Sanfte Prohibition in Prag - zahlen am Ende die Zeche Bob und Dave?

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Wer kennt ihn nicht, den Dialog zwischen den beiden Killern Jules und Vincent in einer Einstiegsszene von Quentin Tarrantinos Klassiker Pulp Fiction: “It’s legal to buy it, it’s legal to own it and, if you’re the proprietor of a hash bar, it’s legal to sell it. It’s legal to carry it, which doesn’t really matter ’cause” — Schnitt.

Schnitt? Ja, denn die Rede ist hier natürlich vom Haschischbesitz und -konsum in Amsterdam. Aber schau einer an, bis hierhin könnte es sich eigentlich ebenso gut um die Beschreibung der rechtlichen Situation nach der Einführung des Alkoholkonsum-Auf-Offener-Straße-Verbots in Prag handeln. Also weiter im Text: ” — get a load of this — if the cops stop you, it’s illegal for them to search you.” Halt, hier stimmt es dann aber doch nicht mehr. Denn natürlich dürfen die “Cops” in Prag kontrollieren, ob man “es” dabei hat.

So zitierte die tschechische Nachrichtenagentur ČTK am Montag einen namentlich nicht genannten Beamten der Prager Stadtpolizei: “Es ist hier nicht wie in Amerika. Es hat keinen Sinn, das Getränk in eine andere Flache umzufüllen oder aus einer Papiertüte zu trinken. Wir haben Testgeräte und können feststellen, ob eine Flüssigkeit Alkohol enthält oder nicht”, so der Beamte selbstbewusst. Na immerhin, nicht so eine Heuchelei wie in den USA.

Klar ist auch, wen die neue Verordnung treffen und bei wem die Polizei was dürfen wollen soll: “Es betrifft hauptsächlich die Obdachlosen. Die Streifenpolizisten haben damit ein Instrument in der Hand, das es ihnen erlaubt, sie von bestimmten Plätzen zu verweisen”, so der stellvertretende Bürgermeister Rudolf Blažek (ODS). Das Kalkül ist: der anständige Tscheche betrinkt sich traditionell in seiner Stammkneipe und wankt dann zwar sicher oft genug auch betrunken, aber doch eben ohne Bierpulle in der Hand und meist brav nach Hause.

Zweifel, ob die Anti-Alkoholverordnung, die der verwahrlosten Zielgruppe von den Prager Stadtvätern ersatzweise wie ein Maßanzug auf den Leib geschneidert wurde, auch die erwünschte Wirkung haben wird, werden dennoch hier und da laut. Wie soll von Habenichtsen denn Ordnungsgeld in Höhe 1.000 bis 30.000 Kronen eingetrieben werden, fragen manche Kritiker. Ist die Verordnung also ein zahnloser Papertiger? Die konservative Tageszeitung Lidové noviny befürchtet genau dies und macht gleich eine ganze Reihe Gesetzeslücken ausfindig. Schon am erstenTag sah sie den Magistrat samt seiner uniformierten Gesetzeshüter-Švejks von den obdachlosen Alkoholiker-Švejks ausgestrickst und matt gesetzt:

“Erstens erlaubt die Verordnung das Trinken bei den Erfrischungständen, um die herum ganze Horden von Obdachlosen zu sein pflegen und definiert nicht genauer, was das >>Konsumieren bei der Betriebsstelle<< bedeutet. Nirgendwo steht geschrieben, in welcher Entfernung vom Stand das Trinken noch erlaubt ist und in welcher nicht. Der Trinker kann sich dann darauf berufen, dass er beim Stand oder Geschäft trinkt, und kann dabei zig Meter entfernt sein.”

In Bezug auf die Eingangs zitierte Pulp-Fiction-Replik (” it’s illegal for them to search you”) noch interessanter: “Ein weiteres Problem ist es, dem Betreffendem überhaupt nachzuweisen, dass er Alkohohl getrunken hat. Die Obdachlosen, und nicht nur sie, tricksen die Verordnung nämlich aus, in dem sie ihren geliebten Pappkarton-Wein oder ihr Bier in einer Tüte verstecken oder direkt in eine PET-Saftflasche oder Mineralwasserflasche füllen.” Als Kronzeuge dafür zitiert Lidové noviny den “okrskář” Jiří Schwanzer aus Prag an: „Das nachzuweisen wäre sehr schwierig. Wenn sie uns gegenüber behaupten, dass es kein Alkohol sei, werden wir davon nichts trinken, um festzustellen, ob sie lügen oder nicht”.

