Mein erster Halbmarathon als Walker - Teil 2

Gegen Viertel vor Zwölf bin ich am Rudolfinum. Es geht zu wie auf einem Volksfest. Überlaute Tanzmusik, Gedränge, Durcheinander. Ich frage mich zu meinem Startsegment durch, das rund 100 Meter hinter der ersten Läuferlinie liegt und mache ein paar Dehnübungen, um die Zeit zum Startschuss irgendwie zu überbrücken. Bevor es aber losgeht, gibt es über die Lautsprecher noch ein Interview mit Václav Klaus, dem Punkt Mittag die Ehre zukommen wird, den Startschuss abzugeben.
Der tschechische Präsident klingt locker und weiß zu jedem Sportthema, das die aufgekratzte Moderatorin anschneidet, mit einer Sicherheit zu plaudern, als gehe es um den globalen Klimawandel oder den EU-Reformvertrag. Ich merke mir, dass er für Ausdauersport nicht so viel übrig hat, dafür aber ein leidentschaftlicher Eishockey-Fan ist und die Play-Off-Spiele um die tschechische Meisterschaft jedes Jahr fieberhaft mitverfolgt. Trotzdem hat er einmal einen Langstreckenlauf absolviert, über “viermal 50 Kilometer”. Nicht schlecht für einen Langstrecken-Muffel.
Noch bevor ich mich entscheiden kann, ob ich ihn bewundern, beneiden oder das alles einfach nur für Aufschneiderei halten soll, knallt es. Die vorderen Reihen laufen los. Als endlich, nach stundenlangen anderthalb Minuten, die Reihe vor mir startet, setze ich mich auch in Bewegung. Angesteckt von der Masse, beginne ich in einem flotten Jogging-Tempo - obwohl ich das weder wollte noch gar konditionell durchstehen könnte. Die Zuschauer am Straßenrand feuern ihre mitlaufenden Freunde, Ehepartner, Kinder, Eltern an und machen dabei einen Riesenlärm. Ich bin froh, niemanden mitgenommen zu haben und - bis auf einen Sportfotografen - keinem Bekannten über den Weg gelaufen zu sein. Aufgeben oder das Zeitlimit nicht zu schaffen wäre mir doch zu peinlich.
Auf der Kreuzung Křížovnická/Kaprova biege ich mit der Menge rechts auf die Mánes-Brücke. Direkt vor mir der Ballon der Zwei-Stunden-Tempomacher, an dem ich mich anfangs orientiere. Das ist zwar nicht meine Klasse, aber die ersten zwei Kilometer halte ich einigermaßen mit. An einem Punkt, den ich einige hundert Meter zuvor anvisiert hatte, wechsle ich die Gangart und beginne mit meinem Schnellgehen, das ich monatelang trainiert habe und mit dem ich ursprünglich die gesamte Strecke schaffen wollte. Dann eben nur knapp 19 Kilometer.
Ab jetzt beginnt die Routine. Ich verfolge die Pacemaker-Ballons nicht mehr und gehe stattdessen mein eigenes Tempo. Zur Kontrolle zähle ich mit der Stoppuhr des Handys die Schrittfrequenz, wie während der Übungsrunden auch. Die erste Messung ergibt gut 160 Schritte pro Minute, so schnell bin ich im Training selten. Ich will die Prozedur wiederholen, aber davon halten mich zwei Jungs von schätzungswise 14 Jahren mit Rapper-Klamotten und entsprechend großer Klappe ab. “Podivej se, vole! Buzna!”, schreit einer - “Ey, schau mal, ‘ne Schwuchtel!” Sie brechen fast ab vor Lachen. Und ich muss mich auch schwer beherrschen, ernst und im Schritt zu bleiben. Später provoziert mein Laufstil noch ein paar andere Bemerkungen. Diese erste bleibt aber unübetroffen.
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