Drinnen Kunst, draußen Performance
Dies ist ein Veranstaltungshinweis. Allerdings einer ohne Ortsangabe, da sich die Veranstaltung an einem Ort abspielt, an dem sie gar nicht stattfinden dürfte. Und ohne Zeitangabe, da sich der Zeitpunkt der Aufführungen nur durch Mund-zu-Mund-Proganda verbreiten darf. Und überhaupt läßt sich nicht einmal sagen, was diese Veranstaltung eigentlich ist. Das liegt aber nicht daran, dass man es nicht dürfte, sondern daran, dass man es nicht weiss, was man da gesehen hat, wenn man die Aufführung schließlich doch einmal erleben durfte.
Soviel zumindest kann berichtet werden: Der Veranstaltungsort ist ein mehrstöckiges, ganz normales Mietshaus, dem das auf der Kleinseite ganz normale Schicksal einer Entmietung droht. Somit leben nicht mehr allzu viele Mietparteien darin, doch unter ihnen noch eine Gruppe von Künstlern. Und die lädt ein zu einer abendlichen Performance. Dabei wird die ausgewählte Gruppe von Zuschauern vom Keller übers Treppenhaus bis auf den Dachboden in alle möglichen Räumlichkeiten geführt. Und jeder dieser Räume ist eine Bühne für eine mehr oder weniger seltsame Performance, die alle zusammen eine derart bizarre Wirklichkeit darstellen, dass man nicht einmal mehr so recht weiss, ob der Mieter, der plötzlich aus der Wohnung kommt, im geheimnisvoll ausgeleuchteten Treppenhaus das grelle Minutenlicht anknipst und runter zur Haustür geht, um jemanden hineinzulassen, nun Teil der Vorführung ist oder nicht.
Ist er nicht, wie man nachher erfahren konnte, alles andere aber doch: Das Herbstlaub, über das der Besucher gleich zu Beginn schreiten konnte, die merkwürdigen Szenen um eine Zeitung und einen Radiorecorder im feuchten Kellergewölbe, die Tanzfiguren im Treppennischen, die Auflösung der vertikalen Weltsicht durch die Verlegung eines Essens zu Zweit in die Horizontale inklusive liegender Stühle, die Jongleursnummer und Handstandläufe im Türrahmen, die Beinrasur vorm Spiegel und laufendem Fernseher, eine Fadenspinnerei unterm Dach oder das klatschnasse Wäschegeschleuder im Trockenboden. Alles echt, alles gehört dazu, und doch stellt sich keine Ahnung ein über den Zusammenhang, in den man dieses alles stellen könnte.
Geheimnsvoll wie Ort und Zeit des Ereignisses ist auch das Prinzip, welches dahinter stehen mag. Die Handlungen, in den ein einzelnen Räumlichkeiten vollzogen werden, bergen für sich genommen vielleicht noch eine gewisse Logik, das Ganze anscheinend nicht. In jedem Zimmer aufs Neue versucht sich der Zuschauer darin, ein Prinzip im Ablauf der dargeboteten Szene herzustellen, und sei es nur, um sich gegen die Zufälligkeit der sich aus alledem zusammensetzenden Wirklichkeit zu stemmen. Doch all diese Suche nach dem einen Prinzip allen Handels führt letztlich nur dazu, dass man - nun wieder draußen auf der Bühne der Straße - schließlich nicht mehr weiss, ob das alltägliche Gewerke letztlich auch nichts weiter ist, als eine stetig sich fortsetzende Performance, denn geheimnisvoll sind Raum und Zeit ja ohnedies, mit oder ohne genaue Angaben zu ihren Koordinaten.
Site Specific Performance “Temporarily in use” (Docasne v provozu) directed by performance artists Biljana Golubovic and Dragan Dragin.
Fotos von Björn Steinz (http://www.oka2.com)
Weitere Bilder der Performance unter:
http://oka2.com/index.php/Projects/68/
Die neuesten Beiträge von Michael Magercord
- Dünkirchen-Prag: Tröstliches Requiem - 11.10.2011
- Tschechischer Filmemacher gewinnt Preis im Filmfestival der Meere von Dünkirchen - 03.07.2011
- Saisonauftakt der Tschechischen Philharmonie - 07.09.2010
- Prager Frühling erfüllt Träume - 17.05.2010
- Saisonvorschau der Tschechischen Philharmonie - 03.05.2010
- In der Kräutersammlung der Nachtoptiker - 07.11.2009
- Was wir schon immer voneinander wissen wollten... - 23.09.2009

Mit ImageSpread Kostenlos Fotos und Bilder hochladen