Viel Lärm um nichts
Das Beste haben sie sich für den Schluss vorbehalten, die Organisatoren des Theaterfestivals deutscher Sprache. Die Shakespeare-Inszenierung des Burgtheaters Wien erntete großen Applaus im Prager Nationaltheater. Und das war weit mehr als „Viel Lärm um nichts“, findet zumindest Gerd Lemke (gerlem@gmx.de).
Zugegeben: Allen Verantsaltungen konnte ich nicht beiwohnen, doch der Abschluss des anderthalbwöchigen Festivals war der Höhepunkt – behaupte ich. Leichte Muse leicht und schwungvoll serviert, so schließt man gerne ein Wochenende im nebligen November ab. Jan Bosses Inszenierung von „Viel Lärm um nichts“ war eindeutiger Punktsieger gegen jene andere Großproduktion im Rahmen des Festivals. Gegenüber Robert Wilsons Berliner „Dreigroschenoper“, der jener Schwung und jene Leichtigkeit abging, mit welcher die Wiener Truppe furiose zwei Stunden gestaltet hat. Brechts episches Theater schwingt schon mal überdeutlich den didaktischen Rohrstock. Shakespeares zeitloser Stoff von den Irrungen und Wirrungen der Liebe und dramatisch eingreifenden Intrigen ist so häufig durchexerziert worden, dass man dieses Stück nicht mehr tatsächlich ernsthaft spielen kann.
Die Elemente des Illusionsbruchs wirkten hier keineswegs aufgesetzt, sondern verliehen dem Geschehen die nötige Leichtigkeit: Ob die Schauspieler über die Bühne hinausspielten, sich sichtbar im Bühnenhintergrund umzogen, nicht einmal das Anlassen der Publikumsbeleuchtung wirkte aufgesetzt und gewollt modern. Die bewusste Ausweitung des Theaterraumes waren ein Quell der Komik. Zunächst befüchtete ich, dass die Darbietung der Schauspieler allzu sehr in das Karrikaturhafte abdriften würde, doch hielt sich deren Spiel genau auf der Grenze zwischen Ernst und Komik, wie auch der antiquierte Text und die umgangssprachlichen Passagen. Die Inszenierung wirkte wie aus einem Guss und die Schauspieler hatten sichtlich Vergnügen daran.
Gelungen war auch die Darbietung der Münchner Kammerspiele im Festivalprogramm. Doch auch eine Woche nach der Aufführung ist mir noch nicht klar, warum man eigentlich einen Film, Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“, auf der Bühne nachspielen muss. War es eine Fingerübung eines Regietalents (Thomas Ostermeier), das zeigen wollte, wie man die Möglichkeiten des Films auf die medialen Bedingungen der Bühne umsetzt? Indem man einen Bühnenraum schafft, dem außer den typischen Fünfziger-Jahre-Ohrenstühlen jegliche Spezifität fehlt? Schauspieler spielen mehrere Rollen, wobei sie manchmal gerade unpassend gekleidet sind, denn mit den Rollen wechseln sie auch schon mal die Geschlechter. Oder simulieren einen Bahnsteig, indem ein Schauspieler eine Handnebelmaschine herumschwingt? Diese Kaspereien gingen zwar auf, doch ohne Projektionen kam auch Ostermeier nicht aus, wobei der Einsatz einer web-cam sowie gleichzeitiger Projektion immerhin ausdrucksstark waren. Doch bleibt für mich die Frage: Warum wollte man dieses Drama um den Aufstiegswillen einer Frau im unmittelbaren Nachkriegs-Deutschland unbedingt auf der Bühne verdoppeln?
Das Thema „Frau und Mann“ überstrahlte das Festivalprogramm, plausibel wurde dieser Titel beim Ernst Jandl-Leseabend aber nicht. Der luxemburgische Schauspieler André Jung kämpfte sich auf der Bühne durch einen Wust fliegender Blätter. Amüsant und kurzweilig waren die Tiraden in Infinitiven, um ein Pseudo-Ausländerdeutsch zu imitieren, oder die alten Tabuverletzungen um Fäkalwortschatz oder inhaltloses Behaupten schon. Doch wirkt das heute nicht ein wenig antiquiert? Zumindest für diejenigen, die keine ausgesprochenen Jandl-Freunde sind und nicht, wie ich selbst, sofort Jandls Neuschöpfung des „Jantel“, einer Mischung aus Jacke und Mantel, in den aktuellen Sprachgebrauch übernehme. Nun ja, auch dem Unsinn sein Recht, gedankt sei der Leitung des Theaterfestivals.
Die neuesten Beiträge von Gerd Lemke
- Václav Klaus, Spielverderber Europas - 03.01.2009
- Neujahrsansprache des Präsidenten - 01.01.2009
- Und dem Haifisch fehlen Zähne - 02.11.2008
- Die dünne Liese und die dicken Bäuche - 28.10.2008
- Drahtseilakt in Stöckelschuhen - 30.08.2008
- EM-Kolumne: Deutschland feiert sich selbst - 30.06.2008
- EM-Kolumne: Spanien mausert sich zur großen Turniermannschaft - 27.06.2008
