53 Jahre Vorbereitung - 13. Festival der Orgelmusik endet mit Konzert von Naji Hakim

Der Prager Herbst ist da, und damit auch ein gleichnamiges Musikfestival. Man erkennt es an den zwei schnittigen Neuwagen, die die Stufen des Konzerthauses Rudolfinum verstellen. Von solchen Festivals, deren Inhalt und Ausschmckung einzig von den Werbeansprchen ihrer Sponsoren geleitet werden, hat Prag etliche zu bieten, was Wunder, gilt es hier doch im Gegensatz zu anderen Kunst-Metropolen der Welt immer noch als schick, kulturelles Engagement besonders protzig zu bekunden.

Genug davon, doch was tun? Ab in die Kirche! Üblicherweise wird in Prager Kirchen den Touristen ein schnelles Musikmenü a la McMusic angeboten, doch nicht so in der Barockkirche Sv. Jakub. Dort nämlich wurden im Rahmen des 13. internationalen Festivals Audite Organum im Wochenrythmus acht Orgelkonzerte mit Organisten aus Europa, den USA und Israel abgehalten.

Natürlich, auch Prags vielleicht schönstes, auf jeden Fall aber eigenwilligstes Gotteshaus steckt voller Werbung. Mit barocker anmutiger Wucht werben zahlreiche Figuren und üppige Gemälde um unsere Seelen, und für die Zeit dieser Konzerte überließ man die seine um so bereitwilliger der Musik und den Musikern.

Alle Zeit der Welt …

Am vergangenen Donnerstag fand das Festival seinen Abschluss mit einem Abend, an dem Olivier Messiaen, dessen hundersten Geburtstag wir diesem Jahr begehen, im Mittelpunkt stand. 61 Jahre lang war er als Organist an der Église St. Trinité in Paris tätig. Auf dem Programm stand seine Pfingstmesse aus dem Jahr 1950.

Messiaen nannte seine Kompositionen Meditationen. Wollte er sie damit besonders hochhängen oder hat er tiefgestapelt? Der zweite Satz der Pfingstmesse handelt Vom Sichtbaren und Unsichtbaren. Zu dessen Hörbarmachung verwendete Messiaen Rhythmen der indischen Musik, ließ sich von dem Gesang der Nachtigal inspirieren und arbeitete das leichte Prasseln eines Frühlingsregens als Grundton ein. Mit seinen klaren und gleichsam vieldeutigen Tonfolgen hat Messiaen vor allem eines bewiesen: Die Orgel ist der wahre Synteziser und Messiaen der einzig echte Psycho-Rocker.

Ein weiteres Zeugnis für diese Erkenntnis lieferte der Organist des Abends. Es war der im Libanon geborene und in Frankreich ansässige Musikprofessor Naji Subhy Paul Irénée Hakim - ja, soviel Zeit und Raum für die vollständigen Namensangabe muss sein, denn immerhin hatte sich dieser außergewönliche Musiker ganze 53 Jahre zur Vorbereitung des letzten Stückes, das auf diesem Festival auf dem Programm stand, Zeit genommen.

… in nur dreiundfünfzig Jahren

Auch Hakim war Organist an der Église St. Trinité in Paris, und zunächst zollte er mit seiner Komposition Am Grabmal von Olivier Messiaen dem großen Vorgänger Tribut. Danach aber überließ sich auch der Musiker ganz seiner Seele. Zwei Organisten wurden im Laufe des Festivals von den Veranstaltern um spontane Improvisationen zu einem vorgegebenen Thema gebeten, und beide, die sich darauf einließen, kamen aus Frankreich. Auch das ein Beweis für den Fortbestand einer eigenwilligen Orgeltradition aus dem Lande von César Franck, Maurice Duruflé Marcel Dupré und Olivier Messiaen. Und Naji Hakim machte dieser Tradition alle Ehre, in seiner Improvisation über den traditionell als bömischen Nationalheiligen dienenden Heiligen Wenzel ließ er Elemente aus seiner eigenen, eineinhalb Jahrtausende währenden christlich-maronitischen Musiktradition einfließen.

Auf die Frage, wie viel Zeit ihm, dem Musiker, zum Einstudieren des spontanen Werkes geblieben war, lächelte der 1955 Geborene: Dreiundfünzig Jahre. Und so wurde man mit einem klaren und gleichsam vieldeutigen Lächeln, das sich in jenem der zahlreichen Engel, Putten und Heiligenfiguren im Kirchenraum widerzuspiegeln schien, wieder in den Prager Herbst entlassen.

Informationen zum Festival und weiteren Orgelkonzerten in der Kirche St. Jakub unter: www.auditeorganum.cz

Die neuesten Beiträge von Michael Magercord

Einen Kommentar schreiben

(erforderlich)
(erforderlich)

TOPlist