Ein historischer Moment: Deutschland sagt Danke

Die Geschichte geht mit historischen Momenten sparsam um, nicht aber die Geschichtsschreiber. Und da es Geschichte ohne ihre Schreiber gar nicht gäbe, bestimmt jeder dieser Schreiber seine eigenen Momente, die er für historisch hält.

Bundesaußenminister Steinmeier sah einen derartigen Moment gekommen, als er sich letzten Montag auf dem Wenzelsplatz mitten in Prag bedankte. Damit dieser Vorgang allerdings historisch war, hatte nicht er sich bedankt, sondern Deutschland, für das er der Stellvertreter auf böhmischen Erden war. Deutschland hat also Danke gesagt und klar, dass da böse Zungen nun sagen könnten, dass das an sich schon historisch sei. Denn hatte historisch betrachtet Deutschland bislang nicht immer nur “Bitte” gesagt? Und läßt sich nicht gleich in unmittelbarer Nähe des Wenzelsplatzes, im Nationalmuseum bewundern, wie? Da ist nämlich zur Zeit das Münchner Abkommen von 1938 zu sehen, worin die Tschechoslowakei auf inständiges Bitten Deutschlands zur Abtretung seines Territoriums von den vier Unterzeichnermächten nachdrücklich gebeten wurde.

 

Doch nein, die bösen Zungen mögen verstummen, denn nun ist alles anders: Deutschland sagt Danke. Und wie! Blaue, begehbare Kuben, beklebt mit Fotos aus Ostmitteleuropa in der Wendezeit vor und um 1989, multimedial ausgestattet mit TV-Schirmen mit Bildsequenzen aus Ostmitteleuropa in der Wendezeit vor und um 1989, dazu ein bemalbares Mini-Mauer-Imitat, das alles auf ca. 25 mal 5 Metern mitten auf einer Verkehrsinsel im Wenzelsplatz. Klar, dass der Außenminister am nächsten Morgen bei einer Pressekonferenz im Tschechischen Außenministerium sagen würde, es sei für ihn ein “bewegender Augenblick” gewesen, ausgerechnet dort eine Rede halten zu dürfen.

US-Präsident Barack H. Obama konnte seine Rede ja bloß auf dem Burgvorplatz halten, aber der Wenzelsplatz: Der Schicksalsort der modernen Tschechoslowakei; der Platz, auf dem 1998 das historische Olympiagold der tschechischen Eishokeymannschaft in Nagano von 140.000 Menschen bejubelt worden war; der magische Ort, über den sich tagtäglich Heerscharen von Touristen aus aller Welt vorbei an Spielsalons, Sportbars und anderen Bars schieben und dabei die großflächigen Werbeplakate, die die historischen Fassaden verhängen, bewundern können; hier also befindet sich der Ort der laut eigener Aussage als historisch empfundenen Rede des deutschen Bundesaußenministers Frank W. Steinmeier. Und dass dieser Ort auch noch vom Autolärm umtost war, mag dem obersten Abwrackprämierer geradezu wie Musik in den Ohren geklungen haben, jedenfalls hat es seiner sichtlich guten Laune keinerlei Abbruch getan.

Dort also sagte Deutschland Danke. Aber wofür eigentlich? Ach ja, danke sagt es für zwanzig Jahre deutsche Einheit und die hilfreichen Beiträge, die die Völker Ost- und Mitteleuropas zu diesem großen, hehren Ziel geleistet hatten. Und nun? Sagt das Publikum auch artig Bitte? Doch halt, wer war denn überhaupt zugegen, als Steinmeier redete? Bei Obama waren es 30.000 von den Massenmedien zusammengetrommelte Zuhörer, die zuvor auch noch mit Winkelementen ausgestattet worden waren, doch dem Bundesaußenminister lauschten mindestens fünfzig aufmerksame Vertreter deutscher Institutionen in Prag und nochmals zwanzig bis fünfundzwanzig mehr oder weniger aufmerksame mit ihm aus Berlin angereiste Pressevertreter. Und die wenigen Prager, die dann doch wohl eher zufällig zu schauten, konnten dabei gleich mal sehen, wie man Wahlkampf fern der Heimat macht.

Kaum aus dem bundeseigenen Auto gestiegen, welches dazu kurz im Halteverbot stand und den Verkehrsfluss um den Wenzelsplatz behinderte, erkundigte sich der SPD-Kanzlerkandidat nach dem ARD-Fernsehteam, das sich schließlich unter großen physischen und mentalen Anstrengungen im Pulk der Fotografen bis zu ihm durchschlagen konnte. So konnte sich der Außenminister nun unmittelbar in den heimischen, deutschen Wohnstuben via Tagesschau bei den Ostmitteleuropäern bedanken. Dann schritt er das Spalier aus den ihm aus der Bundespressekonferenz in Berlin bereits bestens vertrauten Gesichtern der mitgereisten Bundeshauptstadtjournalisten ab, um dann auf dem Podium diese Übung als historischen Moment zu bezeichnen: Deutschland sagt Danke und schaut sich dabei zu. Wahrlich, ein historischer Moment, einer von jenen, mit dem die Geschichte dann später einmal hoffentlich sparsam umgehen wird..

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