Verantwortung für Schall und Rausch
Wochenausblick auf das Prager Kulturleben
Das reiche Kulturangebot in Prag übersteigt jede Möglichkeit der Wahrnehmung. Für jeden etwas, heißt es ja immer beschwichtigend, wenn niemand mehr einen Überblick hat. Habe ich auch nicht, trotzdem muß man eine Auswahl zu treffen. Aber wie?
Ein wenig Orientierung verhieß letzte Woche ein Vortrag. Im Institut Français diskutieren Antoine Garapon, einstiger Chef der Liga der Menschenrechte, und Šimon Pánek, Direktor der größten tschechischen NGO Človek v tísni über den Zusammenhang von Wirtschaft und Menschenrechten und warben in Anbetracht der globalen Lage für eine verantwortungsbewußte Rolle der Konsumenten. Unwillkürlich fragte sich der gequälte Prager in Anbetracht des täglichen Anblicks des globalen Massentourismus und seinen kulturnivellierenden Auswirkungen, wie es da um die Verantwortung eines Kulturkonsumenten steht?
Ein Musiker aus der indonesischen Kulturhochburg Solo umschrieb die Verantwortung der Klangerzeuger einmal so: „Wir Menschen haben weder Einfluß auf die Zeit, in der wir leben, noch auf den Raum, in dem wir leben, aber wir Menschen sind im vollen Umfang verantwortlich für die Geräusche, die Töne und den Klang, den wir in die Welt bringen, und somit auch für deren Mißklang, den Krach und Lärm, und damit wiederum für den Zustand der Welt, oder gäbe es Kriege und Umweltzerstörung, wenn wir immer auf die Schönheit des Klangs, der uns umgibt, achten würden?“ Da hat er natürlich recht, doch beschränkt sich die Verantwortung des Musikkonsumenten wohl zunächst auf die Wahl dessen, was er hört, und bleibt dabei auch immer abhängig von jenen, die für die Klänge sorgen.
Und da bietet sich diese Woche nun noch eine unvergleichliche Chance: Einen Blick in die Werkstatt der Klangerzeuger nämlich erlauben die alljährlich von den Komponistenvereinigungen Prag und Ostrau durchgeführten „Tage der zeitgenössischen Musik“. Uraufführungen der sogenannten Neuen Musik stehen auf dem Programm, Schönes und weniger Gelungenes wird präsentiert, immer aber Interessantes, hat das hiesige Musikschaffen doch die Kategorie Schönheit noch nicht aus dem Kanon der Moderne gestrichen. Letzte Woche ließen vor allem zwei Klarinetten-Komposition aufhorchen, einmal als Klavierduo von Jan Vičar, und zum anderen als Quartet mit Baßklarinette vom Ostrauer Edvard Schiffauer mit den Satzbezeichnungen: Mährisches Kraut, Geselchtes, gefüllter Pfannkuchen, Slivowitz und Mohnkuchen.
Donnerstag, 13.11. werden das Festival mit einem Konzert im Martinu-Saal der HAMU abgeschlossen. Ein neues Werk des gerade 80 Jahre alt gewordenen Filmkomponisten Luboš Sluka steht am Beginn des Programms, die Neuaufnahme seiner frühen Sonate für Cello und Klavier durch Tomáš Jamník und Ivo Kahánek hat in diesem Herbst bereits für große Aufmerksamkeit gesorgt. Dazu wird das Talich-Kammerorchester unter der Leitung von David Lukáš noch fünf neue und allerneueste Stücke zur Uraufführung bringen. Und das alles für nur 50,- Kronen.
Am 15.11. spielt das Gitarren Akustik-Duo Michal Šinka und Miroslav Nosek im Divadlo U hasičů, wobei sich letzterer besonders als Gitarrist und Stückeschreiber der jungen Jazzformation Nočni Optika hervorgetan hat. Suburbaner Jazz soll das sein, irgendwie gerade schon metropol und doch noch mit der Natur verhaftet, oder vielleicht sogar umgekehrt, noch urban und schon Natur, wenn das man nicht richtungsweisend ist, zumindest aber ist es gut böhmisch.
Einen Tag später, am 16.11., kommen im Rahmen des Festivals des Melodramas mit Texten und Musik des Autors Burian die Liebhaber des Wort-Rezitals mit Musikuntermalung auf ihre Kosten - eine Geschmacksache, hierzulande aber noch immer intensiv gepflegt, dieses Mal im Pallfy-Palast um 18.30 Uhr.
Selbst wem der Starkult in der Klassik schon Überhand nimmt, sollte am 18.11. eine Ausnahme machen, und dem 39jährigen russischen Pianisten Boris Berezovski im Rudolfinum eine Chance geben, auch wenn sein Programm mit Beethovens Apassionata und der h-moll Sonate von Liszt eher hausbacken daherkommt.
Berezovski spielt ohne Mätzchen und besonnen, was vor allem Liszt gut tun kann und vielleicht dessen meditative Seite, die er in seinen Orgelwerken offenbart hat, auch auf dem Klavier zur Geltung bringt. Schön wär’s ja mal.
Und am 20.11. zeigt im Duncan-Centre für Tanzkunst die Balettgruppe „Nanohach“ ihr Zwei-Personen Stück Sychronicity. Die Britin Philippa White und der Choreograph Michal Záhora loten darin alle Gefühlslagen einer Beziehung aus, inklusive Seitensprung, der dann auch von der Tänzerin an einem männlichen Zuschauer, der sich nichtsahnend in die erste Reihe gesetzt hat, vollzogen wird. Allerdings nicht im übertragenden, sondern im wortwörtlichen Sinne, handelt es sich doch um eine, wenn auch moderne, so doch höchst anspruchsvolle Balett-Aufführung, die mit überraschenden Körperwahrnehmungen aufwarten kann - unbedingt wahrnehmen!
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