Exit 89 - Interview mit Martin Becker

Martin Becker, Ko-Autor des Librettos der tragischen Operette EXIT 89, zu Fragen des Gedächtnisses, zur Zusammenarbeit mit tschechischen Künstlern und zu Träumen von Ausfahrten.

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Sie sagen, dass Exit 89 eine Geschichte über das Gedächtnis sei. Bisweilen reicht die Geschichte zurück bis in das Jahr 1968, also eine Zeit, an die sich weder sie, die Autoren des Libretto, noch der Komponist Michal Nejtek erinnern können. Wie haben sie sich dazu gemeinsam verhalten? War ihre Wahrnehmung dieser Jahre ähnlich?

Wir haben versucht, ganz bewusst zu schauen: Was ist aus der Zeit noch präsent. Das Ziel war es nicht, zu sagen: Wir lesen jetzt drei, vier Bücher über 68 und 89 und machen daraus eine bunte Parade der Geschichte. Vielmehr haben wir probiert, zu schauen, was an Wichtigem von damals noch heute präsent ist. Unsere beiden LKW-Fahrer-Hauptfiguren sind ja seltsame Wiedergänger von Dubcek und Dutschke. Ich konnte beispielsweise viel über Dubcek lernen – und somit auch mehr über die Geschichte der Tschechoslowakei, vieles war mir als im Westen Aufgewachsener vor allem aus dieser Perspektive überhaupt nicht klar. Kurzum, wir haben nach Figuren gesucht, die unsere nervöse Gegenwart mit der schwer wiegenden Vergangenheit verbinden. Das war letzten Endes sogar schwieriger, als wenn wir über selbst Erlebtes geschrieben oder uns an Büchern orientiert hätten.

Und wie war das mit den deutsch-tschechischen Beziehungen? Inwiefern hat die Zusammenarbeit mit tschechischen Künstlern ihre Sicht der Dinge beeinflusst?

Die deutsch-tschechischen Beziehungen florierten in der Zeit des Schreibens! Wir haben immer eine Stunde an „Exit 89“ gearbeitet, um uns dann mit drei Stunden Kneipe zu belohnen. Dabei haben wir viel erlebt, was teils direkt in „EXIT 89“ eingeflossen ist, aber was genau, das sollte unser deutsch-tschechisches Geheimnis bleiben. Grundsätzlich beeinflusst man sich schon enorm! Im Fall von Jaroslav Rudis und mir geht das sehr weit. Er liebt beispielsweise den frischen Wind aus dem „Westen“, also so die jüngeren, deutschen Autoren der Gegenwart, die für mich oft sehr langweilig sind. Ich hingegen bin ein großer Bewunderer der bafelnden Tschechen geworden, Bohumil Hrabal, Ota Pavel und andere. Und so ist das auch mit dem Schreiben: Wir bewundern aneinander verschiedene Dinge, verschiedene Eigenschaften, und so verändert sich auch die eigene Sicht der Dinge, erweitert sich der Blick. Und dann arbeitet man mit neuem Blick wieder eine Stunde am Text, bevor man zum nächsten Pilsener übergeht.

Als Sie das erste Mal vom Auftrag zu diesem Stück erfahren haben, sind da sofort konkrete Bilder in Ihnen entstanden, was es dort unbedingt braucht, oder waren lange Überlegungen notwendig?

Die konkreten Bildern waren relativ schnell da. Eine Autobahnraststätte. Einige komische Typen. Ein Stück über gelebte Geschichte an einem Ort, wo man es nicht erwartet. Kein Hochglanz, keine übertriebene Poesie. Es war teils eine verdammt schwierige Arbeit, auch wegen der Form der Oper. Wir hatten große Krisen und große Erfolgserlebnisse, wir haben uns produktiv gestritten und vertragen und schließlich Lösungen für unsere inhaltlichen Fragen gefunden – kurz, die ersten Ideen kamen sehr schnell, die Umsetzung war manchmal höllisch langsam und kompliziert.

Sie arbeiten das erste Mal im Theater Archa. Welchen Einfluss hat der neue Raum auf Ihre Arbeitsweise?

Man arbeitet ja gewissermaßen im Kollektiv aus Autoren, Schauspielern, Regisseur. Das war schon eine neue Erfahrung. Der Text verändert sich schon sehr stark beim Proben, tritt in neue Dimensionen ein – aber so muss das ja eigentlich an einem gegenwärtigen Theater sein. Egal, ob es einem gefällt oder nicht: Die Arbeit ist eine stete Entwicklung, ein steter Fluss. So eine Dynamik fällt den deutschen Theatern eher schwer, habe ich so den Eindruck. Das Archa ist ein guter Ort, der einem aber auch viel Energie abverlangt – aber letztlich, glaube ich, lohnt sich der Einsatz – denn auch, wenn es wahrscheinlich für alle ein anstrengendes und anspruchsvolles Projekt ist: Alle profitieren künstlerisch.

Was - außer dem Raum – ist bei EXIT neu für Sie? Haben Sie Erfahrungen mit einer Aufführung, bei der die Musik eine solch große Rolle spielt?

Es ist eine neue Erfahrung. Vergleichbar ist es nur mit meiner Arbeit im Hörspielbereich: Dort gibt es auch Originalkompositionen, die mit dem Text zusammengebracht werden. Aber so ganz direkt ist das nicht vergleichbar. Jetzt gerade arbeite ich mit einem Berliner Komponisten an einem neuen Projekt – allerdings in kleinerem Rahmen als EXIT 89. Ansonsten war fast alles neu für mich: Ich habe noch nie zweisprachig gearbeitet, ich habe noch nie meinen Text am Ende der Proben so radikal anders gesehen, weil er natürlich von Schauspielern, Regisseur, Dramaturg ein anderes Gesicht bekommen hat, ich habe auch noch nie eine Notrufsäule auf der Bühne gesehen – aber darüber darf ich nichts sagen, das muss man sich anschauen.

Halten Sie bisweilen am Exit 89?

Manchmal, wenn es draußen regnet und man ein wenig verkrümmt im Bett liegt, dann halte ich unter anderem am Exit 89. Das sind manchmal schwere, manchmal schöne, manchmal seltsame Träume. Aber inspirierend sind sie immer.

Interview und Foto (Eine Kugel im Kopf ist die beste Droge.): © Divadlo Archa


EXIT 89 - eine tragische Operette: Horror mit menschlichem Antlitz
Premiere: 22. Oktober 2008, weitere Aufführungen am 23. und 24. Oktober 2008, jeweils 20.00 Uhr im Theater Archa

Links:
www.archatheatre.cz
www.68-89.net

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Eine Reaktion

17. Oktober 2008, 22.05 Uhr [1] Francesco Sinibaldi sagt:

Regalando el amor.

Con el sonido
de las aves
siento triste
mi deseo, el
honor de la
tristeza y una
dulce cantinela.

Francesco Sinibaldi

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