EM-Kolumne: Deutschland-Türkei, das verpasste Halbfinale

Wie Millionen andere saß Gerd Lemke (gerlem@gmx.de) vor einem Bildausfall und verpasste in einer angeblich schwachen zweiten Halbzeit drei Tore in einem zumindest spannenden Spiel. Hier die Chronologie:
Ein heftiges Gewitter über Prag vertreibt mich am späten Nachmittag aus dem Biergarten. Statt mich also in aller Ruhe auf das Spiel vorzubereiten – eventuell sogar feste Nahrung zu mir zu nehmen – flüchte ich bereits knapp zwei Stunden vor Anpfiff in einen Club. Fritz-Walter-Wetter also, denke ich. Das verspricht gute Aussichten.
Ganz wie 1954
Deutschland hatte 1954 die Türkei sogar zwei Mal in der Vorrunde geschlagen. Wie geht das?, werden Sie fragen. Tja, Gruppenmodus mit gesetzten und ungesetzten Mannschaften. Jetzt dürfen Sie ein Mal raten, welches von beiden Teams gesetzt war. Falsch, es war die Türkei. Damals hat Deutschland auch zwei Mal gegen Ungarn gespielt. Haben die denn überhaupt gegen jemand anderen gespielt? Jugoslawien und Österreich mussten ebenfalls bezwungen werden. Ungarn diesmal nicht dabei, gegen Österreich bereits gewonnen, gegen Nord- und Küsten-Jugoslawien, auch bekannt als Kroatien, bereits verloren, ohne großen Schaden zu erleiden. Die Zeichen stehen gut.
Bei meinem zweiten Bier beginnt sich der Club erstaunlicherweise bereits gegen acht Uhr zu füllen. Ein ganzer Bus voller Slowaken ergießt sich wie die heftigen Regenfälle zuvor. Ich lerne Lydia kennen. Sie interessiert sich im Gegensatz zu Ema nicht für Fußball. Lydia wird später singen und ich werde noch beeindruckt sein, denn ihre Stimme klingt wie diejenige von Massive Attack.
Sind Mütter sexy?
Bevor ich das aber zu hören bekomme, erfahre ich, dass sie aus dem Osten der Slowakei stammt, also hinter Kaschau, dass sie einen 52-jährigen Mann und eine anderthalbjährige Tochter hat. Desweiteren erzählt sie, dass Männer bei ihr immer gleich an Sex denken, wenn sie hören, dass sie Mutter dieser Tochter ist. Warum, ist mir nicht ganz klar, doch ich verstehe auch nicht alles, denn sie spricht dieses Slowakisch im Rhythmus des Ungarischen – daran muss ich mich erst noch gewöhnen. Ich frage sie aber nicht, ob sie eigentlich Ungarin sei, das hätte aber sicher einiges erklärt. Die Zeiger der Uhr drehen sich unerbittlich weiter und ich reiße mich los, gleich ist ja Anpfiff!
Ganz wie 2006
Zuhause erwartet mich eine weitere Überraschung, nämlich meine Gäste aus Frankreich, die ein gewisses Kommunikationsbedürfnis haben. Ich parliere also noch ein wenig, bevor ich mich mit generöser Verspätung in die Übertragung einschalte. Sieben Minuten gespielt, noch nichts passiert. Die Türkei spielt besser und schießt sozusagen mit doppelter Ansage das Einsnull. Dann der große Auftritt des Sommermärchen-Duetts: Poldi geht links durch und bringt gefühlvoll (!) den Ball vors Tor, Schweini ist tatsächlich schneller als sein Gegenspieler und schlenzt den Ball mit dem Außenrist ins lange Eck. Großartig! Ich traue meinen Augen nicht, dieser Schweinsteiger, zwei Jahre lang spielt er Murks und jetzt macht er so ein großartiges Tor – und das als Mittelfeldspieler! Den hätte kein van Nistelrooy, Villa, Torres, Arschawin besser abschließen können, das war ganz große Klasse und sah richtig gut aus, bravo!
Bis zur Halbzeit sind die Türken zwar optisch überlegen, machen aber nichts daraus, auf der anderen Seite sprintet Poldi mal wieder der gegnerischen Abwehr davon, hält aber knapp drüber.
Bildausfall – wer ist schuld?
