EM-Kolumne: Deutschland feiert sich selbst

Trotz Niederlage nutzt die deutsche Jugend den Endspielabend, um länger draußen Krach machen zu können. Ob das noch was mit Fußball zu tun hat, fragt sich ratlos Gerd Lemke (gerlem@gmx.de).
Ein Freund hatte mich bereits vorgewarnt: Die sind hier alle verrückt geworden. Doch was ich auf meiner Fahrt von Prag nach Frankfurt a.M. erlebte, übertraf doch bei weitem meine Befürchtungen. Nun gut, die Fahnen an den Autos waren wieder da, das war wohl zu erwarten. Mein Fahrer, ein Tscheche mit Deutschlanderfahrung, hörte durch ganz Bayern und auch in Hessen den Radiosender Antenne Bayern. Ich hoffte für ihn, dass er es nur wegen der verlässlichen Verkehrsnachrichten tat.
Flucht nach Osten
Das half, wir hatten keinen Stau, dafür die Fahrer in der Gegenrichtung um so mehr. Dafür mussten wir allerdings die sogenannten Hits der 80er hören. Ich hatte die ja noch selbst miterlebt und muss bekennen, dass ich die Stücke kenne, diese aber nur in einer sehr kurzen und unbedeutenden Verirrungsphase meiner Popmusiksozialisation gut fand. Ich wage zu behaupten, dass ich in den 80ern entweder die Musik der 70er oder aber der 90er gelauscht habe. Keinesfalls die Hits, die stets als das Beste aus jener Zeit angekündigt werden, stattdessen aber das Schlechteste darstellen. Ich fürchte, mein Fahrer dachte da anders und liebte diesen Sender. Aber er behauptete auch, Deutschland die Daumen drücken zu wollen. Recht undurchsichtige Person, alles in allem…
Hysterie in den Medien
Schlimmer als die Musik war jedoch das Gequatsche zwischen den Stücken, das stets mit dem bevorstehenden Endspiel zu tun hatte und mehr oder weniger an den Haaren herbeigezogen war, aber dazu diente, die Fans hysterisch zu machen. Jetzt konnte ich meinen Bekannten erst verstehen. Mein Gott, wie sollte man sich unter solchen Umständen einen deutschen Sieg wünschen können?
In Deutschland verkroch ich mich zwei Tage in ein Provinznest und versuchte, den Kontakt mit den Medien zu meiden. Dennoch hatte ich in einem Supermarkt das Glück, in der Fernsehabteilung endlich in Ruhe die Tore des Halbfinals gegen die Türkei zu sehen. Beim zweiten Tor der Türken gingen mir förmlich die Augen über, ich weiß nicht mal, wer dabei lächerlicher aussah, Verteidiger Lahm oder Torwart Lehmann. Da aber auch Türkeis Torwart Rüstü einen richtig schönen Aussetzer beim zweiten deutschen Tor hatte, glich sich das irgendwie aus. Als Andenken an diese EM kaufte ich mir eine Einkaufstragetasche in der Supermarktkette, die wie ein bekannter Fußballverein aus Madrid heißt. Nein, weder Atletico noch FC Getafe. Jetzt würde ich mit meiner weiß-roten Tüte mit dem blauen Zacken in Prag meinen Residenzpatriotismus öffentlich zur Schau tragen können.
Fanmeilen in den letzten Winkeln
Alles Verstecken nützte nichts, der Tag der Entscheidung kam schließlich doch. Wir machten uns zur eilig aufgebauten Fanmeile auf, wo uns bereits aus mehreren Hundert Meter Entfernung kölnische Karnevalsmusik entgegendröhnte. Was mich zunächst beschwingte, denn auch jene Stadt bezeichnete ich einst als Wahlheimat, entwickelte sich beim Näherkommen zu einem wahren Horror. Ich presste verzweifelt die Hände auf die Ohren und quälte mich durch die vollbesetzten Bankreihen. Im Stehplatzbereich konnte man kaum noch etwas auf der Leinwand erkennen, schließlich war es ja auch noch hell draußen. Hier wollte ich auf keinen Fall bleiben und so folgten wir dem Beispiel einiger Bekannter, die in eine Kneipe weitergezogen sind. Dort bekam ich noch einen Stehplatz mit guter Sicht und freute mich bereits auf den Anpfiff.
Gastarbeiter antideutsch?
Neben mir stand ein Gastarbeiter, der heftig Spanien anfeuerte. Er begrüßte die Wirtin aber auf griechisch mit kalisperos. War er etwa Grieche und trotzdem gegen Deutschland?, fragte ich mich. Was hatten wir denn dem Gastarbeiter getan, dass er gegen uns war? Waren sie denn alle aus Prinzip gegen uns, außer vielleicht die Türken, obwohl wir gerade sie im Halbfinale besiegt hatten? Dabei haben wir den Griechen doch Otto Rehhagel geschenkt.
Ob der Spanienfan allerdings wirklich Grieche war, konnte ich nicht mit Sicherheit erkennen, denn er schien viele Sprachen auf einmal und doch keine einzige richtig zu sprechen. Die Wirtin zumindest, die war Griechin, was mir an ihrer weichen Aussprache des –s-Lautes dann auch auffiel.
