Bio in Prag

Als Berliner Göre, die in Kreuzkölln lebt (das Gebiet zwischen Kreuzberg und Neukölln), bin ich in Bezug auf Biolebensmittel verwöhnt und greife vor allem im Bereich der Milchprodukte gerne zu. Auch fair gehandelter Kaffee ist mir sehr wichtig und steht immer in meinem Küchenregal. Die Berliner Infrastruktur ist diesbezüglich besonders in Kreuzberg und Friedrichshain sehr gut ausgebaut. Mittlerweile gibt es sogar einige Bio-Supermarktketten (LPG, Bio Company, viv) und auch die Discounter, allen voran Plus und Lidl machen den Trend mit. Diese Entwicklung ist dann schon wieder etwas fragwürdig, weil kleine private Bioläden es schwerer haben zu überleben.

Auch in Prag wollte ich nicht auf diesen von mir favourisierten Lebensstil verzichten. Deshalb machte ich mich auf die Suche nach vergleichbaren Einrichtungen in der tschechischen Hauptstadt.

Der tschechische Pionier auf dem Gebiet der Bio- und Naturkostprodukte war Country Life, eine Gruppe von Siebenten-Tags-Adventisten(in Deutschland als protestantische Freikirche anerkannt), die sich 1991 zusammentat. Im Prager Zentrum betreibt Country Life in der Melantrichova 15 und in der Jungmannova 1 Bioläden und vegane Restaurants. Ein Großteil der Produktpalette wird von der Hausmarke Country Life bestritten. Außerhalb von Prag besitzen die County Lifler nämlich einen Biobauernhof. Man sollte jedoch trotzdem genaustens auf die Packung achten, denn manche Lebensmittel von Country Life sind weder bio noch regional. -Wie hab ich mich geärgert, als ich Haferflocken aus England nach Hause getragen habe. Die Country Lifeler backen auch köstliches Brot und sogar die Kekse ohne Zucker sind verführerisch.

biocz.jpg      slov.jpg

tschechisches Biosiegel                                      slowakisches Biosiegel

Eine andere Institution ist Albio (z.B. Truhlářská 20). Hier gibt es so gut wie alles, was das Bio-Herz begehrt, inklusive angeschlossenem Restaurant. Es fällt jedoch auf, dass eine Vielzahl der weiterverarbeiten Produkte, wie zum Beispiel Marmelade, Pasteten und Kochmischungen nicht dem Anspruch der Regionalität genügen können. Englische und deutsche Marken sind hier stark vertreten. Zu den einheimischen Marken gehören Bio Harmonie  und Biolinie. Als tschechische Marken bieten sie Mischungen für bramboráky (würzige Kartoffelpuffer) und knedlídky (Knödel) an. Ein weiteres tschechisches Spezifikum sind die Bio-Reiswaffel, die sehr beliebt zu sein scheinen. Brotaufstriche hingegen, bei deutschen Bio-Essern immer ein Renner, erhalten hier nicht die gleiche Aufmerksamkeit. Eine weitere interessante Entdeckung ist Lifefood. Die Produkte sind ausschließlich Rohkost freundlich herestellt. Da kann sogar der Möhrenknabberer mal ein Stückchen Schokolade genießen.

Auch wenn Albio und Country Life mehrere Filialen haben, sind sie nicht mit den deutschen Biosupermärkten vergleichbar. Das Sortiment ist eingeschränkter, vor allem im Bereich der Milch-und Käseprodukte. (Diese kommen dann vor allem aus der Slowakei.) Gleichzeitig ist die Einkaufserfahrung hier sehr persönlich und entspannt.

Auch in den großen Supermärkten, wie zum Beispiel Tesco, Albert und Billa kann man Biolebensmittel finden. Die Ketten haben dabei meist ihre Hausmarken. Die durchgängige Verkaufsstrategie scheint die Bioecke zu sein, in welche die Köstlichkeiten gepfercht sind. Aber auch zwischen dem konventionellen Sortiment sind Bioprodukte manchmal versteckt. Hier muss ich vor allem Billa lobend hervorheben, weil dort meine Einkaufnavigation sichtlich erleichtert wird: Bio ist mit-wie sollte es auch anders sein- grüner Etikettierung von Nichtbio abgehoben.

