Martinů - Yes, He Can!

martinu-nipponari.gifSo ein reiches Archiv muss man erst mal haben, wie das jene der Plattenfirma Supraphon. Allerdings muss man aus der Fülle auch immer wieder das richtige herausfischen. Das ist Supraphon nun einmal mehr gelungen, denn ein kleines Juwel sind die beiden Liederzyklen, die bereits 1988 eingespielt wurden und sich nun auf einer CD-Neuerscheinung zum Auftakt des Martinů-Jahres 2009 befinden.

In diesen beiden Frühwerken huldigte der junge Komponist der Asienbegeisterung, die vor hundert Jahren unter Europas Künstlern und allen, die es werden wollten, offensichtlich grassierte. Asien, das hieß vor allem China und Japan und die Begeisterung galt deren Lyrik und Grafiken aus bereits lange zurückliegenden Jahrhunderten. Vermutlich war es die Zeitlosigkeit, die der Poesie und Malerei aus Ostasien bis heute anhaftet, die in die aufregenden Vorkriegszeiten und den zukunftserregten Seelen ein wenig Entschleunigung brachte. Die Epoche der Romantik war vorbei, dafür hatte die rasante Gründungszeit gesorgt, doch ihre Sehnsüchte nach romantischer Hingabe waren und sind damit noch lange nicht erledigt.
Dass man aus knallhartem Pragmatismus erlesen Dichten kann, beweisen uns zum Beispiel die Japaner bis heute. Denn um das vermutlich universelle kreative Phantasieauslebungsbedürfnis eines jeden Menschen zu befriedigen, bevor es allzu schrille Schrullen treibt, werden noch heute in Japan jedes Jahr über eine Million Haiku-Kurzgedichte in Papierform veröffentlicht, und dazu kommen all die ungezählten, die als SMS durch den Äther schwirren. Und in China hatte selbst Mao zu jedem tatsächlichen und vermeintlichen historischen Ereignis passende Verse kaligraphiert, bis mit der unsäglichen Kulturrevolution die phantastischen Bedürfnisse fern von der Kultur ihre Befriedigung zu suchen hatten. Und im neuen Europa? Wohin mit nun all diesen Energien, wo doch Finanzmärkte und all diese phantastischen Ersatzspielfelder der letzten zwanzig Jahre ja erst einmal unbespielbar geworden sind?

Da kommt diese CD also gerade richtig: Denn warum sollte man es nicht einfach machen wie Martinů? Der hat  sich von japanischen und chinesischen Gedichten übers Altern und die Liebe zu einem fernen Heimatlandschaft verzaubern lassen. Alles Sehnsüchte, die unmöglich jene eines 22-jährigen gewesen sein konnten, der noch Zuhause hockt. Nein, der Mann hatte einfach Mut zur Romantik und hat damit eine wunderbare Lebensbereicherung erfahren. Diese schöne CD ist mit einem umfangreichen Booklet ausgestattet, worin allen Gedichten auch in der zeitgenössischen deutschen Übersetzung von Paul Enderling abgedruckt sind, und tatsächlich, sie können den Leser sehnsüchtig hinterlassen.

Dass Martinů diese dann auch noch in schöne Lieder für Sopran mit Orchesterbegleitung gegossen hat, dafür sei ihm noch immer Dank geschuldet. „Nipponari“ benannte er den ersten Zyklus von 1912, in denen er sieben japanische Gedichte mit Hilfe der Technik von Ganztonmelodien und einer originellen Besetzung aus Streichern, Flöte, Harfe, Horn, Celesta und Triangel in eine eigene Exotik verwob. Dieser Zyklus gelangte allerdings zu Martinůs Lebzeiten nicht zur Aufführung, anders als die sechs Jahre später entstandenen drei Lieder zu chinesischen Gedichten, die unter dem Titel „Magische Nächte“ erschienen. Die Orchesterbesetzung war zwar inzwischen größer geworden, und in der Komposition finden erste harmonische Brüche Anwendung, aber trotzdem darf man beide Zyklen zur Epoche der Neoromantik zählen.

Man kann sich vor lauter Sehnsüchten natürlich auch ins Pathos fliehen. Das geschah wohl bei der dritten Komposition dieser CD. Es war 1918, national war da das Pathos, eine „Tschechische Rapsodie“ aus Orchesterstück, Chor und Bariton zu Ehren des tschechischen Schutzheiligen St. Wenzel ist es geworden, verwendet wurde ein Sammelsurium aus Bibeltexten und erbaulichen nationalen Gedichten aus der völkischen Aufbruchszeit vor dem Ersten Weltkrieg, und das alles wurde in der Gründungsphase der tschechoslowakischen Ersten Republik aufgeführt.

Das Werk ist von der zeitgenössischen Musikkritik ob des pathetischen Mischmaschs eher zerrissen worden, vom national gestimmten Publikum allerdings bejubelt. Und heute? Kann den gegenwartsgestimmten Hörer so etwas noch mitreißen? Das möge jeder für sich entscheiden, und am besten wird er es können, wenn er erst einmal durch die exotisch gestimmten Liederzyklen in eine andere, phantastisch-schöne Welt entrückt worden ist.

Bohuslav Martinů:

Nipponari
Magic Nights
Czech Rhapsody

Dagmar Pecková – Sopran
Ľubica Rybárska – Sopran
Ivan Kusnjer – Bariton

Gemischter Chor Kühn
Prager Symphonie Orchester

Supraphon  SU 3956-2

Informationen unter www.supraphon.com

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