Die dünne Liese und die dicken Bäuche
Retro-Rock in der Retro Music Hall – beim Konzert von Thin Lizzy passt wieder mal alles haargenau zusammen. So, wie es eben sein muss. Auf diese kleine Zeitreise begab sich Gerd Lemke (gerlem@gmx.de).
Thin Lizzy spielt in Prag! Als ich diese Nachricht im Internet fand, reagierte ich tatsächlich spontan – und rief meine Lebensbegleiterin an. Sie befand sich nämlich gerade außer Hauses, genauer gesagt in dem Teil der Stadt, wo das Leben pulsieren soll, nämlich in der Innenstadt. Überraschend teilte sie meine Begeisterung nicht, sie kannte nicht einmal diese Band – was wiederum auch nicht so erstaunlich war, da deren größte Zeit auch vor der Geburt meiner Lebensbegleiterin lag. Doch die Beatles, die kennt man doch heute auch noch, selbst bei der jüngeren Generation oder nicht? Auf einen Besuch des abendlichen Konzertes wollte sie sich nicht einlassen, wahrscheinlich misstraute sie meinem Musikgeschmack dafür zu sehr, doch versprach sie, bei einer Kartenvorverkaufsstelle vorbeizuschauen. Und brachte mir tatsächlich eine Eintrittskarte mit. Ich kramte noch schnell in meiner Plattensammlung und konnte tatsächlich das live-Doppelalbum finden und spielte ihr einige Stücke vor. Nach dem üblichen Gitarrenkrach waren es aber insbesondere die langsameren Nummern, die ich ihr anzupreisen wusste. Doch letztendlich war es vergebliche Liebesmühe, die Fotos auf dem Cover machten den guten Eindruck zunichte, die siebziger Jahre waren modisch einfach nicht gerade als erlesen zu bezeichnen.
Ich musste also alleine gehen und zerbrach mir den Kopf, was ich denn dazu eigentlich anziehen sollte. Lange Haare hatte ich nicht und konnte sie mir auf die Schnelle auch nicht wachsen lassen. Weder zieren eine Stirnglatze noch sonst lichte Stellen mein Haupt und rasieren wollte ich es für dieses eine Konzert auch nicht. Als Bekleidung wählte ich eine Jeans mit eingebauten Rissen und ein einfarbiges Hemd aus dem hintersten Winkel Siebenbürgens. Meine großkarierten Arbeitshemden hatte ich bei meinem vorletzten Ortswechsel zurückgelassen. Dort hat sie dann wohl der Frontman von Thin Lizzy gefunden und in seinen Outfit-Fundus aufgenommen – anders kann ich es mir nicht erklären, warum sie plötzlich auf der Bühne wieder auftauchten. Aber ich greife vor. Dazu schwarze Lederschuhe mit dünner Sohle und klackerndem Absatz – es ging gerade so. Als Clou des Abends umgab mich eine mächtige Knoblauchfahne, gegen die nur der massive Einsatz von Bier helfen konnte. Ich war überzeugt, dass ich an diesem Abend mit niemanden ins Gespräch kommen würde, außer mit dem Barmann beim Aufgeben einer Bestellung.
Doch ich irrte mich, kaum hatte ich den Raum betreten und schnell realisiert, dass dort vorne wohl eine Vorgruppe spielte, wurde mir die entscheidende Frage gestellt: Víš, jak se jmenuje ta kapela? Und das noch, bevor ich meine Knoblauchfahne mit etwas Biergeruch abrunden konnte. Leider konnte ich dem Frager bei seinem Problem nicht weiterhelfen und so erstickte das angebrochene Gespräch recht bald. Noch heute geht mir diese Frage im Kopf herum, wie hieß wohl die Vorband, die einen glasklaren, astreinen Bluesrocksound aufführte und deren Sänger mich entfernt an John Belushi erinnerte, wenn dem die Haare ausgefallen wären.
Ich blickte mich mit einem Bier in der Hand erst mal etwas im abgedunkelten Raum um. Mein erster Schock: Hier sind ja gar keine Frauen! Das, was von hinten wie ein weibliches Wesen ausgesehen hatte, entpuppte sich von vorne als kleinwüchsiger Mann mit langen Dauerwellen. Beim Erwerb eines weiteren Bieres stieß ich dann doch noch auf einen XX-Chromosom-Träger, also eine Trägerin dieser wichtigen Erbinformationen. Sie zückte eine riesige Geldbörse, in der deutlich sichtbar die Fotos ihrer bereits erwachsenen Söhne steckten und bezahlte ihren Redbull. Meine prophylaktische Einnahme von erregerbekämpfendem Knoblauch schien mir keine Nachteile einzubringen.
