Drahtseilakt in Stöckelschuhen
Die Vorstellung dauert so lange wie ein Fußballspiel, doch Langeweile kommt nicht auf. Sieben Beinpaare führen vor, dass es Menschen gibt, die sich nahezu mühelos über dem Nichts bewegen. Erstaunt und begeistert empfiehlt Gerd Lemke (gerlem@gmx.de): Unbedingt hingehen!
Sie gehören wie der Clown und die Messerwerfer untrennbar zur Vorstellung des klassischen Zirkus: die Seiltänzer. Mit einer schweren Stange balancieren sie über dem Abgrund, machmal gesichert durch ein Netz, manchmal aber auch ohne Netz. Einmal hin und einmal zurück, vielleicht noch einmal mit dem Einrad drüber – wirklich viel mehr hatten sie meist nicht zu bieten. Ohne die beklemmende Musik und ohne das Wissen um das hohe Risiko hätten wir vor Langeweile schon längst nicht mehr hingeschaut.
Es geht aber auch anders, wie die Vorstellung der französichen Truppe Les Colporteurs zeigt, die noch bis Dienstag, 2.9., in Prag gastiert. Nämlich mit Witz, Schwung, Phantasie. Netz und Balancierstange landen auf dem Haufen der unnützen Requisiten.
Spinnennetz in Manege
Wie ein Spinnennetz durchziehen sieben Drahtseile die Manege. Die vier weiblichen und drei männlichen Gleichgewichtskünstler können kreuz und quer laufen, springen und schwanken. Und auch mal vom Seil fallen, ohne sich gleich den Hals zu brechen, denn die Spinnfäden sind auf drei Ebenen zwischen Brusthöhe und doppelter Körperhöhe aufgespannt. Das erspart dem Zuschauer weitgehend anhaltendes Starren nach oben und Genickstarre nach den gut anderthalb Stunden Vorführung.
Risiko des Akrobaten
Das ist durchaus auch im Sinne des Erfinders, nämlich Antoine Rigot, dem Choreographen der Schau. Vielleicht würde er heute selbst über die Seile flitzen, hätte er nicht vor einigen Jahren einen schweren Trainingsunfall gehabt. Davon berichtet der Erzähler auf tschechisch zur Einführung in die Vorstellung: Training am Strand, eine falsche Bewegung und eine falsche Reaktion, anschließend ein Sturz auf den Kopf und die bestürzende Erkenntnis, den eigenen Körper nicht mehr zu spüren.
Doch bevor eine allzu traurige Stimmung die Zuschauer ergreift, setzt die Musik ein und damit ein wildes Treiben auf den Seilen. Ein Drahtseilclown zieht rasch die Lacher auf seine Seite und gibt eine Ahnung davon, wie schwer es sein muss, sich scheinbar ständig erst im letzten Moment im Gleichgewicht zu halten. Ruhige Passagen mit wenigen Artisten, die etwa Figuren der Liebe und der gegenseitigen Annäherung aufführen, wechseln sich mit schnellen Passagen ab, während derer alle Artisten wie von Sinnen herumtoben.
Ballett auf 12 Milimetern
Auf dem 12 Milimeter breiten Draht üben sie wie auf dem Schwebebalken oder tanzen wie in einer Rockdisco, springen von einem Seil auf das andere, schubsen und ziehen sich und lassen schier keinen Spaß aus. Höhepunkte sind zum einen der Spitzentanz in Ballerinas und der Lauf in Stöckelschuhen. Auch wenn nicht jeder Rückwärtssalto gelingt, den Applaus haben sich die sieben Bewegungs- und Gleichgewichtskünstler hoch verdient.
Während der Vorführung gilt strenges Fotografierverbot, ob mit oder ohne Blitz.
Les Colporteurs: Le fil sous la neige, täglich bis 2.9. um 21h für 490 Kronen im Rahmen des Festivals Letní Letná in den Chotek-Gärten (Chotkovy sady, so heißt auch die nächste Tramhaltestelle zwischen Kleinseite und Burg Hradschin bzw. Haltestelle Hradčanská). In der Verlängerung der Gogolova-Straße befindet sich der Kartenverkaufsstand, der täglich ab 10h geöffnet ist. Siehe auch die web-Seite www.letniletna.cz (tschechisch)
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