Früh alles klar
Wer Augen hatte zu sehen, der sah bereits nach zehn Minuten, wie es werden würde. Und das waren die guten zehn Minuten der deutschen Elf. Klose erlief einen Querpass der Spanier vor dem eigenen Sechzehnmeterraum und drang in diesen ein, legte sich dann aber den Ball dilettantisch weit vor ins Seitenaus. Podolski hatte wenig später einen Moment freie Schussbahn vom linken Sechzehnmetereck, traute sich aber nicht und spielte stattdessen einem Spanier hinter ihm den Ball in den Fuß. Weiter im Text: Endlich auch mal eine flüssige Kombination, aber der Pass auf den durchlaufenden Ballack endete in seinen Hacken. Dazwischen gewann Torres ein Kopfballduell gegen den um mindestens einen halben Kopf größeren Mertesacker, setzte den Ball aber gegen den Pfosten. Wenig später machte er das Tor, ein Pass in die Tiefe, Lahm war eigentlich vor Torres und hätte den Ball ablaufen müssen, machte er aber nicht und Torres war vor dem herausstürzenden Lehmann am Ball und spitzelte ihn über ihn hinweg.
Haste Scheiße am Fuß…
Es gibt Tage, da läuft einfach nichts, aber dass es Tage gibt, an denen einfach bei niemandem was läuft – außer vielleicht bei Lehmann - ist nicht schön anzuschauen. Die Hoffnung der deutschen Mannschaft lag eigentlich bei hohen Flanken, doch die waren alle hundsmiserabel. In der zweiten Halbzeit hatte Deutschland nochmals fünf starke Minuten, in denen es sich andeutete, dass vielleicht doch noch was gehen könnte. Doch Spanien spielte die Partie routiniert runter, war aber ziemlich fahrig bei seinen Konterchancen.
… hilft der Schiri auch nicht
Und wenn gar nichts geht, hilft nicht mal der Schiedsrichter. Einem spanischen Verteidiger sprang im Sechzehnmeterraum der Ball bei der Annahme an die Hand. Sicher keine Absicht, denn dann hätte der Spieler einfach seinen Beruf verfehlt. Angeschossen war sie aber auch nicht, es gibt genug Schiedsrichter, die in dieser Situation auf Elfmeter entscheiden. Dieser drückte ein Auge zu. Und noch eins drückte er zu, als ein spanischer Verteidiger mit Podolski aneinandergeriet und ihm einen Kopfstoß versetzt. Man hat schon Spieler für geringere Tätlichkeiten vom Platz fliegen sehen. Und dann zum Schluss sah er mit zwei geschlossenen Augen ein Foul an einem spanischen Verteidiger, das einfach nicht zu erkennen war, Ballack und Schweinsteiger bedrängten ihn, hielten ihn aber weder noch trafen sie ihn mit den Füßen. Ballack hätte aus sieben Metern freie Schussbahn gehabt. Verdient wäre es auch nicht gewesen, aber wer fragt am Ende danach?
Spanien siegt verdient
Spanien – ganz klar – hat in diesem Spiel und im ganzen Turnier gezeigt, dass es die beste Mannschaft war. Endlich hat wieder das beste Team gewonnen, nicht wie 2004 das unerbittlichste oder 2000 das glücklichste. Erinnern wir uns: Frankreich zog nach zwei Elfmetern in der jeweils letzten Spielminute, die beide diskutierbar waren, ins Endspiel ein, wo sie mit der allerletzten Aktion den glücklichen Ausgleich schossen, um mit dem golden goal von Trezeguet zu gewinnen. Waren sie das beste Team? Schwer zu sagen, sie gehörten zu den besten und benötigten für den Sieg viel Glück.
Nun gut, ich blieb fair und schaute der Siegerehrung zu, klatschte sogar, als die Spanier den Pokal in die Höhe stemmten. Dazu benötigte ich allerdings doch einen Wodka. Sagte in ein hingehaltenes Mikro, man müsse eben auch verlieren können, und ging zur Fanmeile, wo die Menschen auf den Tischen tanzten und bereits wieder Stimmungsmusik lief. Der Wagen einer hiesigen Kneipe fuhr wie an Karneval durch die Straßen, die jungen Menschen schwenkten Fahnen, waren ausgelassen. Ja, hatten die denn das Spiel nicht gesehen oder interessierten sie sich einfach nicht für Fußball? Tatsächlich, die sind hier wirklich wahnsinnig geworden.
Vor zwei Jahren fuhr ich am Tag nach dem Endspiel ins Land der Verlierer, diesmal war ich ja bereits dort und blieb noch einen Tag länger.
Foto: ČTK
Die neuesten Beiträge von Gerd Lemke
- EM-Kolumne: Spanien mausert sich zur großen Turniermannschaft - 27.06.2008
- EM-Kolumne: Deutschland-Türkei, das verpasste Halbfinale - 26.06.2008
- EM-Kolumne: Auszeit vor der heißen Phase - 24.06.2008
- EM-Kolumne: Spanien komplettiert das Halbfinalquartett - 23.06.2008
- EM-Kolumne: Holland ist auch raus! - 22.06.2008
- EM-Kolumne: Die Türkei zieht ins Halbfinale ein - 21.06.2008
- EM-Kolumne: Deutschland haut Portugal raus - 20.06.2008