Zweite Halbzeit – Bildausfall. Das Spiel ist für mich zirka ab der fünfundfünzigsten Minute zu Ende. Schuld sei Wien, erklärt behäbig die Expertenrunde im Prager Studio. Straka und Šmicer unterhalten sich über Fußball im Allgemeinen und über beide Teams im Besonderen. Endlich hat man mal Zeit zu plaudern und darüber zu reden, worüber man schon immer reden wollte. Nebenbei schießt Deutschland noch ein Tor, erklärt der Moderator. Ich kann es nicht fassen, meine Wut gegen den tschechischen Privatsender steigt. Für einige Augenblicke steht das Bild wieder, ich sehe in der Zeitlupe den türkischen Ausgleich, dann ist wieder die joviale Expertenrunde am Wort und spielt so manchen rethorischen Rückpass.
Weggehehen!!!?
Die ersten sms kommen, andere fassungslose Mitstreiter in Prag wollen wissen, ob ich auch nichts sehe bzw. weiß. Ich kann dann stolz zurückschreiben, dass der Reporter das Endergebnis mit Dreizuzwei für Deutschland verkündet hat. Gesehen habe ich aber auch nichts. Ich werde wahnsinnig und denke an den guten Rat eines Freundes: Geh´ lieber hier weg! Jetzt ist es entschieden, ich werde seinem Rat folgen, das kann man sich doch nicht bieten lassen! Dann führe ich einige Telefongespräche, in denen ich meinen Unmut und meine Verärgerung, gleichzeitig natürlich auch ein wenig meine Freude über den Sieg ausdrücke. Wünsche dem Fußballstudio die Pest, die Cholera oder einen Bombenanschlag an den Hals. Es nützt nichts, ich verpasse in meiner Erregung fast die Wiederholung der drei verpassten Tore. Schemenhaft sehe ich Klose das Kopfballtor gegen Portugal wiederholen, die Türkei macht ein Tor wie Deutschlands Einszunull gegen Portugal, ehe der große Auftritt von Lahm erfolgt. Nützt nichts, ich denke, das muss doch ein gutes Spiel gewesen sein, nur ich habe es leider halb verpasst.
Der Mürrische taucht wieder auf
Gehe also zurück zu Lydia und höre tatsächlich ihre samtweiche Stimme. Versuche mich zu beruhigen, es gelingt mir aber nicht richtig. Dann lerne ich den Mürrischen von Tag 2 zufällig kennen. Er ist gar nicht so mürrisch, außerdem aus der Fußballstadt Mönchengladbach und erzählt mir das Spiel. Denn er hat ZDF geschaut, das einfach den Bildausfall in Wien ignoriert hat und teils mit einer Telefonschaltung Radio betrieben und sich dann im Schweizer Fernsehen eingeklinkt hat. Da das Spiel in Basel stattfand, konnte man sich den österreichischen Schmarrn leicht ersparen.
Erfahre also alles aus zweiter Hand und bin immer noch nicht versönlich gestimmt. Der tschechische Privatsender hat doch sicher auch jemanden im Stadion sitzen, der etwas hätte sagen können, notfalls über das Handy. Aber nein, lieber sonnen sich die Herren der Expertenrunde im Studiolicht und fachsimpeln über dieses und jenes. Es spielen ja nur Deutschland und die Türkei, das möchte sicher niemand verfolgen, die Zuschauer haben ja nur eingeschaltet, um dem Schwachsinn von einigen behäbigen Altinternationalen zu lauschen. Ich beschließe sofort, diesen Privatsender mit allen Mitteln zu bekämpfen.
Ball flach halten
Am anderen Tag lese ich einige Fußballblogs und bekomme den Eindruck, in Deutschland sei eine Katastrophe geschehen. Niemand scheint sich über das Erreichen des Finales zu freuen. Traue meinen Augen kaum, wo gibt´s denn so was? Früher hat sich auch niemand beschwert, jetzt sind die Ansprüche aber gewachsen. Deutschland hat schlecht gespielt, dabei aber drei astrein herausgespielte Tore gemacht. Genau so viele wie Italien im ganzen Turnier, allerdings benötigten die einen Elfmeter, einen abgefälschten Freistoß und einen Eckball. Bitte, jetzt aber mal den Ball flach halten!
Foto: ČTK
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Abbitte an den Observer, musste das sein, dass der doch recht hatte und wir nicht … wird er aber letztlich doch nicht haben… Ansonsten beste Grüsse aus D-Land, wo nun alle spinnen… Nur ich nicht… MM