EM-Kolumne: Spanien mausert sich zur großen Turniermannschaft

Eigentlich brachte das zweite Halbfinale keine große Überraschung. Wie in der Vorrunde beherrschte Spanien klar seinen Gegner und zieht locker ins Finale ein. Russland bleibt somit die Mannschaft eines Spiels. Irritiert meldet sich Gerd Lemke (gerlem@gmx.de) nochmals, bevor er das Land verlässt.
Alle Spezialisten des russischen Fußballs, die nach dem Viertelfinale gegen Holland wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, sind wieder in denselben versunken. Auch das frühe Ausscheiden des dreimaligen Torschützen David Villa aus dem Hinspiel der Vorrundengruppe hat letztendlich nichts genutzt. Russland blieb über 90 Minuten nahezu uninspiriert und hat sich dem spanischen Gegener sang- und klanglos ergeben. Wundertrainer Guus Hiddink schrumpft nach nur einem wunderbaren Spiel wieder auf Normalgröße wie auch die gesamte russische Mannschaft. Wir Zuschauer ärgern uns nur darüber, dass sie Holland ausgeschaltet und so ein spannenderes Halbfinale verhindert haben.
Sang- und klanglos
Ehrlich gesagt ging einem der plötzliche Russland-Hype nach nur einem guten Spiel in diesem Turnier mächtig auf die Nerven. Niemand hatte doch zuvor einen Pfifferling auf die Mannschaft gesetzt, die nur durch die Nervenschwäche Englands und einen Einsnullsieg in Andorra (!) überhaupt ins Turnier geraten war. Russland ließ sich im ersten Spiel von Spanien vorführen und hat es auch im zweiten, ihrem letzten Spiel nicht besser gemacht. Ansonsten: Sieg gegen Griechenland vor allem dank eines schlimmen Fehlers von Torwart Nikopolidis, lockerer Sieg gegen an diesem Tag indisponierte Schweden. Einzig der grandiose Sieg gegen Holland, bei dem Russland eine Chance nach der anderen ausgelassen hat, wird wohl in Erinnerung bleiben. Und die Fans im Biergarten, deren Anfeuerung mit nur wenig Phantasie wie „Brasilia“ geklungen hat.
Eviva Espana
Wenden wir und also Spanien zu. Diese Mannschaft hat den Turniersieg einfach verdient. Leider wartet im Finale Deutschland, so dass die Favoritenrolle nicht viel wert ist. Für Deutschland ist eine Finalteilnahme zur Routine geworden, sozusagen eine schlechte Angewohnheit, dazu muss man nicht einmal besonders gut spielen (in folgenden Jahren stand Deutschland bei großen Turnieren im Finale: 1954, 1966, 1972, 1974, 1976, 1980, 1982, 1986, 1990, 1992, 1996, 2002, 2008). Bei Spanien liest sich diese Liste um einiges kürzer: 1964, 1984, 2008. Aber das ist auch egal. Spanien spielt über das gesamte Turnier gesehen den konstantesten Fußball und hat sogar Italien, die Mannschaft, die man erst totschlagen, dann umbringen, schließlich ertränken, wieder trocknen und abschließend verbrennen muss, um sie zu besiegen, mit deren eigenen Waffen geschlagen. Olé!
Großartige Spanier
Nein, von Russland war im ganzen Spiel nicht allzuviel zu sehen, wie auch vom ganzen Spiel im hoffnunglos überfüllten Biergarten in der ersten Halbzeit. Ich erinnerte mich an den Spruch vom Viertelfinale: see tomatos grow, also den Paradiesäpfeln beim Wachsen zuschauen. Trainer Hiddink hat seinen Spielern wohl die angezogene Handbremse eingebleut nach dem doch allzu heftigen Buhlen der russischen Politiker um dessen Staatsbürgerschaft. Nichts war zu sehen von dem wunderbaren Hochgeschwindigkeitsfußball. Die Abwehr hatte sich immerhin ein klein wenig besser auf Torres und Villa eingestellt, doch wirklich überzeugen konnte sie auch nicht.
Alles in allem gingen wir nach faden ersten 45 Minuten und wünschten uns offen Deutschland auf den Platz zurück, denn wenn sie spielen, ist wenigstens was los und fallen Tore. Die fielen dann in der zweiten Hälfte und was für welche! Mit drei wunderbar herausgespielten Toren schickten souveräne Spanier ihren Gegner zurück in die endlosen Weiten Russlands. Und wie bereits anlässlich desselben Spiels in der Vorrunde geschrieben, bäumte sich Russland in keiner Phase des Spiels in irgendeiner Weise auf – und sei es, dass ein Spieler mal dazwischen gehauen, sich die gelbe Karte abgeholt hätte, um zu signalisieren: Wacht endlich auf, wir kämpfen hier um die Chance, ins Finale einzuziehen! Nichts, schicksalsergeben fügten sich die Rubel-Milliardäre in ihr Schicksal, satt von dem bisher Erreichten.
Wer ist schon Russland?
Aber verlassen wir Russland, deren ein gutes Turnierspiel ein besseres und vor allem spannenderes Halbfinale verhindert hat. Spanien hat eine ganz wunderbare Mannschaft, die einen Sieg bei dieser Europameisterschaft mehr als verdient hat. Diese Mannschaft ist auf jeder Position gut besetzt, versucht stets, das Spiel zu beherrschen und hat ein grandioses Mittelfeld mit Xavi und Iniesta von Barca, die man beliebig gegen Cesc Fabregas und Co. austauschen kann, ohne dass man einen Unterschied bemerkt. Nicht einmal ein so großartiger Spieler wie Xavi Alonso findet dort einen Platz. Und wenn Villa und Torres eine Verschnaufpause brauchen, wechselt Trainerfuchs Aragones einfach den Torschützenkönig der spannischen Liga ein, der gerade mal beim Fahrstuhlclub Mallorca beschäftigt ist.
Nichts wie weg!
Bevor ich also gleich dieses Land verlasse und das Endspiel in Deutschland sehe, wünsche ich mir nur eines: Bitte, bitte beide Mannschaften, in einem Finale geht es zwar um viel, doch versucht doch einfach, guten, offensiven Fußball zu spielen! Deutschlands Torverhältnis bisher: 10:6, Spaniens Torverhältnis: 11:3. In Spielen beider Mannschaften fielen also knapp die Hälfte aller im Turnier geschossenen Tore. Egal wer gewinnt, wir wollen offensiven Fußball sehen! Davon gehe ich eigentlich auch aus, denn die Abwehrreihen beider Mannschaften stehen nicht gerade für übergroße Stabilität.
Foto: ČTK
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