Von früh- bis spät- und doch modern: Janáček is back – auf der Bühne und als Konserve
Das vergangene Jahr markierte die 80. Wiederkehr des Todestages des Komponisten Leoš Janáčeks. Der jüngste im Bunde der drei großen frühmodernen tschechischen Tonsetzer hat sich in seinem Spätwerk bereits den moderneren Klangwelten geöffnet. Und da sich Janáček vor allem durch sein Opernschaffen auch international einen Namen gemacht, ist es also konsequent, dass zum Ausklang des vergangenen Jahres seine beiden letzten Bühnenwerke wieder auferstanden sind. Da hat zum einen nämlich das Prager Nationaltheater Narodni Divadlo des Komponisten vorletzte Oper „Die Sache Makropulos“ neuinszeniert, und zum anderen brachte die Plattenfirma Supraphon die letzte Oper „Aus dem Totenhaus“ in einer legendären Inszenierung aus dem Jahre 1964 nun als CD auf den Markt.
1926 und 1928 sind diese Opern in schneller Folge entstanden, und mit beiden verließ Janáček die von seinen beiden Vorgängern Smetana und Dvořák ein- und ausgetretenen musikalischen Pfade endgültig. Leichtherzige Arien versüßten nun nicht mehr die dramatischen Bühnenvorkommnisse, und die Musik unterstrich vornehmlich die Handlungen der Stücke. Das allerdings sorgte das in den 20er Jahren noch für Aufruhr.
Keine Nackedeis…
Zum Skandal hätte die Neuinszenierung „Der Sache Makropulos“ auch gereichen können, allerdings nicht mehr wegen der Musik, die in unseren modernen Ohren schon wieder ganz harmonisch klingt, sondern wegen des Regisseurs und seiner Umsetzung. Denn glaubte man dem Ruf, der dem Amerikaner Christoph Alden vorauseilte, durfte man sich auf Szenen voller sexueller An- und Ausspielungen gefasst machen. Das Thema der Oper, die Liebe und das ewige Leben, hätten Anlaß zu etlichem Handfestem hergeben, und doch, es blieb aus. Dem Publikum werden – was ja auf moderne Weise provokant ist – trabulierende Nackedeis vorenthalten, und es bliebt dem Zuschauer nur einmal mehr, die normative Kraft der böhmischen Bühnen zu bewundern, die sogar amerikanische Skandalregisseure zu zähmen vermag - danke Böhmen!
Geblieben von den alten Vorwürfen an die Oper bleibt deren Kühle. Auch 2008 bleibt das Bühnenbild grau und funktional, und eine großzügige Türenfront, durch die das meist männliche und hochgeknöpfte – im übrigen hervorragende – Personal hinweg und durch marschiert, verhindert jede Intimität der einzelnen Figuren.
Inmitten dieser Männerwelt betört uns eine schöne Frau, großartig interpretiert von der jungen deutschen Sopranistin Gun-Brit Barkmin. Ewig jung ist sie - zumindest für gute 300 Jahre -, denn 1575 wurde ihr ein Zaubertrunk verabreicht, gebraut von ihrem Vater, dem griechischen Alchimisten Makropulos, der auch Leibarzt Rudolfs II. auf der Prager Burg war. Doch oh Schreck, denn nun, im Jahre A.D. 1922, läßt die Wirkung nach, das Rezept muss her, um weitere 300 Jahre ewig jung bleiben zu können, und siehe, am Ende - verwickelt die Umstände - taucht es auf, nur um schließlich – groß ist die Einsicht in das Schicksal der menschlichen Existenz – verbrannt zu werden.
Die Idee der Unendlichkeit und ihre Tragödie, die wahre Hinterlassenschaft der antiken Griechen, bringt Janáček in dieser Oper zusammen und ruft uns zu: Oh Mensch, genieße was du hast denn nach Unendlichem zu gieren, diese Gier endet ohnedies nur tragisch.
