Entropa-Skandal: Prädikat öde

Die ersten drei, teilweise wilden Wochen der tschechischen Ratspräsidentschaft sind vorbei sind.Gas gibt es vielleicht kommende Woche und Israel wird mit der Lösung des Gazastreifen-Problems wohl doch eher auf Barack Obama und Hillary Clinton als auf Karel von Schwarzenberg und Nicolas Sarkozy warten. Zeit also, sich durch künstl(er)i(s)che Skandale von der rauhen Wirklichkeit ablenken zu lassen, findet Gerd Lemke (gerlem@gmx.de).

Dafür sorgt derzeit in Brüssel der Künstler David Černý mit seiner Installation Entropa. Er gibt den Medien Futter und die springen dankbar darauf an. Auch wenn vereinzelte Stimmen enttäuscht ausrufen, das sind ja nur billige Klischees, ist der Skandal da. Und der Künstler hat sein Ziel erreicht: Aufmerksamkeit erregt.

Ein Wort vorab: Bekannt wurde Černý kurz nach der Samtenen Revolution, als er einen sowjetischen Panzer rosarot anstrich. Desweiteren setzte er einen Trabi auf vier Beine, dieses Werk steht mittlerweile als Bronzefigur im Garten der deutschen Botschaft Prag. Dann hängte er eine Nachbildung des Wahrzeichens des Wenzelsplatzes in die Prager Lucerna-Passage. Allerdings setzte er Wenzel, den Schutzheiligen Tschechiens, auf ein nach unten hängendes Pferd, dessen herabhängende Zunge eindeutig von seinem Ableben zeugte. Auch die kletternden Kleinkinder auf dem Fernsehturm im Prager Stadtteil Žižkov gehen auf seine Rechnung.

Was man von David Černý also erwarten darf: Das Spiel der Provokation mit kinderleicht zu verstehenden Symbolen. Bulgarien jedoch fühlte sich vom Künstler im wahrsten Sinne beschissen und angepisst, so dass die Darstellung dieses Landes als türkisches Klo verdeckt werden wird. Provokation also gelungen. Ansonsten finden wir jedoch in der Installation häufig Einfallsloses: Deutschland bedecken Autobahnen, die nicht erst auf den zweiten Blick an ein Hakenkreuz erinnern. Dänemark setzt sich aus Legosteinen zusammen, Italiens Stiefel ist ein Fußballfeld. Über Frankreich hängt ein Banner mit dem Wort: grève – Streik. Belgien ist eine Pralinenschachtel.

Selbst die Mystifikation des Werks – angeblich haben Künstler aus den jeweiligen Ländern die einzelnen Bestandteile geschaffen – ist eher zum Gähnen. Nun hat Černý zugegeben, er habe alles selbst gemacht. Hand aufs Herz, wer sich die Installation angeschaut hat, hat doch gleich den einheitlichen Stil gesehen.

Was wirklich interessant an dem Kunstwerk ist: Wie stellt David Černý eigentlich sein eigenes Land dar? Als schwarzen Fleck mit einer weißen Umrandung, über den Aussprüche von Staatspräsident Václav Klaus flimmern. Aha, sehr originell. Das schwarz-weiß-Bild mit “Europas Staatsfeind Nr.1″, wie die französiche Tageszeitung Le Figaro anfang des Jahres schrieb. Das passt perfekt ins Bild zu der dämlichen Zuckerwürfel-Kampagne vor der Übernahme der Ratspräsidentschaft und zu dem Pseudo-Skandal, den Präsident Václav Klaus wegen harmloser 25 Sekunden im Tschechischen Fernsehen gemacht hat (You need to a flashplayer enabled browser to view this YouTube video ). Die Kommentatorstimme: „Eine kleine Lockerungsübung des Präsidenten vor seiner Neujahrsansprache.“ Folge: Umgehende Klage der Burg gegen den öffentlich-rechtlichen Sender, nachfolgende Entschuldigung und sofortiges Entfernen der inkriminierten Szene aus dem Archiv. Sinn für Humor gibt es wohl doch nur, wenn man über andere lacht.

Zusatz: Einige Stunden nach der Abfassung dieses Artikels meldete sich auch das Tschechische Fernsehen im Fall Entropa zu Wort. In der Sendung “168 hodin”, dem Wochenrückblick. Das ist genau die Sendung, welche zwei Wochen zuvor den Präsidenten bei seinen Lockerungsübungen zeigte. Nun hieß es dort gleich, Europa, also die EU, verlange von Tschechien, das Kunstwerk zu entfernen. Und zu diesem Thema wurden auch die Fachleute der Nationalgalerie und der Galerie Rudolfinum vors Mikrophon gezerrt, um sich gegen die Zensur der Kunst zu verwahren. Lächerlich.

Einzig Bulgarien hat sich beschwert und die tschechische Regierung hat sich umgehend entschuldigt. Nun schiebt sie allmählich das Argument der künstlerischen Freiheit nach. Nachdem auch David Černý seinen Rückzieher gemacht hat. Um es einmal im simplen Tschechisch zu sagen (selbst unter der Gefahr, einige čárky falsch zu setzen und měký und tvrdý i zu verwechseln): Řeknu někomu do tvaři, že je hajzl, dostanu buď hned přes hubu nebo ten požádá satisfakci. Nic víc, nic mín, o žádné omezení umění nejde ani o cenzuru. A když to není fizická osoba ale země probíhá zaležitost na jiné úrovní. A co dělal ministr Vondra, odpovědný za umělecké dílo? Hned couvnul a nezastal se svého umělce. Pry všechno je ironické a jiný nemají humor.

(zu deutsch, sinngemäß: Wenn ich jemandem ins Gesicht sage, dass er ein Arschloch (wörtlich: Scheißhaus) ist, dann haut er mir entweder direkt aufs Maul oder verlangt Genugtuung. Nichts anders, es geht um keine Beschränkung der Kunst oder um Zensur. Und wenn es sich dabei nicht um eine physische Person, sondern um ein Land handelt, läuft die chose auf einer anderen Ebene ab. Und was hat Minister Vondra, verantwortlich für das Kunstwerk, getan? Er hat sofort gekuscht und ist für seinen Künstler nicht eingestanden. Angeblich ist ja alles ironisch und die anderen haben keinen Humor.)

Wie das Tschechische Fernsehen bekanntermaßen weiß: Zensur, die findet nur bei den anderen statt.

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