Ach mein lieber Schwan - Tschaikowskis beliebtestes Ballettstück im Nationaltheater
Von Anbeginn seiner Existenz in dieser Welt begleitete jegliche Kritik an dem Ballettwerk „Schwanensee“ von Pjotr Iljitsch Tschaikowski die kritische Kritik an der Kritik, und kritische Kritiker wurden seither vom begeisterten Publikum zur Hölle gewünscht. Und so wird es auch jedem Kritiker ergehen, der sich an einer Kritik über die Neuinszenierung im National Theater zu Prag, dem Narodni Divadlo, versucht. Dieses Tanztheater ist einfach das beliebteste und meistgespielte Ballett aller Zeiten und wird es – soviel sagt dieser Kritiker nun voraus – bis in alle Ewigkeiten bleiben, denn sicher wird es auch noch im Paradies aufgeführt.
Musik und Choreographie aus dem Jahre 1877 wurden von Anfang an belacht und bejubelt, was beides seine Gründe in Einem hat: Alle gängigen Formen und Stile des Tanztheaters sind in das Stück eingearbeitet und werden in gekonnter Folge abgefeiert, vom lyrischen pas de deux über die Massen-Polonaise bis zum feurigen Hochleistungsvolkstanz ist alles dabei, und auch in der neuerlichen Ausgabe in Prag wird nichts davon ausgespart. Es soll laut Programmheft sowieso an Böhmen liegen, dass es das Werk in dieser Form überhaupt gibt: Denn der erste Choreograph der heute noch maßgebenden Moskauer Uraufführung war ein Tscheche namens Václav Reisinger, und von Tschaikowski wurde der Ausspruch überliefert, er habe den besten 2. Akt seines Balletts 1888 in Prag gesehen.
Der beste Akt
So ist Böhmen nun mal, und wer wollte an einem böhmischen Werk schon was ändern? Das geschah auch in dieser Reprise nicht. Und als dieser Kritiker, der sich während der Premiere mit dem Gedanken beschäftigte, ob dieses Stück bis in alle Ewigkeit modernisierungsresistent blieben werde, im Anschluß an die Aufführung den jungen dänischen Regisseur und Choreograph fragte, ob der sich Neuerungen daran vorstellen könne, da sagte Kenneth Greve: Ja, das könne er durchaus, umsetzen aber kann man solche Änderung vielleicht in Berlin oder Amsterdam, jedoch nicht in Prag. Und außerdem, fügte der in den USA ausgebildete Tänzer, der in seiner Bühnenzeit alle wichtigen Rollen des klassischen Repertoires getanzt hatte, hinzu, sei er gerne auch mal altmodisch.
Dafür bietet Prag tatsächlich das beste Pflaster, zumindest in den großen bürgerlichen Kunstformen. Und wie schön es ist in dieser Welt der Künste: Wunderbar leicht wiegen die Schwäne ihre Flügelarme, ohne jemals abzuheben und gleiten doch so sanft dahin. Und was für zauberhafte Bühneneffekte bietet diese Inszenierung für den Abstieg in die Welt der Seen und den Verwandlungen von Mensch zu Schwan und zurück. Und ach je, die Musik! Orchesterklänge satt und immer wieder herrlich gekonnte Solopartien für Harfe, Geige und Flöte. Und die Geschichte: Schwan und Mensch, eine in den Legenden aller Völker innige Beziehung scheint zwischen ihnen zu herrschen, böser Zauber zwar, der für die Mutation einer Prinzessin in einen Schwan sorgte, in die – oder den? - sich der heiratsfähige Prinz verliebt hat, doch schaurig schön.
Nur eines hat sich dann doch immer wieder den Geschmäckern der Zeit angepasst: das Ende der Geschichte. Das war mal tragisch, wenn der Held alles richtig machen will und doch nur Tod und Untergang in den Untiefen des Sees findet, mal heroisch, wenn er sich im Kampf gegen den Fluch des bösen Zauberers über die Prinzessin opfert, oder düster, wenn das Paar schließlich freiwillig aus der Bühnenwelt scheidet.
Der letzte Akt
Das Stück böte durchaus noch weitere Zuspitzungen: Da könnte man zum Beispiel den homoerotischen Aspekt noch vertiefen, als nämlich - oh mein lieber Scholli - der Prinz mit seinem zum schwarzen Schwan verhexten Jugendfreund ein scharfes pas de deux aufs Parkett legt. Da wäre auch anbetracht der Gerüchte über die Neigungen Tschaikowski noch was zu holen, aber dann wohl eher in Berlin oder Amsterdam. Doch so könnte man es wenigstens mal mit der Variante versuchen, in der sich der Prinz gänzlich für den Schwan entscheidet und sich gar nicht mehr eine tatsächliche Frau zur selbigen wünscht, zumal der Komponist die seine – glaubt nachgelassenen Briefen - nicht ausstehen konnte.
Dieser Kritiker, wie es scheint, will wohl über den Umweg der kritischen Kritik ins Paradies verdonnert werden, wo er zusammen mit dem unentwegt applaudierenden Publikum tausend Mal hintereinander Schwanensee sehen darf. Dann aber bitte doch in dieser Prager Variante mit dem flotten Schluss, wenn die frisch zurückverwandelte junge Frau zeitgleich mit dem Vorhang voller schmachtender Sinnlichkeit in die Arme des Prinzen fällt - immer wieder, bis in alle Ewigkeit.
„Schwanensee“ (Labutí jezero) im Nationaltheater (Narodni Divadlo)
Weitere Informationen und Tickets unter: www.narodni-divadlo.cz
Weitere Aufführungen in der laufenden Saison:
17., 18. und 23. Februar
11. und 12. März
22. und 24. April
14. und 16. Mai
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