Monatsarchiv für Oktober 2008

Tag X - Konzert von Hudba Praha

100_12921.JPGEs war einmal vor langer Zeit, als ich noch ein Teenager war und von Tschechien kaum eine Ahnung hatte. Zu dieser Zeit war ich auf eine Party eingeladen. Wie sich das für ein anständiges Fest gehörte, hörten wir natürlich die neuesten Charthits. Doch mitten in diesem Mix aus „I love you and you love me” brach plötzlich etwas unbekanntes, fremdes.

Jan, der Freund der Gastgeberin, und nebenbei bemerkt ein Tscheche, hatte die CD gewechselt und nun dröhnte aus den Boxen fremdländische Laute, Lieder in einer Sprache, die ich noch nie zuvor gehört hatte. Zwar konnte ich nicht versteht, wovon die Lieder handelten, doch abgesehen davon, dass da bei Musik sowieso meist nebensächlich ist, war ich spontan sehr angetan. Der Gesang der Männer in Kontrast zu dem schrillen hohen Chor aus Frauenstimmen und dem rohen Gitarrensound hatte etwas Magisches. Fasziniert lauschte ich Jans Ausführungen.

(mehr…)

Die dünne Liese und die dicken Bäuche

Retro-Rock in der Retro Music Hall – beim Konzert von Thin Lizzy passt wieder mal alles haargenau zusammen. So, wie es eben sein muss. Auf diese kleine Zeitreise begab sich Gerd Lemke (gerlem@gmx.de). (mehr…)

Prügelknabe Topolánek

Der Erfolg hat bekanntlich viele Väter, der Misserfolg ist ein Waisenkind. Nach den verlorenen Regional- und Senatswahlen muss sich ODS-Chef Mirek Topolánek so einsam gefühlt haben, dass er am Samstagnachmittag zur Pressekonferenz im ODS-Hauptquartier auf der Prager Kleinseite sicherheitshalber seinen 15 Monate alten Sohn Nicolas mitnahm. Topoláneks “Parteifreunde” Pavel Bém und Petr Bendl hielten lieber Distanz und schauten sich die für die ODS niederschmetternden Zahlen in den Räumen des Prager Magistrats an, auf der anderen Seite der Moldau.

Zu wenig Distanz für den Geschmack des tschechischen Regierungschefs hielt dagegen ein Fotograf des Boulevardblattes Blesk. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf den bei der Berufsausübung die väterliche Faust des Premiers mitten ins Gesicht, mit dem ihn ansonsten offenbar eine Duzfreundschaft verbindet. “Was fotografierst du hier? Woher nimmst du die Frechheit?!” herrschte der den Paparazzo an (Video). Eine reflexhafte Überreaktion angesichts blank liegender Nerven?

(mehr…)

Wahlweise: Tsunami oder Armageddon

Nach der Wahl ist vor der Wahl - so könnte man heute, ähnlich einem sportlichen Ergebnis, die politische Situation in Tschechien zusammenfassen. Gewiss, nicht besonders originell könnte man einwenden, aber doch treffend. Am Wochenende hatten die oppositionellen Sozialdemokraten einen erdrutschartigen Sieg bei den Kommunalwahlen eingefahren. Die regierende ODS dagegen erlitt eine verheerende Niederlage.

Doch weder ist auf der einen Seite Zeit, in lautes Triumphgeheul zu verfallen, noch kann der Wahlverlierer in aller Ruhe seine Wunden lecken. Denn Mittwoch muss sich Premier Topolánek mit seiner Koalitionsregierung der Vertrauensabstimmung im Abgeordnetenhaus stellen und am kommenden Wochenende steht die zweite Runde der Senatswahlen an, in der die Kandidaten in die Stichwahl gehen.

Für ČSSD-Chef Jiří Paroubek war es der erste Wahlsieg, seit er die Führung der sozialdemokratischen Partei im Frühjahr 2005 übernommen hat. Die befand sich nach dem quälend langen Abgang des damaligen Parteichefs Stanislav Gross in desolatem Zustand und lag in Umfragen bei nur noch zehn Prozent, Tendenz fallend. Für den seit jeher unterschätzten Mirek Topolánek dagegen bedeutete das Wahlwochenende das Ende einer langen Serie von Wahlsiegen. Er selbst wird nicht müde, dies anders akzentuiert zwar, aber doch zu betonen.

