EM-Kolumne: Auszeit vor der heißen Phase


Zwei Tage Ruhepause für die Zuschauer war angesagt. Wer schlau war, hat aktive Erholung betrieben. Wer´s nicht war, hat Tennis geschaut. Das beruhigt, der Platz ist auch grün, es stehen dort aber nicht so verwirrend viele Spieler auf dem Platz. Die Gedanken ließ auch Gerd Lemke (gerlem@gmx.de) ein wenig schweifen.

Hand auf´s Herz, liebe Freunde des runden Leders (ja, ist das überhaupt noch aus Leder?), wer hat sich nicht auf die beiden freien Tage gefreut? Im Spiel Spanien gegen Italien wurde nur zu deutlich, wie nötig wir eine Fußball-Pause brauchten. Endlich konnte man mal wieder abends etwas anderes machen als vor einem Bildschirm sitzen. Zum Beispiel ins Theater oder in ein Konzert gehen. Es existiert ja noch ein kulturelles Leben. Man konnte endlich wieder eine Pizza essen gehen. Oder man konnte sich vornehmen, endlich einmal wieder zwei Tage lang kein Bier zu trinken. Oder an etwas anderes zu denken, was wenig mit Fußball zu tun hat. Zum Beispiel an Tennis, das derzeit in einem Londoner Stadtteil ebenfalls auf Grün gespielt wird. Vielleicht fand man ja auch Zeit für ganz andere Dinge, die einfach liegengeblieben sind, etwa, seine Frau/Lebenspartnerin/Lebensabschnittspartnerin/Freundin anzurufen, die über die EM alleine in Urlaub gefahren ist.

Rudi will nicht, muss aber doch

Am Nachmittag des ersten freien Tages traf ich im Biergarten zufällig Rudi, der gleich anfing: Lass uns nicht über Fußball reden. Das hatte ich auch gar nicht vor, doch er tat es von selbst und erzählte, wie er alleine in Mähren vor einem Großbildschirm gelitten hatte, während seine Holländer gegen Russland eingingen. Kein schönes Erlebnis. Und weiter berichtete er, dass in seinem Heimatland, das er bereits dreißig Jahre nicht mehr besucht haben will, tatsächlich die Frage laut wurde, warum der Hiddink denn nicht bondscoach ist. Ha, dachte ich, da hat jemand meinen Blog gelesen! Und noch jemand hat ihn gelesen, denn Präsident Medvedev oder Premier Putin, ich weiß nicht welcher, hat Hiddink umgehend einen russischen Pass angeboten, „falls er Probleme in den Niederlanden bekäme“.

Polnische Leser

Und noch jemand hat meinen Blog gelesen, nämlich irgend so ein polnischer Spitzenpolitiker einer obskuren Partei, der Podolski die polnische Staatsbürgerschaft entziehen will. Doppelstaatsbürgerschaften seien nicht vorgesehen. Ob der Podolski die polnische überhaupt noch hat? Außerdem erweckt dieser Vorschlag den Eindruck, als sollten dort in Zukunft tatsächlich Recht und Ordnung herrschen. Das war sicher ein Oppositionspolitiker einer der vielen Parteien, die als Protestbewegung gegen die schleichende Entkatholisierung des Landes und den Aufbruch in eine tatsächlich moderne Gesellschaft plötzlich an die Macht gespült werden, um mit der nächsten Welle auch wieder zu verschwinden – nicht ohne einen gehörigen Korruptionsskandal zu verursachen. Wie habe ich doch auf dem Prague Writers Festival gelernt: Diejenigen, die am heftigsten protestieren, wollen entweder alles kaputt machen oder selbst an die Spitze des Systems.

Dem Wiener Schmäh erlegen

Und noch jemand hat meinen Blog gelesen, nämlich Josef (oder schreibt sich der jetzt wieder mit –ph?) Hickersberger. Er ist die ewige Grantelei leid und schlägt Andy Herzog als Nachfolger vor – endlich mal jemanden, der nicht in Cordoba 1978 dabei war. Diese Botschaft wurde verstanden!

Ein weiterer Trainer steht auf der Abschussliste, Roberto Donadoni, der uns knapp sieben Stunden Fußballlangeweile in diesem Turnier beschert hat. Vielleicht sind Italiens Fußballfans doch nicht so resistent gegen Torchancen und geben sich nicht mehr länger mit der Ästhetik des perfekt herausgemauerten Einsnullsiegs zufrieden. Als Lösungsstrategie deutet sich die Rückkehr zu Marcello Lippi an, dem Weltmeistertrainer von vor zwei Jahren. Ob das tatsächlich einen Systemwechsel bringt? Habe da so meine Zweifel.

Freie Trainerposten

Vier andere, erfolglose Trainer gehen freiwillig. Das stand allerdings bereits vor dem Turnier fest, nämlich Portugals Felipe Scolari, Hollands Marco van Basten, Schweiz´ Köbi Kuhn und Tschechiens Karel Brückner. Dabei ist es nahezu absurd zu beobachten, über welche Namen in Tschechien spekuliert wird: erst Matthias Sammer, jetzt Klaus Toppmöller. Alles Nebelbomben, würde ich sagen, die Tschechen wollen sicherlich keinen Deutschen, sondern einen Landsmann, doch die Katze darf man noch nicht aus dem Sack lassen, da sonst vorher eine hungrige Hundemeute heranstürzt und sie auffrisst. Ich tippe in diesem Fall mal darauf, dass Pavel Nedvěd aus seinem Rentenvertrag bei Juventus Turin herausgekauft wird und Spielertrainer wird. (Wenn´s so nicht kommt, dann nur, weil ich es geschrieben habe, wetten?)

Offene Diskussionen

Andere Trainer stehen in der Kritik, über ihr Schicksal wird noch verhandelt, Frankreichs Raymond Domenech und Schwedens Lars Lagerbäck. Ich hätte ja keinen Pfifferling auf Domenech gesetzt, aber der Torwort meiner Hobbymannschaft hat mir neulich erklärt, dass sich der Präsident des Fußballverbandes und der Trainer so gegenseitig in den Allerwertesten gekrochen sind, dass sie schon gar nicht mehr wissen, wer von beiden isst und wer sch…

Oh keh Leute, bringen wir es hinter uns, es sind nur noch drei Spiele, die wir auch noch überstehen werden, dann ist erst mal wieder Schluss und Gary Linekers Lehrsatz, den ich nicht eigens zitieren will, tritt wieder in Kraft. Oder auch nicht.

Foto: ČTK

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