Und dem Haifisch fehlen Zähne
Im Rahmen des 13. Theaterfestivals deutscher Sprache eröffnete Brechts „Dreigroschenoper“ offiziell das Programm. Die vieldiskutierte Inszenierung des Amerikaners Robert Wilson betrachtete Gerd Lemke (gerlem@gmx.de).
Wenn draußen das Wetter garstig wird und die kitschige Beleuchtung der Weihnachtsmärkte noch einige Wochen auf sich warten lässt, ja, dann erwärmt das Theaterfestival der deutschen Sprache das Gemüt. In diesem Jahr, dem 13. Jahrgang, steht das universelle Motto „Frau und Mann“ über den Bühnenaktivitäten. Das erste Wort hatte dann auch eine Frau, nämlich die österreichische Dichterin Friederike Mayröcker, noch bevor das Festival eigentlich eröffnet wurde - mit zwei Männern, nämlich Bert Brecht in der Inszenierung von Robert Wilson. Die Dreigroschenoper also war es, welche den Rahmen für die feierlichen Eröffnungsreden mehrerer Männer gab: Helmut Elfenkämper, Botschafter der Bundesrepublik Deutschland; Tomáš Jelínek vom Deutsch-tschechischen Zukunftsfonds und dazwischen ein Sektionsdirektor vom Tschechischen Kulturministerium, der eine wahrlich kuriose Ansprache hielt. Auf die Worte von František Zborník müsste man eigentlich noch einmal gesondert eingehen, zweifelsohne stellten sie bereits einen Höhepunkt des Festivalgeschehens dar.
Nun zu dem Stück, vor dem der berühmte amerikanische Regisseur so viel Angst hatte, wie er vor etwa einem Jahr einer überregionalen Hamburger Zeitung anvertraute. Der Mann ist ja berühmt für seine ausgefeilten Arrangements von Bühne, Licht und Bewegung. Diesmal führte er die Zuschauer in die Ästhetik des Schwaz-Weiß, des Hell-Dunkel ein. Einzig die Henna-roten Haare einiger Damen setzten Farbtupfer, die auf die lange rote Schlepper des berittenen Boten ganz am märchenhaften Ende des Stück vorausdeuteten. Ansonsten: Kostüme in schwarz und weiß, blass geschminkte Gesichter, ein minimalistisches Bühnenbild mit ausschaltbaren Leuchtstäben, die als verschiebbare Wände mal ganz konkret Gitter darstellten, hinter denen Mackie Messer gerade saß, oder einfach nur Elemente, um welche die Schauspieler herumtänzeln mussten.
Minimalismus beim Bühnenbild sei gerade in Deutschland angesagt, erfuhr ich später. In meinen Betrachtungen wurde ich in Prags „Mozart“-Theater, dem Ständetehater, durch verdächtig regelmäßige und tiefe Atemzüge hinter mir gestört. Rechts und links sanken Köpfe auf die Brüstung nieder. Vielleicht nicht die schlechteste Taktik, waren doch drei Stunden episches Moritatentheater vor minimalistischer, d.h. enthistorisierter Kulisse angekündigt. So konnte man denn wenigstens das Ende aufmerksam verfolgen.
Ich war ja durch eine Rezension, welche ich in unser aller Lieblingsmedium, dem Internet, gefunden hatte, gewarnt worden: Das Publikum fasse das Theaterstück oder wenn man so will, die Bettleroper des Berliner Ensembles als Musical auf und klatsche ganz brav nach jeder Nummer. So geschah es denn auch in Prag, wobei natürlich die grandiose Musik von Kurt Weill hoch über allen Musical-Schnulzen thronte. Vielleicht war auch das ein Grund, warum die Inszenierung eine ganze Weile lang einfach nicht so recht in die Gänge zu kommen schien. Die Schauspieler waren weitgehend auf Bewegungs- und Gesangsmaschinen reduziert, deren Treiben durch vertonte Comic-Sprechblasen (etwa das Knirschen einer Tür) überzeichnet wurde. Man muss diese Verdeutlichungen, welche die Mängel des minimalistischen Bühnenbildes wettmachten, nicht unbedingt mögen. Auch nicht die Anspielungen auf die Stummfilm-Ästhetik einer expressionistischen Epoche. Einen wohltuenden Kontrast zu dem uns bevorstehenden Kitsch der Weihnachtsmärkte bildeten sie aber sicherlich.
Nach der sehnlichst herbeigewünschten Pause ging dann alles ganz schnell, die zweite Verhaftung Mackie Messers, der Verrat der Kumpane und die drohende Exekution, vor der uns der barmherzige BB durch ein Märchenende bewahrt hat. Diejenigen, die geblieben waren, zeigten sich weitgehend begeistert, ich war es nicht vollends. Was fängt man denn nun eigentlich mit dieser Handlung von Brecht an, die einen Ausflug ins Bettlermilieu verspricht, sich dann aber weitgehend bei Kriminellen aufhält und einige moralische Grundsätze in Frage stellt? Belässt man es beim Absingen von solchen evergreens wie „Und der Haifisch, der hat Zähne…“ oder solchen oft verwerteten Zitaten wie „erst kommt das Fressen, dann die Moral“, „doch für dieses Leben ist der Mensch nicht gut genug“?
Mir ist leider nicht recht klar, was Wilson eigentlich mit seiner Inszenierung sagen wollte bzw. ob er überhaupt etwas sagen wollte – oder aber, einfach nur eine zeitlose Version des Stoffs zurückgelassen hat, von der der Zuschauer, entgegen aller auf der Bühne ausgesprochenen Absichten, nichts lernen kann. Aber das liegt dann möglicherweise auch an der Historizität des Stoffs, den Wilson sicherlich nicht mit aktuellen Bezügen angereichert hat.
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