Überhaupt, was haben eigentlich diese Zuschauer, die meist irgendwo herumsaßen, in den siebziger Jahren getrieben? Hatten sie hinter dem eisernen Vorhang gehockt und versucht, den aktuellen Musiktrends durch das Radio des Bayerischen Rundfunks zu folgen? Einige sahen aus wie wohlverdiente Rocker mit enormen Bierbäuchen. Es passierte mir an diesem Abend des öfteren, dass mich Zuschauer irrtümlich anstießen, weil sie die Tragweite ihres Körperumfangs in der Enge falsch eingeschätzt hatten. Harte Kerle, dachte ich mir, der eine oder andere hat sicherlich auch jemandem auf dem Gewissen. Dort standen zwei, die wohl beide das gleiche Toupet trugen, so exakt und gleichförmig saßen die Haare. Beide betrieben wahrscheinlich eine Autowerkstatt.
Es wurde aber erstaunlich wenig geraucht – was mir nicht unangenehm war. Die Wege zur Lunge waren wahrscheinlich schon genügend asphaltiert, so dass sich die Mühe nicht mehr lohnte. Nun fing Thin Lizzy endlich auch an und ein beifälliges Grummeln ging durch die Menge. Wie auf meiner Live-Platte begannen sie mit „Jailbreak“ – da kamen im Publikum sicherlich sentimentale Gefühle auf. Tatsächlich schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Wenn man nicht zu genau hinblickte, erkannte man unter den ewig langen blonden Matten gar nicht das wahre Alter der Bühnenbesetzung. Routiniert machte der Frontman die üblichen Rockgesten, lobte Prag, sagte glaube ich „dobrý večer, Praho“ und erntete dafür frenetischen Beifall. Es ist wirklich faszinierend, wie gut das immer klappt, egal bei welcher Veranstaltung, egal in welchem Rahmen. Sobald jemand ein Wort tschechisch herausbringt, bricht grenzenloser Jubel aus. Warum ist mir bis heute nicht recht klar. Es scheint da so eine Reaktion zu sein wie das Anstimmen der Nationalhymne beim Konzert der Söhne Mannheims vor zwei Jahren. Auf die Bühne gebeten, ein Lied zu singen, auf dessen Grundlage die Band dann improvisieren könne, fielen der böhmischen Schönen spontan die Verse ein, die danach fragen, wo denn die Heimat nun wäre. Während ich diese Zeilen schreibe, sausen die Düsenjäger über meinem Kopf, um zur Militärparade am Nationalfeiertag beizutragen.
Auf solche Mätzchen verzichtete Thin Lizzy aber vollends und spielte routiniert das Repertoire herunter, Gitarrensoli, eingängige Melodien, schmissige Rhythmen. Ein wenig peinlich wurde es dann aber doch noch, denn das obligatorische fünfminütige Schlagzeugsolo, während dem die anderen Musiker die Bühne verlassen können, stand an. Tja, liebe Freunde, wir können einfach nicht mehr so tun, als habe es Techno, Breakbeat, Drum ´n´ base nie gegeben und uns dem Wirbeln von Tier aus der Muppet-Show noch einmal gänzlich hingeben. Hier liegt nun der Beweis: Hardrock ist doch irgendwie Musik von gestern.
Dennoch, für mein Empfinden viel zu früh beendete Thin Lizzy den Auftritt, ich könnte schwören, dass ich einige Klassiker nicht gehört habe. Wenn Iggy Pop nach etwas mehr als einer Stunde von der Bühne hüpft, ist das in Ordnung, denn der alte Sack hat ja auch sichtlich alles gegeben. Wenn Thin Lizzy dasselbe tun, bleibt leider ein etwas schaler Geschmack zurück. Was soll´s, als das Licht anging, habe ich dann doch noch ein paar Weibchen ausmachen können, nicht nur die Leoparden-Katze mit den fülligen Hüften neben mir, die sich ihrem Galan nochmals in ganzer Wildheit präsentierte. Alle waren aber gut bewacht und abgeschirmt. Sagte ich alle? Ach ja…
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