweise blinden/senilen/verdammten/ahnungslosen Hurensohn/Trottel/Wichser/Schweinepriester beschimpfte. Um dies zu überprüfen, hatten einige Mitglieder eigens weibliche Fachfrauen aus dem Bereich Lippenlesen für Italienisch oder Spanisch eingeladen.

Einfach nur Unsinn

Im Fall von Camoranesi trat hier aber ein unlösbares Problem auf: Hatte der Argentinier seinem italienischen Trainer nun auf Buenos-Aires-Spanisch einen Platz im schlimmsten Bezirk der Hölle gewünscht oder ihm auf Italienisch für seine weise Entscheidung gedankt, ihn erst mal auf der Ersatzbank ruhen zu lassen? Unsere beiden Fachfrauen konnten sich nach einer längeren fachlichen Erörterung auf keine eindeutige Interpretation einigen und so beschloss man, Donadoni vorerst nicht zu informieren und diese Wette einfach zu streichen.

Wo bleiben eigentlich die Engländer?

Glücklicherweise spielte bei Spanien wenigstens der Brasilianer Senna von Anfang an, so dass unsere drei Fachfrauen sich keine Gedanken über den kolonialportugiesischen Einfluss auf die Aussprache des dialektal eingefärbten Kastilisch machen mussten. Denn das ist gerade für die Branche der Lippenleser ein noch weitgehend unerforschtes Gebiet, von dem man sich aber etliche Lösungsansätze für den Sprachenstreit in Belgien erhofft.

Kurz und gut, es hätte genügend Diskussionsstoff gegeben, alleine, es fehlte die starke Hand, dem unwürdigen Treiben auf dem Bildschirm ein Ende zu bereiten. Einzig Gordon blieb ständig am Ball, er hatte einige Dutzend Wetten auf alles mögliche in diesem Spiel laufen. Die bizarrste lautete, glaube ich, ob Sergio Ramos am Ende seinen linken Fußballschuh gegen das Trikot von Ersatztorwart Morgan de Sanctis tauschen würde.

Motorwechsel ohne Wirkung

Luis Aragones wechselte in der Mitte des Spiels wie schon gegen Schweden seine Mittelfeldmotoren aus. Das brachte allerdings auch keinen Schwung in dieses Spiel, das – um einmal diesen abgegriffenen Euphemismus zu gebrauchen – von seiner Spannung lebte. Also von den Heilserwartungen, die jeder Zuschauer in das flaue Treiben hineingelegt hatte, um am Ende, streng nach einem machiavellischen Grundsatz, der das Verhältnis vom Großen, Ganzen und Guten zu den Schweinereien auf dem Weg dorthin thematisiert, (Hilfe, wo bin ich gerade in diesem Satz?), also, um am Ende auf gut Deutsch gesagt – denn nach Goethe lügt man in dieser Sprache ja, wenn man höflich ist, – zweieinhalb Stunden nervtötende Langeweile zu ertragen, um aber trotzdem hinterher zu sagen, sich gut amüsiert zu haben, wenn die eigene Mannschaft das Elfmeterschießen erfolgreich bestritten hat. Das gilt, denke ich mal, für die spanischen Anhänger. Bei den italienischen Fans weiß ich schlichtweg nicht, warum sie Fußball schauen. Es muss sich dabei um denselben Zynismus handeln, der das Land immer wieder Berlusconi wählen lässt.

Langweiligkeitsvergleich EM-Champions League

Das Spiel erinnerte mich stark an ein anderes Nullzunull zwischen Mannschaften aus zwei Städten, welche in den teilnehmenden Ländern angesiedelt sind: Champions League (welche auch sonst?) Halbfinale 2006, Rückspiel FC Barcelona gegen AC Mailand. Ergebnis: Ergebnisfußball von den Propheten der Offensive. Ronaldinho spielte in diesem Spiel quasi Manndecker von Kaka und bis Gattuso, der eigentlich auf Ronaldinho angesetzt war, das merkte, hatte er seinen eigenen Stürmern bereits des öfteren den Ball abgegrätscht.

Die Fachmänner um mich herum forderten verzweifelt Capuccino, Canelloni und Tagliatelle zu bringen, aber wir waren in einem neutralen Restaurant, wo es derlei auserlesene Genussmittel nicht gab. Nicht mal Tartuffo? Oder Straciatella? Stattdessen bekamen wir einfach immer nur birra bzw. cerveza und höchstens mal french fries. Schließlich bestellte eine der Fachfrauen calamares und es war entschieden: Spanien würde das Elfmeterschießen gewinnen.

Die Erlösung von allem Elend

Und so kam es dann auch. Nach knapp sieben Stunden aktiver Teilnahme, in denen Italien drei Tore gelangen (ein Elfmeter, ein Freistoß, ein Eckball), aber kaum fünf Minuten konstruktiver Fußball, wurden die Zuschauer der Europameisterschaft von dieser Mannschaft erlöst. Hoffen wir, dass Spanien im Halbfinale wieder so aufspielt wie in der Vorrunde und den Zuschauern ein Spektakel geboten wird!

Foto: ČTK

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