(mehr…)

Moffom! Das Musik-Film-Festival

moffom1.jpg

Moffom? Music on Film, Film on Music. Im Kino Lucerna wird es still, die kunstvoll verzierten Wände versinken im Dunkeln, die Leinwand erleuchtet. Zum 5. Mal zeigte das „international festival of music films“  in Prag Dokumentationen, Kunstfilme und Live-Performances rund um Film und Musik.

Unter 58 Events lockten hochwertige Produktionen, Studentenpreise und Themen weitab vom Mainstream. Die Jury kürte Maciej Pisarek’s polnischen Film “SOLO” zum  Festival Gewinner. Publikumsliebling ist “Gogol Bordello Non-Stop”, der Kinosaal verwandelte sich schon bei der ersten Vorführung nahezu in einen tanzenden Nachtclub.

(mehr…)

Exit 89 - Interview mit Martin Becker

Martin Becker, Ko-Autor des Librettos der tragischen Operette EXIT 89, zu Fragen des Gedächtnisses, zur Zusammenarbeit mit tschechischen Künstlern und zu Träumen von Ausfahrten.

exit8917101.jpg

(mehr…)

Wie finde ich in Erasmus-Woche Nr. 1 zurecht

dokumente2.jpg
Willkommen in Prag! Der Stadt der Tausend Türme, des Nebels und des Biers. Wer jetzt schon hierher gefunden hat, darf sich freuen. Allen anderen: Viel Freude bei der Reise. Die erste Woche eines Erasmus-Studenten entpuppt sich als purer, organisierter Stress.

Nicht genug, dass man sich in einer neuen Umgebung befindet, mit einer solch’ merkwürdigen Sprache wie dem Tschechischen. Nein, auch an der Uni finden sich höchst dubiose und äußerst veraltete bürokratische Umstände. Hier ein paar Tipps, wie man diese meistert, des Anstehens Herr wird und sich zurecht findet.

(mehr…)

Eine Reise nach Prag beginnt

zug21.jpg
„Willkommen bei der tschechischen Bahnverkehrsaktiengesellschaft“

Es ist zu spät. 9:05 Uhr. Stau auf der Autobahn A66 Richtung Frankfurt am Main. Im Kofferraum gefühlte 100 Trillionen Liter Gepäck. Pullover, T-Shirts, Schuhe. Fotos, Romane, meine grün-weiß gestreifte Kochschürze. Parkplatz in Sicht, Sprint Richtung Gleis. Ich sitze im ICE 1557.

Mein Sitznachbar riecht nach Aftershave und verspricht mir sechs Mal vorwurfsfreies Aufstehen bis Weimar. So langsam dämmert mir, was es bedeutet, dass ich in die Bahnagentur marschiert und mein Ticket gefordert habe: „Einmal Prag, One-Way bitte!“
(mehr…)

Wie Klavier und Violoncello dem Verpackungsbetrug trotzen

Martinu CoverEin tristes, allerdings auch schönes Bild der Pariser Seine auf dem Cover der neuesten Einspielung des Cello-Klavier Duos Jamník/Kahánek – wenn das man nicht schon den Tatbestand des Verpackungsbetruges erfüllt.

Denn die Musik, die wir auf diesen Aufnahmen vom April 2008 hören, spielt in Böhmen, Mähren und der Slowakei. Es sind Kompositionen von drei tschechischen Komponisten aus dem 50er Jahren, zwei späte Werke von Bohuslav Martinů, und jeweils ein Frühwerk der Ende der 20er Jahre geborenen Petr Eben und Luboš Sluka. Meisterhaft stehen alle diese Stücke für das, was die tschechische Tonkunst bis heute auszeichnet: Die Verbindung traditioneller Wurzeln mit neuesten Kompositionstechniken und der Mut zum komplexfreien Zugriff auf bestehende Schemata aus der reichen Folklore, der nicht durch einen zwanghaften Trieb zum Bruch mit allen Hörgewohnheiten seiner Mitmenschen getrübt wird.

(mehr…)

TOPlist