Die letzte Oper Janáčeks „Aus dem Totenhaus“, die auf der CD in einer hochwertigen Studioeinspielung von 1964 noch einmal vorliegt, dreht diese musikalische und inhaltliche Form noch einen Zacken weiter. Basierend auf einem vom Komponisten eigens geschriebenen Libretto nach dem gleichnamigen Roman Dostojewskis, gibt es darin keine wirkliche Handlung, und die Musik unterstreicht diesen Umstand noch.
Die Szenerie ist ein Gulag im Sibirien des Zarenreiches, worin Mörder und politische Gefangene, aber auch unschuldig Haftierte miteinander leben und sich ihre Geschichten erzählen, und sie alle dabei im Grunde vom schwierigen Zusammenleben so unterschiedlicher Menschen in einer ewig festgefügten Welt berichten. Es gibt keinen Handlungsstrang in diesem hochmodernen aus Fragmenten erstellten Werk, die aber alle eine einzige Botschaft hinterlassen: In jedem Menschen, was immer er getan oder unterlassen hat, steckt der „Funke Gottes“, wie Janáček selbst es ausgedrückt hatte.
Häufig ist diese Oper nicht gespielt worden. Der Komponist hat die Uraufführung nicht mehr erlebt, und ihm sind auch die Meckereien etlicher Musiker erspart geblieben, die das langjährige Ringen um eine erste Aufführung dieser damals roh und nüchtern erscheinenden Musik zu dem richtungslos erscheinendem Stück begleitete. Am Ende des Stückes nämlich geht alles seinen Gang, den es vorher auch ging, Gefangene kommen und gehen, schuldige und unschuldige, und Leben und Tod sind beiläufige Erscheinungen eines ewig ungerechten Alltages. Erschütterung sollen die wenigen Aufführungen durch Inhalt und Musik beim Publikum ausgelöst haben, sowohl 1930, bei der schließlich ersten Mal, aber auch 1964, während der kleinen sowjetischen kulturellen Zwischenwarmzeit, aus der diese Aufnahme stammt.
… kein Schocker
Das ist heute nur noch schwer nachvollziehbar. Liegt das daran, dass unsere Herzen sich zusammen mit unserem Musikempfinden bereits reichlich ausgekühlt haben? Oder auch daran, dass in der nun mehr durchgemachten Postmoderne der Gedanke an die Wiederkehr allen Gewesenen schon Allgemeingut ist? Verknüpft man die Aussagen dieser beiden Opern, der aufgeführten und der eingespielten, paßt ihre gemeinsame Botschaft in die Zeiten einer genüßlichen Aussichtslosigkeit. Schocken aber können sie uns nicht mehr, schon gar nicht mit ihrer Musik, die uns ohne erkennbare Höhepunkte, aber stetig und beständig auf hohem Niveau durch die Handlungen beider Opern leitet.
Fast schon folgerichtig errang die Aufnahme bereits 1978 - damals noch als Schallplatte – den „Grand Prix du disque lyrique“, denn lyrisch und geschmeidig erscheint uns diese Musik nun eben heutzutage. Und so scheint nun diese erneute Herausgabe als schöne Doppel-CD auch gerade noch rechtzeitig zum vermeindlichen Ende unserer Spätmoderne gekommen zu sein.
“Die Sache Makropulos” (Věc Makropulos)
Neuinszenierung im National-Theater von Christopher Alden
Infos und Tickets:
www.narodni-divadlo.cz
Weitere Aufführungen in der laufenden Saison:
1. und 21. Februar 2009
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“Aus dem Totenhaus” (Z mrtvého domu)
CD von einer Studio-Einspielung der Inszenierung des ND von 1964
Václav Bednař, Helena Tattermuschová, Beno Blachut u.a.
Chor und Orchester des Prager National-Theaters unter Bohumil Gregor
Supraphon SU 3943-2
Infos: www.supraphon.com
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