Doch damit der Probleme nicht genug: “Ein Problem würde es auch werden, wenn jemand behauptet, dass er im Plastikbecher alkoholfreies Bier hat”, so die Einschätzung des Blattes „Darauf kann sich niemand herausreden, unsere Streifenbeamten können eine Atemprobe durchführen, die alles zeigt”, beruhigt zwar die Schichtleiterin Alena Dománková die Leser - um jedoch gleich wieder von der Zeitungsredaktion in Form eines gegenteiligen Statements eines ihrer Kollegen ausgekontert zu werden. “Ganz so einfach ist es freilich nicht: >>Wir können das den Leuten eigentlich nicht nachweisen. Erstens haben wir nicht diese ‘Ballons’ dabei, in die sie uns hineinpusten und zudem, auch wenn der Mensch pusten würde - wie weisen wir ihm nach, dass er nicht vorher in der Kneipe oder im Restaurant getrunken hat?<<” zeigt sich der Streifenpolizist aus Prag 5 Jaroslav Kule gegenüber dem Blatt resigniert.

Probleme über Probleme also beim Einsatz der Wunderwaffe Alkoholverordnung… Sprach der eingangs von ČTK zitierte namenlose Beamte nicht von “Alkohol-Testgeräten”?! Wie ist das nun: kann man “es” mit sich herumtragen, darf es aber nicht trinken? Dürfen die Gesetzeshüter kontrollieren, was man trinkt, wollen es aber selber nicht trinken? Muss man jetzt nach einem Restaurantbesuch in Prag “pusten”, obwohl man dass, was man mit sich herumträgt, gar nicht auf der Straße getrunken hat?

In der Ausgabe der Tageszeitung Právo ist heute übrigens zu lesen, dass der Polizei in Tschechien weiter die Leute davon laufen. Die 22 Millionen Kronen teure Kampagne zur Anwerbung neuer Beamter (”Akce Praha”) dagegen zeigt nur mäßige Wirkung. Die Abgänge überwiegen weiterhin deutlich die Neuzugänge. Wen wunderts, sicher lesen potentielle Interessenten auch Zeitung. Wer dank der Akce-Praha-Werbespots Lust bekommt, künftig mit Motorrad, Schnellboot und Hubschrauber Verbrechern zu Lande, zu Wasser und in der Luft hinterher zu jagen, der fällt vermutlich entweder bei der psychologischen Prüfung durch (allein in Prag dem Artikel nach 59 Bewerber). Oder er meldet sich erst gar nicht zum Dienst am Bürger, wenn er von der MHD-Haltestellen-Rauch-Verbot-Verordnung, der Kaugummi-Wegwerf-Verbot-Verordnung und nun der Alkoholkonsum-Auf-Offener-Verbot-Verordnung liest und den Tücken, die mit der Durchsetzung derselben verbunden sind.

Angesichts der so unterschiedlichen Zeitungsmeldungen über den Erfolg oder Misserfolg der sanften Prohibition kann man als Leser leicht verunsichert werden. Rottet sich das gewiefte Lumpengesindel jetzt etwa noch enger um die Imbissstände und Lebensmittelläden zusammen? Oder sitzen auf einmal alle mit Nuckelflaschen an ihren angestammten Plätzen und lachen den Wachtmeistern frech ins Gesicht?

Mit einem Gang auf die Straße verschaffe ich mir am Montag einen ersten Eindruck: Um das Kaufhaus Tesco und die Metrostation Národní třída in der Innenstadt ist alles wie leergefegt, also was die vom stellvertretenden Bürgermeister Rudolf Blažek ins Visier genommene Zielgruppe betrifft. Die üblicherweise hier campierenden Elendsgestalten mit ihrer Hundemeute sind verschwunden, ebenso die verlumpten Alkoholiker, die hier schon am hellichten Tag vor Trunkenheit nicht mehr stehen können und im Bereich der Metro-Station ihren Rausch ausschlafen.

Am ersten Tag jedenfalls zeigt die Verordnung also entgegen den Befürchtungen der Lidové noviny augenscheinlich durchschlagende Wirkung. Beim Warten auf die Straßenbahn fallen mir dann doch noch drei Gestalten auf. Eine, weil sie nicht da ist: der auf dem Bürgersteig vor dem Kaufhaus kniende Bettler, der immer einen Plastikbecher in beiden Händen hält. Ob die Akce-Praha-Polizeineulinge da womöglich nicht hineingeschaut haben oder die Münz-Almosen möglicherweise für Bier gehalten haben?

Und dann stehen da inmitten der absoluten Alkohol-Verbotszone an der Tram-Station zwei Typen, die aussehen wie alle Engländer, die in Prag herumlaufen: Wie Bob und Dave aus der Budvar-Werbung eben, nur etwa zwanzig Jahre jünger. Und beide selbstverständlich auf provokanteste Art und Weise eine offene Bierdose in der Hand. Junge, Junge, das gibt sicher noch Komplikationen, schießt es mir durch den Kopf.

Wie war das noch - 1.000 bis 30.000 Kronen Ordnungsgeld? 60.000 Kronen Gehaltserhöhung hatte einer der im Právo-Artikel zitierten Polizisten als Motivationszuschlag von der Stadt gefordert. Das wurde natürlich abgelehnt. Stattdessen nun dieses “Instrument in der Hand” der - ja, der einfallsreichen tschechischen Ordnunghüter. Höchste Zeit, dass die britische Botschaft ihre bierseligen Landsleute über die drohende Gefahr informiert…

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