Schwerer erhältlich als Biolebensmittel sind fair gehandelte Produkte. Im Country Life gibt zum Beispiel keinen Kaffee, weil die Siebenten-Tags-Adventisten Alkohol und Kaffee meiden. Im Albio kann man schon eher fündig werden. Hier gibt es auch eine reichhaltige Auswahl an fair gehandelter Schokolade, auch Kaffee und Kakao sind im Sortiment. Das Ryba Na Ruby (Mánesov 87) (ist neben einem Weltladen auch eine Teestube, in der fast täglich Konzerte stattfinden-sehr zu empfehlen) und das Na Zemi ( Bělehradská 60) sind spezialiserte Eine-Welt-Läden, die nicht nur Lebensmittel führen. Zur Zeit gibt es noch keinen direkten Handel zwischen Tschechien und den Produzenten von Fair Trade Produkten. Die Waren werden aus den umliegenden Ländern importiert. Die Společnost pro Fair Trade (Gesellschaft für Fair Trade) setzt sich jedoch mit verschiedenen Aktionen und Projekten dafür ein, dass die Wichtigkeit des fairen Handels ins Bewusstsein der tschechischen Öffentlichkeit gelangt.

vegetarische/vegane Restaurants in Prag: http://www.etickyspotrebitel.cz/
Bioläden in Tschechien:  http://www.biopotraviny.info/prodejny.html
http://lifefood.eu/
http://www.countrylife.cz/
http://www.rybanaruby.net
www.fairtrade.cz

Die neuesten Beiträge von Lisa Schulze


6 Reaktionen

10. Mai 2009, 7.26 Uhr [1] Katharina sagt:

Sehr guten und fairen Kaffee findest du auch bei Mama Coffee in der Londýnská 49. Mein Favorit: der äthiopische Kaffee (wohl auch der teuerste, aber 10% des Preises fließen in Entwicklungsprojekte in Äthiopien). mehr infos: mamacoffee.cz

Gruß, Katharina

10. Mai 2009, 7.31 Uhr [2] Lisa sagt:

Ahoj Katharina,
Danke für den Hinweis- ich arbeite auch gerade an einem Café-Tipp für eben dieses Café :) Einer meiner neuen Favouriten.

10. Mai 2009, 10.05 Uhr [3] Christian B. Schäffler sagt:

Über den Beitrag von Lisa Schulze habe ich mich sehr gefreut. Sie schreibt u.a.
“Der tschechische Pionier auf dem Gebiet der Bio- und Naturkostprodukte war Country Life, eine Gruppe von Siebenten-Tags-Adventisten(in Deutschland als protestantische Freikirche anerkannt), die sich 1991 zusammentat.”

Dazu möchte ich nicht abwertend, aber ergänzend - im Sinne einer Klarstellung - mitteilen, dass es sich bei Country Life um eine private, kommerzielle Firma handelt, die keinerlei wirtschaftliche Verflechtungen mit der von Ihnen genannten weltweiten Freikirche unterhält. Es handelt sich bei der überwiegenden Zahl an Führungskräften und Mitarbeitenden jedoch tatsächlich um adventistische Christen, die ihren Glauben und ihre Auffassung über eine gesunde Lebensweise mit Country Life in die Tat umsetzen.

Nicht nur einzelne kreative Laienmitglieder bei den Adventisten, sondern auch die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten selbst ist im Gesundheitsbereich weltweit tätig. So unterhält die Freikirche beispielsweise 168 Krankenhäuser, 433 Kliniken. Rund 94.200 Ärzte, Krankenschwestern und anderes Personal sind Angestellte der kircheneigenen Institutionen. Jährlich werden weltweit über 15,5 Millionen Personen ärztlich behandelt. Darüber hinaus besitzt die Freikirche 24 Gesundkostfabriken. Die bekannteste unter ihnen befindet sich in Australien: Sanitarium Health Food Company.

11. Mai 2009, 6.41 Uhr [4] Angelika Deutschmann-De Luca sagt:

Lisa, Du bevorzugst Regionalität und schreibst, dass die Auswahl nicht mit deutschen Bio-Supermärkten vergleichbar ist. Der größte Produktanteil in deutschen Bio-Supermärkten kommt nicht aus der Region - genau aus diesem Grunde ist das Angebot so vielfältig. Ich muß nicht unbedingt die Flugananas haben, aber bei uns wächst diese Frucht wie die Banane nun mal nicht. Ich bevorzuge beim Einkauf die saisonalen Produkte und bei Obst, Gemüse, MoPro und Fleisch sollten es möglichst die regionalen sein.

11. Mai 2009, 10.07 Uhr [5] Lisa sagt:

Da hab ich mich etwas undifferenziert ausgedrückt :)
Mit dem “eingeschränkteren Sortiment” spiele ich eher auf die Programmtiefe als die Programmbreite an. Ich habe z.B. noch keine Bio-Butter von einem tschechischen Anbieter entdeckt, der Regionalität mehr oder weniger garantieren könnte. Das eigene Potential wird also noch nicht voll ausgenutzt, wie mir scheint.

17. Mai 2009, 17.17 Uhr [6] Angelika Deutschmann-De Luca sagt:

Ah, verstanden. Ja, das finde ich auch bedauerlich. Vielleicht hängt es auch mit den Einkaufspreisen zusammen, denn oft sind ja Produkte von großen Herstellern billiger. Vielleicht müssen wir Verbraucher auch die regionalen unterstützen und auch bereit sein, nicht immer das billigste Produkt zu kaufen.

Einen Kommentar schreiben

(erforderlich)
(erforderlich)

TOPlist